Kultur : Der stille Kontinent

Wo steht Europa ein Jahr nach dem 11. September? Es hat die Wahl zwischen einer misstrauischen und einer offenen Gesellschaft

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Von Roger Boyes

Jeder hat einen 11. September-Moment, einen biografischen Cartoon, einen Schnappschuss. Als die Flugzeuge zerschellten, interviewte ich gerade den neuen Chef des British Council in Berlin. „Kulturelle Diplomatie ist die Zukunft“, sagte er, als das Telefon klingelte und die kulturelle Diplomatie ihren Platz auf der langen Liste der Opfer des 11. September einnahm. Der letzte Moment dieser Art war, zumindest für meine Generation, die Ermordung Kennedys. Ich weiß noch, dass ein Junge aus meiner Klasse in die Toilette rannte – in einem Militärinternat der einzige Ort, wo man weinen kann. Später trat dieser Junge in die Armee ein und wurde hinausgeworfen, weil er mit der Frau eines Offiziers eine Affäre hatte. Er eröffnete einen Billardsalon in Portugal und trank sich zu Tode. Er war der einzige von uns, der den Kennedy-Mord wirklich verstanden hatte – auf einer persönlichen Ebene.

Wie persönlich ist der 11. September? Das Klischee, dieser Tag hätte alles verändert, ist falsch. Das deutsche politische System schnauft weiter wie ein Dampfzug aus den 50ern, der zuviel Energie verbraucht und ohne Erklärungen in Provinzstädten anhält. Die Personen sind nicht wirklich neu – Stoiber, Gottschalk, Schäuble, Schily. Die Probleme sind altbekannt – die Gesundheit, die Vergreisung der Gesellschaft, die Unfähigkeit des Sozialsystems, mit einer wachsenden Bevölkerung umzugehen. Wir lachen über dieselben Witze und kaufen dieselben Autos.

Vielleicht hat der 11. September ja einige verstörte Menschen dazu gebracht, in der gewalttägigen Selbstaufopferung eine Lösung zu sehen. Robert Steinhäuser, der 19-jährige Amokläufer von Erfurt, traf die entscheidenden Vorbereitungen für sein Massaker in den Wochen nach dem 11. September; eine Hemmschwelle war verschwunden. Auch nach dem Kennedy-Mord sahen viele Menschen Gewalt als Nebenprodukt oder Erweiterung des politischen Wettbewerbs. Das Hauptfazit aber war, dass selbst ein Land, das Milliarden Dollar für seine Verteidigung ausgibt, verwundbar ist und dass Stärke nicht nur Macht und Respekt bringt, sondern auch Feinde. Doch diese Einsicht ging nicht sehr tief. Nach dem 11. September produzierten sie eine seichte Politik, seichter noch als in der Ära Jimmy Carters, als er versuchte, der Welt ein Schema der Menschenrechte aufzuzwingen.

Gleichwohl beschleunigt Krieg, selbst ein Anti-Terror-Krieg mit offenem Ende, den sozialen Wandel. Für Europa kristallisierten der 11. September verschiedene Wahlmöglichkeiten heraus, deren Konsequenzen wir werden tragen müssen: Unser Leben wird sich wirklich ändern, möglicherweise verschlechtern, weniger frei sein, weniger mobil. Wir haben die Wahl: Wollen wir lieber in geschlossenen oder offenen Gesellschaften leben? In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Europa eher nach innen orientiert. Für einen bestimmten Typ des deutschen Politikers (der, an den ich denke, ist groß, sieht aus wie ein Bischof und hat ein Büro in der alten Reichsbank) ist es etwa normal, die inselhaften Eigentümlichkeiten der Briten abzutun, als wären sie eine kleine Gruppe von Schafzüchtern, die sich nur untereinander vermehren. Dabei hat sich die Europäische Union selbst zu einer Insel gemacht.

Eine der vielen verrückten Entscheidungen meiner Eltern war, mich einen Sommer lang in ein österreichisches Bergdorf zu schicken. Angeblich um mein Deutsch zu verbessern und jegliche subversiven Tendenzen auszumerzen. Es endete aber damit, dass ich alles über sechs verschiedene Sorten Ziegenmist lernte. Unlängst wurde mir klar, dass die soziale Struktur dieses Dorfs wie ein Mikrokosmos Europas war. Eigentlich hätte es im Interesse der Bauern gelegen, zu kooperieren, eine Handelsmacht gegen die Supermärkte aufzubauen, sich gegenseitig über kranke Tiere zu informieren oder vor Lawinen zu warnen. Stattdessen lebten sie vereinzelte, verschwiegene Leben und trafen sich nur auf dem Markt oder in der Kirche. Jede freundliche Geste – etwa die, sich auf dem Weg ins Dorf einen Traktor zu teilen – wurde als Zeichen der Schwäche ausgelegt.

In der gleichen Weise haben sich Europa und die europäischen Institutionen entwickelt, zumindest seit den 90er Jahren. Sogar der gemeinsame Markt hat das Verhalten und die Einstellungen nicht grundsätzlich verändert. Der größte Perspektivenwechsel ist vielleicht, dass alte Feinde jetzt als Konkurrenten gesehen werden. Doch die Einstellung bleibt die gleiche, und sie ist auch in den Institutionen der EU eingebettet: Eine geschlossene Gemeinschaft, argwöhnisch gegenüber den Nachbarn, zögert, über das nächste Tal hinaus zu schauen.

In den vergangenen fünf Jahren haben wir uns langsam geöffnet: Unter Druck von außen wurden wir gezwungen, einige unserer Vorurteile aufzugeben. Es gibt vier Trends. Erstens haben viele Länder auf das Drängen von Rechtsanwälten, Historikern und Regierungen hin einige Mythen der Nachkriegszeit umschreiben müssen. Die Schweiz beispielsweise musste ihre Gesetze zum Bankgeheimnis ändern, um eine internationale Prüfung des Holocaust-Geldes zuzulassen. Dabei musste sie feststellen, dass ihre stolz behauptete Neutralität die Kollaboration mit den Nazis keineswegs verhindert hatte. Das wiederum hat die Schweiz zum Nachdenken über den moralischen Wert der Neutralität und die politischen Vorteile einer EU-Mitgliedschaft gebracht. Die Schweiz hat immer noch ein verschlossenes Herz – aber sie hat ein paar Fenster zu ihrer Seele geöffnet.

Zweitens zwingt der Wettbewerb die Gesellschaften und Ökonomien, flexibler und agiler zu werden und alte Stereotypen fallen zu lassen. Ich war gerade in Kopenhagen, als England gegen Dänemark im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft spielte (und gewann). „Hätten wir doch nur mehr schwarze Spieler, genau wie England“, seufzte der Kierkegaard-Schüler Bronislaw Swiderski; wir sahen das Spiel in seinem Dachappartement. Schon war die Diskussion eröffnet: Fußball-Mannschaften haben mit ihrer Suche nach Talenten die Frage der nationalen Identität erweitert und die plumpen Vorurteile reaktionärer Fans in Frage gestellt.

Auf der Ebene der europäischen Politik hat eine ähnliche Veränderung stattgefunden. Das Europa nach der Ära Kohl ist nicht länger eine ideologische Konstruktion: Es ist ein Wettbewerb der Ideen. Deutschland blickt hinüber zu Finnland und findet dort ein Modell für ein gutes Bildungssystem. Großbritannien sucht in Schweden und Deutschland nach Ideen, das eigene Gesundheitssystem zu verbessern. Das einzige Land, das nirgends hinzusehen scheint, ist Frankreich. Abgesehen von einer schnell denkenden Business-Klasse von Modernisierern bleibt Frankreich die geschlossenste Gesellschaft in Westeuropa.

Die Öffnung Europas wurde drittens auch durch institutionellen Druck erzeugt. Die vergrößerte NATO, die militärisch unbedeutende Länder wie Estland einbezieht, muss ihre Existenz rechtfertigen; jeder Besucher des Brüsseler Hauptquartiers kann bestätigen, dass die Allianz transparenter geworden ist. Andere Institutionen – Europäische Union, Weltbank, Internationaler Währungsfonds– scheinen auf dem Fuß zu folgen.

