Kultur : Der stille Gaukler

Eine Berliner Lektion mit Armin Mueller-Stahl

Daniela Sannwald

Kälte, Einsamkeit und Todesahnung umgaben den designierten Thronfolger der k. u. k. Monarchie: In István Szábos „Oberst Redl“ (1984) spielte Armin Mueller-Stahl Franz Ferdinand – und Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle an die Wand. Sein raues Flüstern, sein unbarmherziger Blick aus blauen Augen, seine präzisen, sparsamen Bewegungen waren hochgradig verstörend, erlaubten aber kein Wegsehen.

Auf der Bühne des Berliner Renaissance- Theaters erscheint er als freundlicher Herr, der sich umständlich hinsetzt und darüber klagt, dass er seine Brille verloren habe und nun, durch das eilig besorgte Ersatzmodell, alles ein wenig schräg sehe. Wie zum Ausgleich hält er den Kopf schief, während er aus seinem Manuskript vorzulesen beginnt, über Begegnungen, die ihm wichtig waren.

Seine Erinnerungen an die Nachkriegszeit, seine Sehnsucht nach Berlin, die Versuche, Geiger zu werden, und schließlich seine Anfänge als Schauspieler klingen heiter: Selbstironisch und pointenfest berichtet Mueller-Stahl über fruchtlose Übungen an der Musikhochschule, die eigene Hybris, die gestrenge Helene Weigel, die ihn am Berliner Ensemble nicht haben wollte, und das Berliner Kulturleben in den fünfziger Jahren überhaupt.

Doch dann nähert er sich dem Thema, mit dem er sich in seinen vielen Rollen immer wieder beschäftigt hat, auch noch in seinem eigenen, umstrittenen Debüt als Filmregisseur „Gespräch mit dem Biest“ (1997): Der Nationalsozialismus und die deutsche Schuld haben ihn, der bei Kriegsende 14 Jahre alt war, nie losgelassen. „Meine privaten Schuldgefühle", sagt er dazu und wundert sich, warum die Deutschen in amerikanischen Filmen über den Zweiten Weltkrieg immer alle nur böse sind: „Schmälern die Amerikaner dadurch nicht den eigenen Sieg?" Er berichtet, wie er im Traum mit seinem Vater, der am 1. Mai 1945 erschossen wurde, Gespräche führt über die Zeit davor. „Warum?", fragt der Vater immer wieder, und der Sohn kann ihm nichts erklären. „So ist das", konstatiert Mueller-Stahl einfach, mit einem nachdenklichen Blick ins Publikum, „die Toten bleiben einem verbunden."

Heiterer erzählt er von seiner Beziehung zu Thomas Mann, den er in der hochgelobten Fernsehserie verkörperte. Der grenzenlose Egomane habe ihn zum Kriechtier gemacht, ihn beherrscht, den Sieg über ihn davongetragen. „Er, der alles tat, um seinen Nachruhm zu verlängern, hat nur ein Problem nicht bedacht: Wie mache ich mich für einen Schauspieler spielbar?“ Armin Mueller-Stahl lacht: „Heinrich Mann liegt mir entschieden näher.“ Amüsant fand er die Vorstellung, mit der kürzlich verstorbenen Mann- Tochter Elisabeth zu musizieren: „Stellen Sie sich vor: Eine 82-jährige Tochter und ihr 72-jähriger Vater spielen zusammen Beethoven." Wenn ihn jemand nach seinem Beruf fragt, sagt er gern, er sei Gaukler, Geschichtenerzähler. Und dann rezitiert er, als Zugabe, im Stehen, ein Gedicht über sein Leben: „Bin schon Gaukler über fünfzig Jahr ...“

Da ist er wieder, dieser Hauch von Kälte, Einsamkeit und Todesahnung.

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