Kultur : "Der standhafte Prinz": Der Ritter hinterm Gitter

Peter von Becker

Nachtschatten wachsen auf Treppen, in Ecken, auf Matratzen am Boden kauern, lungern, liegen ein Dutzend Gestalten, von irgendwoher weht eine leise, schwermütige Melodie ins Halbdunkel, durch Gefängnisgitter, und ein Mann schlägt Eisen gegen Eisen, prüft als Wächter die Schlösser und Stäbe, die hier die Grenze zwischen Innenwelt und Außenwelt, zwischen Wachen und Schlaf markieren. Das Leben ein Traum?

Jedenfalls ein Raum. Eine hohe Szenerie, halb Hof, halb Treppenhaus, nach hinten vergittert, und die dort wesenden Männer in Unterhemden, Arbeitsanzügen, manche auch in schwarzem Leder oder uniformähnlichen Mänteln, bärtige Typen, Kahle und Langhaarige, ein fast entblößter Schwarzer mit einer Art Tamborin: plötzlich beginnen sie alle zu singen, zu spielen.

Dieses Gefängnis scheint von heute. Doch auf einmal sprechen die Insassen auch in Versen, und einer hat sich ein Tuch umgeworfen wie einen Schleier - er ist nun Phönix, die Tochter des Königs von Fes. Wir sind in Nordafrika und im berühmtesten Theater Italiens. In einem Zwischenreich.

Cesare Lievi hat Calderón de la Barcas 1629 entstandenes Drama "Der standhafte Prinz" mit 13 jungen Schauspielern aus ganz Italien inszeniert; geprobt wurde in Palermo, koproduziert hat auch das Theater von Brescia. Seine Premiere aber hatte "Il principe costante" im Teatro Studio des Mailänder Piccolo Teatro, das gleichsam die Brücke bildet zwischen dem von Georgio Strehler und Paolo Grassi 1947 im Haus der ehemaligen faschistischen Geheimpolizei gegründeten und die alten Folterzellen durchbrechenden ursprünglichen Piccolo und dem riesigen neuen, nach jahrzehntelangen Kämpfen nie zu richtigem Leben erwachten Teatro Strehler, über dessen Eröffnung der Patron des modernen italienischen und europäischen Theaters dann 1997 gestorben ist.

Inzwischen hat Luca Ronconi, den Strehler wie alle seine halbwegs ebenbürtigen Landsleute immer auf Abstand hielt, die Intendanz des Piccolo übernommen. Und wie mit einem Wehschrei zum Himmel grüßt Strehlers Konterfei von der Fassade des Teatro Studio, direkt gegenüber dem mausoleumsähnlichen neuen Haus. Das über drei Stockwerke reichende Foto zeigt den Maestro als Goethes Faust, den er zur Eröffnung des Studios Anfang der 90er Jahre in eine über fünfstündige Fast-Solonummer verwandelt hatte. Strehler war damals, ähnlich wie Peter Stein, vom ganzen "Faust" begeistert und besessen - ja, größere Partien des "Faust II" hat er den Italienern halb szenisch, halb rezitierend zum ersten Mal vor Augen und Ohren geführt. Und nun, am selben Ort, auch die italienische Erstaufführung des spanischen "Prinzen". Merkwürdig, dass dieses katholische Märtyrer-Drama in Italien offenbar nie zuvor aufgeführt wurde. Zum Welttheater gehört von jeher Calderóns "Das Leben ein Traum", dagegen repräsentiert der "Standhafte Prinz", das motivisch verwandte frühere Stück, bis heute fast nur Traum, Visionen, Legende der Theatergeschichte.

Eine spanische Uraufführung des "Standhaften Prinzen" ist nicht überliefert. So heißt der erste Regisseur des Stückes: Goethe. In Weimar inszenierte er 1811 die deutsche Übersetzung August Wilhelm Schlegels - und schwärmte, wenn sonst "die Poesie ganz von der Welt verloren ginge, so könnte man sie aus diesem Stück wieder herstellen". Schon Schiller blieb skeptischer und ließ sich doch von jenem katholisch-kriegerischen, am Ende zum Märtyrertod bereiten Calderón-Prinzen zu seiner "Jungfrau von Orléans" mit inspirieren; und auch Kleists "Prinz von Homburg", im Jahr der Goethe-Aufführung entstanden, nimmt den Konflikt zwischen Gehorsam und Willensfreiheit, zwischen Ehre und Eitelkeit, Todesfurcht und Lebenswunsch in psychologisch verfeinerter Weise auf.

Lieber Sklave als Verräter

Prinz Fernando, ein portugiesischer Ritter aus dem Geschlecht Heinrichs des Seefahrers, siegt über die Mauren bei Tanger, lässt den feindlichen Edelmann Muley jedoch frei, weil ihm dessen Liebe zur schon erwähnten Prinzessin Phönix rührt; später wird Fernando dann selbst gefangen und soll mit seinen Gefolgsleuten gegen die Rückgabe der von den Christen eroberten Stadt Ceuta freigelassen werden. Doch Fernando zerreißt die königliche Order, gibt lieber sein Leben als den Muselmanen eine christianisierte Stadt, stirbt einige Jahre später als Edelsklave in maurischer Gefangenschaft: um dann als heiliger Kriegsgeist wieder aufzuerstehen und die Christen zum Endsieg über die Ungläubigen zu führen. So weit Calderóns Fabel, die auf einer Historie aus dem 15. Jahrhundert beruht.

