Kultur : Der Sprachmusiker

Zum 70. Geburtstag des Joyce-Übersetzers und Schriftstellers Hans Wollschläger

Steffen Richter

Gotthold Ephraim Lessing soll im Alter über Müdigkeit geklagt haben. Das Projekt, die Welt vernünftig einzurichten, schien gescheitert. Von „Müdigkeit“, „Erosion“, „Desillusionierung“ spricht auch Hans Wollschläger gelegentlich. Und weil er entgegen allen Trends der intellektuellen Arbeitsteilung die Vielfalt der Welt noch immer zusammen denkt, hat sein Wort Gewicht. Wollschläger ist Spezialist für (fast) alles. Der im westfälischen Minden geborene Pfarrerssohn studierte Kirchenmusik und nahm Dirigierunterricht. Er ist Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, Psychoanalytiker, Historiker, Organist und natürlich Übersetzer. Die meisten deutschen Joyce-Leser wissen von ihm, dass Buck Mulligan am 16. Juni 1904 „stattlich und feist“ am Treppenaustritt erschien. So setzt der „Ulysses“ ein, das Grundbuch der modernen Prosa. Ohne Wollschlägers kongeniale Übersetzung von 1975 sähe die deutsche Joyce-Rezeption anders aus.

Seine Übertragungen von Dashiell Hammett oder Raymond Chandler mögen Brotarbeiten gewesen sein. Was er aber bei Poe und Joyce lernte, ist dem eigenen literarischen Vorhaben zugewachsen. 1982 erschien der erste Teil seines Textgebirges „Herzgewächse oder Der Fall Adams“. Auf der Oberfläche geht es um den Kriegsheimkehrer Michael Adams, aber eigentlich will Wollschläger ein literarisches Äquivalent zur Musiksprache Mahlers schaffen. Geschult an den polyphonen Assoziationsketten in Joyces „Finnegans Wake“, gibt es für ihn kein Zurück hinter die Standards der Avantgarde. Der modernen Literatur, meint er, müsse man ansehen, dass es Joyce und Arno Schmidt gegeben hat. Mit Schmidt, der ihn als seinen einzigen Schüler akzeptierte, verbindet Wollschläger die exklusive – manche sagen: elitäre – Distanz zum Literaturbetrieb. Seit 1962 schickt er von seinem Wohnort Bamberg aus Bücher und Streitschriften in die Welt: eine Karl-May-Monografie (1965), ein religionskritisches Buch über „Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem“ (1970), eine Friedrich-Rückert-Edition oder die Essaysammlung „Tiere sehen dich an“ (2002), eine Auseinandersetzung mit dem deutschen Tierschutz und der Sprache der Wissenschaft.

Anlass zum Jubeln gibt es in den Augen des ernüchterten Aufklärers nicht. Umso erfreulicher, dass der Göttinger Wallstein Verlag zu seinem heutigen 70. Geburtstag Erinnerungen an Adorno publiziert („Moments musicaux. Tage mit TWA“. 40 S., 14 €). Da versetzt er sich in den 25-Jährigen zurück, der während der Wiener Festwochen 1960 mit Adorno die Orchesterproben der Wiener Philharmoniker unter Karajan besuchte. Wenn er das „geistige Maß“ und die „Menschlichkeit“ Adornos preist, wenn er mit ihm die „Ausläufer des Wurzeltriebs der Kreativität“ sucht – dann spricht er auch über sich selbst. Und man versteht, dass Hans Wollschläger allen Müdigkeitsbekundungen zum Trotz voller intellektueller Munterkeit steckt.

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