Kultur : Der Stammvater der Abstraktion

Eva Karcher

25 000 Besucher sahen "Claude Monet und die Moderne" bereits in den ersten acht Tagen, am Ende kann sich die Münchner Hypo-Kunsthalle voraussichtlich über einen neuen Publikumsrekord freuen. Warum wirkt der Name "Monet" seit den fünfziger Jahren wie ein Reizwort, das Menschenherden verzückt ins Museum pilgern lässt?

Werbestrategisch clever verrät der Titel nicht, dass sich die von der Münchner Monet-Expertin Karin Sagner-Düchting besorgte Ausstellung dem Spätwerk des französischen Impressionisten widmet sowie seiner Wirkung auf die Maler der internationalen Nachkriegsmoderne. So darf das Logo "Monet" seine Sogkraft unfreiwillig lehrreich entfalten: Vor den Originalen der tausendfach als Postkarten verschickten "Kathedralen", "japanischen Brücken" und "Seerosen" in Ahs und Ohs ausbrechend, erfahren rüstige Damen und Herren zum Beispiel, dass die Spätphase des 1840 in Paris geborenen Pleinairisten lange Zeit gering geschätzt wurde.

Erst der französische Surrealist André Masson entdeckte Monet 1950 als Gründerfigur der Moderne: "Alles in allem kann man schon sagen, dass die Malerei von Monet neu erfunden worden ist. Da findet eine Revolution statt." Worin sie bestand, analysierte ähnlich früh auch Barnett Newman, einer der Heroen des amerikanischen Abstrakten Expressionismus: "Die Impressionisten befreiten die Palette des Künstlers aus ihrem Gefängnis. Monet schuf eine neue Ästhetik der Farbe." In der Tat sprengte Claude Monet Bildkonventionen - vor allem mit der "Grande Décoration", seinem achtteiligen Wassergarten-Panorama in der Pariser Orangerie. Formen lösen sich im flirrenden Licht wechselnder Tages- und Jahreszeiten auf, Farben und Motive verschmelzen.

Doch Monet arbeitete nicht konzeptuell. "Die Interpreten meiner Malerei meinen, ich hätte in Verbindung mit der Wirklichkeit den letzten Grad der Abstraktion und Imagination erreicht", sagte er 1909 in einem Gespräch. "Mir wäre lieber, wenn sie darin die Hingabe meiner selbst erkennen wollten." Mit der Totalität seines Anspruchs faszinierte und inspirierte der "Formzerstäuber" Monet amerikanische Avantgardisten wie Jackson Pollock, Mark Rothko oder Hans Hofmann, aber auch einen Außenseiter wie Beauford Delaney. Der 1901 in Tennessee geborene farbige Maler, der 1953 nach Paris gezogen war, hat sich zwar nie zu Monet geäußert, doch seine strahlenden Bilder scheinen wie vom Licht durchtränkt: Der Künstler ist eine Entdeckung der Ausstellung.

Ihr strukturelles Problem liegt allerdings darin, die vorgegebene These allein durch eine Überfülle von Beispielen belegen zu wollen. Während sich die amerikanischen Expressionisten im Monet-Look tatsächlich wiederfanden und umgekehrt durch ihre Arbeiten das Genie des späten Monet erst erkannt wurde, wirken zahlreiche weitere Vorbild-Zuweisungen wie Projektionen. Wer in der Ausstellung das 1993 entstandene Gemälde "Giverny-Ex. V" des deutschen Informellen K. O. Götz betrachtet, versteht den Kontext erst dann richtig, wenn er im empfehlenswerten Katalog nachliest. So bewundert Götz zwar Monets "Unabhängigkeit und Geradlinigkeit", stellt aber gleichzeitig fest, dass "die Informellen nicht von der Natur ausgingen, sondern von der Vielfalt der Malmaterialien, die sie in einer Weise traktierten wie nie zuvor".

Warum bleibt die Auswahl auf maltechnische und ikonographische Kriterien beschränkt? Warum wurde der radikalen Qualität Monets, in Serien zu arbeiten, nicht größere Beachtung geschenkt? Spannender als übereifrig Referenzwerke von Künstlern wie Gotthard Graubner, Jerry Zeniuk oder Gerhard Richter und Raimund Girke zu versammeln, wäre es womöglich gewesen, sich stärker auf geistesverwandte Künstler zu konzentrieren wie den Kanadier Jean-Paul Riopelle: "Meine Vorstellung ist nicht die Abstraktion, sondern vielmehr, wie ich über eine freie Geste dahin gelange, zu verstehen, was Natur ist." Nichts anderes wollte Claude Monet, der sich der Natur als "scharfsinnigster Führerin vollkommen unterwerfen" konnte. Liegt hier der Schlüssel für seine phänomenale Sogwirkung?

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