Schließlich: Die heutige Schwäche des Nationalstaates zwingt ihn dazu, sich zu öffnen. Die britische Polizei, auch wenn sie außerhalb des Landes hoch respektiert wird, hat zu Hause an Respekt verloren. Der Aufstieg privater Sicherheitsfirmen zeigt, dass die Polizei nicht mehr in der Lage ist, einfache Aufgaben zu bewältigen. Korruption greift um sich. Als Reaktion darauf haben Polizeiverantwortliche die Führungsrolle in öffentlichen Debatten, etwa der um die Legalisierung von Cannabis, übernommen: Sie haben sich geöffnet, um mit ihrer eigenen Schwäche umgehen zu können.

Das war der Zustand Europas am 11. September 2001: Vorsichtige Gesellschaften, oft genauso gehemmt und verschwiegen wie meine österreichischen Bergbauern, öffneten sich vorsichtig der Welt. Und dann verübten Mohammed Atta und seine Freunde ihr Massaker. Der Kriegszustand wurde erklärt, in Europa wurden die Rollläden heruntergezogen. Zwei prinzipielle Fragen hätten damals diskutiert werden müssen: Wie viele unserer Rechte wollen wir auf den Staat übertragen, damit er unsere persönliche Sicherheit garantiert? Das Problem liegt auf der Hand: Diese Rechte übertragen wir für immer, die Bedrohung aber ist zeitweilig.

Sofern wir nicht wie in George Orwells „1984“ in einem Zustand der ständigen Bedrohung gehalten werden, führt das zur zweiten, verdrängten Frage: Trauen wir dem Staat zu, seine neue Macht intelligent zu nutzen? Vor dem 11. September ist der Nationalstaat schwächer geworden; jetzt haben wir diesem schwachen Staat außergewöhnliche Macht gegeben: einzusperren, zu ermitteln, sich einzumischen. Wollten wir das wirklich? Wurden wir gefragt?

Kein Wunder, dass sich seit dem 11. September die populistischen Politiker vermehren. Sie sehen, dass Europa sich erneut verschließt. Der Islam wird beargwöhnt. Die Jagd auf potenzielle Feinde ist eröffnet, und keinem fällt es bekanntlich leichter, Feinde auszumachen wie Jörg Haider und seine Kollegen anderswo in Europa. Die Öffnung der Schweiz wurde gestoppt: Die Linksnationalisten der SP und die Rechtsnationalisten von Christoph Blochers SVP geben den Ton an. George W. Bush führt Krieg ohne die NATO und ohne Europa: Sie sind irrelevant geworden.

Aus Europa ist ein stiller Kontinent geworden. Es gibt eine Angst vor Diskussionen, weil sie den Verlust der Kontrolle über unser Geschick ans Licht bringen würden. In Großbritannien wird darüber diskutiert, wie gegen den Irak-Krieg Widerstand geleistet werden kann – eine Diskussion allerdings, die im Flüsterton geführt wird. Wie das genuschelte Geflüster einer Schulklasse, wenn der Lehrer den Raum verlassen hat. Der Lehrer ist Blair, Bush ist der Schuldirektor. Jede Entscheidung wird zwischen ihnen ausgemacht und dann an uns heruntergereicht.

Anderswo ist das nicht anders. Die französischen und deutschen Wahlen haben die Debatte, die in diesem Jahr hätte stattfinden sollen, mundtot gemacht: Wofür steht Europa? Wollen wir eine geschlossene oder eine offene Gesellschaft? Wir können wählen zwischen der Angst vor dem Fremden und der Bedrohung des Krieges und einer Gesellschaft, die fähig ist, eine wirklich demokratische Zukunft zu gestalten.

Der Autor ist Deutschlandkorrespondent der britischen Zeitung „The Times“.

Aus dem Englischen von Steffen Kraft

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