Gründgens ließ das Stück vor 45 Jahren zur Eröffnung seiner Hamburger Intendanz als Sieg der geistigen Moral über die Schwachheit des Fleisches inszenieren. Zehn Jahre später begründete Jerzy Grotowski, der polnische Theaterguru, durch eine freie Adaption des "Prinzen" in Breslau den Weltruhm seines "Armen Theaters": Grotowskis Titelheld trieb dabei in einer glühenden Folter-Séance die Wollust des Schmerzes in Ekstasen, wie sie das Welttheater, seit es ein weltliches geworden ist, nie zuvor und nie danach mehr gesehen hat. Das alles wirkte einschüchternd, bis gestern.

Cesare Lievi, der Grotowski zwar im Programmheft zitiert, setzt nun auf eine Vergegenwärtigung, die religiöse Allegorien mystische Verzückungen oder barocke Metaphern ganz in der Sprache einer Neuübersetzung in freien italienischen Versen (von Enrica Cancelliere) belässt. Im Übrigen aber erfindet er eine konkrete Ausgangssituation: ein südliches Gefängnis, in dem die Insassen sich in ein anderes Leben, in einen nur imaginären Kerker und eine fernere, fremdere Welt hinaus träumen. Als hätte ihnen die Nacht plötzlich eingegeben, ein Stück von Calderón zu spielen, mit nichts als ihren Gefängnisrequisiten, bis zum Morgen, wenn die Wache wiederkehrt und das Erwachen.

Der Gedanke ist schön, und daraus wird in der kaum zweistündigen Aufführung auch eine optische Attraktion. Im Zusammenspiel des ungarischen Bühnenbildners Csaba Antal mit dem Lichtkünstler Gigi Saccomandi entstehen auf der mehrstöckigen Szenerie immer wieder traumhaft suggestive Bilder. Saccomandis Licht - das ist die italienische Strehler-Schule - kommt immer nur von oben oder aus dem Hintergrund, es beleuchtet die Schauspieler nie frontal und schafft so eine Stimmung zwischen Nacht und Tag, ein claire-obscure, in dem die Akteure oder die Gefängnisgitter an den Wänden noch ein zweites Spiel entwerfen: eine Geometrie der Schatten. Auch ohne historische Kostüme zitieren Lievis Spieler dazu dezente Effekte des Mantel-und-Degen-Dramas, wenn der Maure Muley (Alfonso Veneroso) sich gleich einem Kampfstier auf den Prinzen (Tommaso Ragno) zu stürzen scheint und sich in dessen Umhang dann wie in der Capa des Matadors verfängt und von Fernando dabei fast brüderlich umarmt wird.

Der principe als prisoniero: Als Tommaso Ragnos gefangener Prinz die königliche Gnadenvollmacht auf der Treppe zerreißt und sich in einen furiosen Opferstolz hineinredet, hierbei einen Gitterstab wie ein Mikrofon umklammert, da wird auch klar: in diesem Gotteskrieger, der sich im Sterben bereits als Märtyrer-Idol und Ikone sieht, steckt auch ein zeitübergreifender Fanatiker, ein Tugend-Terrorist.

Ein spätes, schwieriges Debüt

Doch das Zeitlose bleibt in diesem Traumspiel oft auch im Ungefähren. Oder im Künstlichen. Das freilich liegt an Calderón (1600 - 1681), der anders als sein Zeitgenosse Shakespeare im Theater mehr auf göttliche Gesetze als auf humane Widersprüche vertraute. Calderóns Choreographie der Gefühle bleibt ein vorbestimmter Kreislauf, bei dem Elisabethaner tanzt der Mensch aus der Reihe. Man denkt daran, besonders im Studio des Piccolo Teatro, weil Strehler diesen Raum (für 400 Zuschauer) einst als hohes Oval mit steilen Galerien im Anklang an Shakespeares Globe Theatre sich erbauen ließ. Zum Kontrast setzt Lievi hier auf den strengen, magischen Guckkasten. Das hält das Stück, das uns heute auch nur noch schwer nahegeht, nochmals auf Distanz. Etwas Schwierigeres aber hätte sich Cesare Lievi, der vor 20 Jahren zusammen mit seinem früh verstorbenen Bruder Daniele von einer winzigen Laienbühne am Gardasee aufgebrochen ist ins Welttheater, für ein Debüt am Piccolo kaum wählen können.

Für dieses späte Debüt. Denn Lievi, der 48-jährige Dramatiker, Lyriker und Regisseur, hat inzwischen an der Berliner Schaubühne und an der New Yorker Metropolitan Opera inszeniert, am Wiener Burgtheater und an der Mailänder Scala. Und seit 1996 hat der als Intendant das Stadttheater im oberitalienischen Brescia zu einer der führenden Bühnen des Landes gemacht. Doch Girogio Strehler rief ihn nie ans nahe gelegene Piccolo. Nun ist der große Meister tot und seine so unverständliche, kleinliche Eifersucht mit begraben. Nach dem standhaften König aber müssen in Italien die Prinzen erst aus dem langen Schatten treten.

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