Kultur : Der stille Amerikaner

Martenstein wundert sich über das Berlin-Bild von Hollywood

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Wenn man bei der Berlinale ’rumrennt, merkt man nach einer gewissen Zeit, dass extrem erfolgreiche Leute oft erstaunlich unsicher oder schüchtern sind, während weniger Erfolgreiche vor Selbstbewusstsein nur so strotzen. Als Robert De Niro mit Volker Schlöndorff redete, wirkte De Niro genau wie bei dem Gruppeninterview, dass ich vor ein paar Jahren mal mit ihm führen dufte: freundlich, aber extrem vorsichtig und ein bisschen gehemmt. Ein Schauspieler wie er könnte Gehemmtsein natürlich vortäuschen, aber wozu sollte er? Der Deutsche stellte in der American Academy weitschweifige Fragen, der Amerikaner gab meist einsilbige Antworten, falls er überhaupt zum Reden kam, denn einige seiner Fragen beantwortete der unaufhörlich aus sich heraussprudelnde Schlöndoff gleich selber. Einem Amerikaner wäre so etwas nicht passiert. Das ist ein Unterschied zwischen der amerikanischen Kultur und der deutschen. Die Amerikaner sind vermutlich nicht weniger eitel als wir, aber sie unterdrücken dieses Gefühl, sie denken halt immer ans Publikum. Auch deshalb sind ihre Filme beliebter als unsere. De Niros Regiearbeit „Der gute Hirte“ ist sicher sehenswert und wird bei den Kritikern hoch gehandelt, aber ich habe einen kleinen Vorbehalt gegen Filme, die etwas mitteilen, was ich schon zu wissen glaubte. Zum Beispiel, dass es nicht gut für die Seele ist, beim Geheimdienst zu arbeiten.

Hinterher sagte der Autor Michael Rutschky: „Auf Hölderlin hätte ich in meinem Leben gut verzichten können, aber nicht auf Robert De Niro.“ Immerhin hatte man erfahren, dass De Niro 1964 durch die DDR nach Berlin getrampt ist, um mit dem Theaterregisseur Piscator zu reden. Der Schauspieler Matt Damon, der auch da war, lobte Berlin, weil das jute Berlin, wie ein guter Schauspieler, in die Haut fast jeder anderen Stadt schlüpfen kann. Berlin könne man bei Dreharbeiten zum Beispiel sehr gut als Moskau verwenden (und fast alles ist in Berlin weniger hart oder billiger oder weniger kalt als in Moskau). „Berlin geht gut als Ersatz für alles, was östlich von Berlin liegt“, sagte Matt Damon. Berlin 2007 gilt in Hollywood als das Wolgograd für Weicheier – wer hätte diese Karriere im Jahre 1989 geahnt?

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