Kultur : Der Staub der Sabinerinnen

NAME

Die fünfziger Jahre müssen eine lustige Zeit im Theater gewesen sein. Es war die Ära, in der Spiele mit absurd demontierten oder grotesk übertriebenen Boulevard-Dramaturgien als wagemutige Avantgarde gelten konnten und Eugène Ionesco als Speerspitze der modernen Dramatik gehandelt wurde. Ein Jahrzehnt später waren schon raffiniertere Tricks notwendig, um die Spielregeln des Theaters auszuhebeln. Zum Beispiel konnte man das Drama in eine Übung in angewandter Sprechakttheorie verwandeln oder die Bühne mit lauter verwirrten, stotternden und nicht mehr recht funktionsfähigen Gestalten aus dem Fundus bevölkern. Keiner hat diese Spiele virtuoser beherrscht als Peter Handke.

Das Berliner Ensemble, stets bemüht, die Nachgeborenen mit den größten Hits der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre vertraut zu machen, erfüllt diese pädagogische Mission zum Spielzeitabschluss im praktischen Doppelpack. Hausregisseur PhilipTiedemann hat Ionescos Scherzartikel-Klassiker „Die kahle Sängerin“ von 1950 mit Peter Handkes (wohl zu Recht vergessenem) Stück „Quodlibet“ von 1969 verschnürt und präsentiert die beiden archäologischen Fundstücke unter dem aparten Titel „Der Wahnsinn der Wörter“.

Jedoch, die Wörter, die als Vorspiel hinter dem geschlossenen roten Vorhang zu vernehmen sind, klingen weniger wahnsinnig als dumpf. Am Vorhang wird von hinten gerüttelt, ein Durcheinander der Stimmen fordert, dass das Spiel beginnt, hinter dem Vorhang scheint der Teufel los zu sein. Als er sich endlich öffnet, schwebt ein winziges Wohnzimmerchen, die Behausung von Mr. und Mrs.Smith, wackelnd vom Schnürboden herab - der Salon der Salonkomödie bietet seinen Insassen keinen Halt. Die Dialoge, mit denen sich Mrs. Smith (Carmen-Maja Antoni) und ihr Gatte (Volker Mosebach) traktieren, sind von gnadenloser Sinnlosigkeit. Und auch ihre Gäste, Mr. und Mrs. Martin (Krista Birkner und Markus Meyer) benutzen ihre Dialogpartikel vor allem, um nichts zu sagen. Ob sich das Ehepaar Smith mit den Berichten von einer weitverzweigten Familie, in der alle den gleichen n tragen, auf die Nerven fällt oder ob Mrs. und Mr. Martin feststellen, dass sie einander irgendwie bekannt vorkommen, stets läuft die Sprache leer. Vielleicht könnte man sie als bunte, belanglose Unterhaltungs-Bonbons goutieren, käme Tiedemann nicht sein entschlossener Wille zur Kunst in die Quere. So wird das Spiel uncharmant zerdehnt und erstickt in Schwerfälligkeit.

Bedauerlicherweise wirkt der Ausflug in die Moderne der fünfziger Jahre so muffig wie die Ohrensessel, in denen Mrs. und Mr. Smith versinken. Nur einmal erwacht man aus dem schönen Dämmerzustand, in den die Aufführung den Zuschauer versetzt hat. Als Mr. Smith in einem kleinen Anfall von Lebendigkeit ohne erkennbaren Zusammenhang ausruft „Nieder mit der Wichse!“ und die anderen Bühnenfiguren empört die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, verwandelt sich der kleine, staubige Theaterwitz in einen hübschen Klamauk, der im Glanz souveräner Selbstironie leuchtet. Kirsta Birkner zu sehen ist eine Freude; Carmen Maja-Antoni und Veit Schubert (als Feuerwehrhauptmann) sind so robuste Chargenschauspieler, dass man nicht versteht, weshalb das BE nicht auf die Umstände mit Ionescos langweilig-modernistischen Umwegen verzichtet und ehrlicherweise gleich richtigen Boulevard spielt.

Nach der Pause wird es ernst. Bei Handke wird geklotzt, nicht gekleckert. Ein Dutzend als Kreuzritter oder Bischof, als Anzugträger oder Fracktänzer verkleidete Kleindarsteller stehen im Bühnennebel rum, brabbeln vor sich hin, treten an die Rampe oder laufen über die Bühne. Das ist natürlich unglaublich modern, innovativ und künstlerisch bedeutsam. Weil diese Premiere dankenswerterweise die letzte der Saison war, hält sich der Abschiedsschmerz in Grenzen.

Peter Laudenbach

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben