Kultur : Der Sprung über die Spree

Grandioser Stadtplatz: Das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus von Stephan Braunfels vollendet Berlins Regierungsviertel

Bernhard Schulz

So hat man die Spree noch nie gesehen. Eingefasst von hoch aufragenden Bauten windet sie sich im Wortsinne als „Wasserstraße“ diagonal über einen Platz. Die Bauten zu beiden Seiten gehören erkennbar zusammen. Sie bilden die Kulisse für einen urbanen Auftritt, der südländische Grandezza mit klassischer Geometrie vereint.

Noch ist der Platz nicht ganz fertig; die östliche Ufereinfassung ist gerade erst im Bau. Aber was macht das schon. Das Gebäude, das unmittelbar am Ufer thront und den korrekt-umständlichen Namen Marie-Elisabeth-Lüders-Haus trägt, wird Mitte kommender Woche feierlich an den Deutschen Bundestag, übergeben. Damit sind die Baumaßnahmen des Hauptstadtumzugs nach über einem Jahrzehnt vorerst abgeschlossen: Der Bundestag, der sich von vorneherein Neubauten genehmigt hatte, ist zur Gänze arbeitsfähig. Und mehr als das: Berlin gewinnt ein städtebauliches Juwel – einen Platz, von dem sein Münchner Architekt mit berechtigtem Stolz meint, dass er im Rang dem Gendarmenmarkt vergleichbar sei.

Als der inzwischen 53-jährige Stephan Braunfels Anfang November 1994 den Wettbewerb für das Gebäude für die Bundestagsabgeordneten gewann – es hieß damals noch Alsenblock –, enthielt sein Siegermodell bereits eine leise Andeutung, wie es östlich der Spree weitergehen könnte. Braunfels hatte das „Band des Bundes“ aufgenommen, mit dem die Kanzleramts-Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank im Jahr zuvor den städtebaulichen Wettbewerb für den Spreebogen gewonnen hatten. Dieses Band sah eine lang gezogene Figur vom Moabiter Werder bis hart an den Bahnhof Friedrichstraße vor. Man hielt das damals für Architektenfantasie und konzentrierte sich auf die beiden Kerngebäude des Kanzleramtes und des Alsenblocks, der sich seitlich vom Reichstag erstrecken sollte.

Braunfels aber dachte weiter. Man darf es als Sternstunde der viel gescholtenen „Demokratie als Bauherr“ bezeichnen, dass der Bundestag binnen weniger Wochen auf Braunfels’ Vorschlag einging. Der Geniestreich des „Spreesprungs“, der Fortsetzung des Gebäudes jenseits des Flusses, fand auch für sparsame Haushälter seine Begründung im unrealistischen Raumprogramm des Bundestages für den Alsenblock. Die geforderten Räume ließen sich dort beim besten Willen nicht unterbringen, schon gar nicht die Parlamentsbibliothek. Sie bildet jetzt den Kern des neuen Hauses. Mit 1,3 Millionen Büchern belegt sie hinter Washington und Tokio weltweit den dritten Rang. Dazu kommt der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages; und in kurzer Zeit fanden sich weitere Einrichtungen, die nach der ursprünglichen Planung nur unzureichend untergebracht worden wären. Mittlerweile ist auch das neue Gebäude bereits bis an die Grenze seiner 33000 Quadratmeter Nutzfläche belegt. Die Erweiterung in östliche Richtung wird bereits erwogen, nach dem endlich beschlossenen Abriss des DDR-Plattenbaus an der Luisenstraße wäre sie problemlos zu bewerkstelligen.

Es ist jammerschade, dass der grandiose Bau der Öffentlichkeit nur eingeschränkt zugänglich sein wird. Braunfels hat sein Leitbild, dass „das Äußere eines Gebäudes zum Innenraum wird und das Innere zum Außenraum“, in einer Fülle von Gestaltungselementen verwirklicht. Vom gegenüber liegenden Spreeufer zeigen sich die drei Hauptbestandteile des Gebäudes. Links ragt ein mehrstöckiger Trakt innerhalb eines Würfels hervor, der durch gewaltige Kreisöffnungen vollständig einsehbar ist. Hier befindet sich der Saal für öffentliche Anhörungen. In der Mitte stößt ein Glaskubus scharfkantig hervor, innerhalb dessen ein wiederum verglaster Zylinder emporragt – mit Katalogstelle und Lesesälen das Herzstück der Bibliothek. Und rechts schließlich lockt eine gewaltig ansteigende, nach oben sich stark verbreiternde Freitreppe, hinterfangen von einer gläsernen Bürofassade.

Der zu Beginn seiner Laufbahn mit ungebetenen, aber überzeugend scharfsichtigen Vorschlägen für seine Münchner Wahlheimat hervorgetretene Braunfels hatte zum Zeitpunkt seines Berliner Überraschungssieges noch keine Bauerfahrung vorzuweisen. Dann aber rückte der gebürtige Überlinger – zumal mit dem zeitgleichen Auftrag für die im vergangenen Jahr eingeweihte Münchner Pinakothek der Moderne – schlagartig zu einem der wichtigsten Architekten des öffentlichen Bauens in Deutschland auf. Das Ensemble aus Lüders-Haus und dem bereits erprobten Paul-Löbe-Haus auf der westlichen Spreeseite, das zusammen 65800 Quadratmeter Hauptnutzfläche umfasst und die Kleinigkeit von 543 Millionen Euro gekostet hat, ist mehr als ein zweigeteiltes Bauwerk. Braunfels hat vielmehr eine Stadt in der Stadt gebaut – und sich dabei des Flusses als glücklicher Offerte bedient, wie sie kaum einem Baumeister je zu Gebote stand.

Bleibt die Öffentlichkeit auch ausgeschlossen, so artikuliert sich im Inneren öffentlicher Raum in geradezu verschwenderischer Fülle. Räumlicher und gestalterischer Mittelpunkt ist der Bibliothekszylinder. Übereinander liegen Katalog- und Lesesäle, mal das ganze Rund, dann einen Teil und schließlich als Galerie nur dessen Rand einnehmend. Die privilegierten Nutzer haben eine großartige Aussicht auf Reichstag, Löbe-Haus und den Fluss zu ihren Füßen. Zudem liegt der Glaszylinder in der Sichtachse des Brandenburger Tors, als habe der Architekt das Bücherstudium als ideale Tätigkeit der Volksvertreter hervorheben wollen. Der seitlich anschließende Bauteil mit dem Anhörungssaal – dem größten aller derartigen Rundsäle, die schon am Löbe-Haus charakteristisch hervorstehen – ist zweigeteilt: unten ein zauberhaft zweckfreies Treppenfoyer, oben der Saal mit 140 Plätzen und Besuchergalerie. Und auch hier ist alles gläsern geöffnet und von außen einsehbar.

Tief im Inneren der dreischiffigen Gesamtanlage des Lüders-Hauses verbergen sich vier Magazingeschosse mit 80 Regalkilometern. Darüber hat Braunfels eine Halle angeordnet, die die mittige, über 200 Meter lange Halle des Löbe-Hauses gedanklich fortsetzt, im neuen Bauwerk jedoch nicht dieselbe Funktion einer Verkehrsfläche besitzt. Das mag sich ergeben, wenn die Luisenstraße von dem Plattenbau befreit ist und der Haupteingang des Gebäudes dorthin verlegt werden kann. Dessen jetziger, abseitiger Lage ist das Provisorische anzumerken.

Hier, in der riesigen Halle, scheint es, als habe der Architekt mit der selbst gewählten Vorgabe ringen müssen, das Paul-Löbe-Haus um jeden Preis nach Osten fortzusetzen. Dessen genial-einfache, dreischiffige Grundstruktur, die die Anordnung aller Büros und Sitzungssäle entlang der mittleren „Straße im Haus“ erlaubte, konnte im neuen Gebäude mit seinen differenzierten Nutzungen und entsprechenden Erschließungen nicht umstandslos fortgeführt werden.

Doch glückt die Angleichung der beiden Spreebauten im Äußeren auf vollkommene Weise. Und sie unterstreicht, wie sehr Braunfels über das Architektonische hinaus als Stadtbaumeister denkt. Das Lüders-Haus ist, wie sein Pendant am anderen Ufer, in Sichtbeton ausgeführt. Beim Vorgängerbau war es über die mangelhafte Ausführung zu hässlichem Streit gekommen. Jetzt ist der Beton mit einer schützenden Lasur versehen und strahlt in makellos hellem Grau. Auch der Neubau besitzt ein weit ausladendes Flugdach auf beängstigend schlanken Rundpfeilern. Wie sein Gegenstück am Löbe-Haus antwortet es auf die Biegung des Flusses – und bildet den „Spreeplatz“ nochmals gegen den Himmel ab. Unmittelbar verbindendes Element ist eine mehrgeschossige Brücke, die das Ensemble nach Norden optisch abschließt; gebogen im unteren Teil für jedermann zugänglich, gerade durchgezogen in der sechsten Etage für die Nutzer.

Als Stephan Braunfels seine Pläne 1994 im Reichstag vorstellte, war das Gelände des Marie-ELisabeth-Lüders-Hauses eine hässliche Nach-Wende-Brache. Es gehörte erhebliche Fantasie dazu, sich dort Urbanität vorzustellen. Dieses Stück Stadt ist jetzt (beinahe) vollendet – und macht den Betrachter staunen. Berlin ist um ein urbanes Glanzlicht reicher geworden.

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