Kultur : Der stille Sieger

Zum Tod des Schauspielers Helmut Griem

Peter W. Jansen

Man ist, 1932 geboren, nicht umsonst blond und blauäugig, forsch und schlank – und dann auch noch Deutscher. Die Kinokarriere des Helmut Griem ist satt an solchen Rollen vom Typ Offizier der deutschen Wehrmacht, Nazi (auch ohne Uniform) oder mindestens Graf Dürckheim neben dem kunst- und wahnsinnigen Wittelsbacher Ludwig II. Luchino Visconti hat ihn, Helmut Griem, nicht weniger geliebt als den Helmut Berger – und man muss die beiden gesehen haben in „Die Verdammten“, um eine Ahnung davon zu gewinnen, wie (Bi-)Sexualität und Macht und Politik kombinierbare Facetten menschlicher Möglichkeiten sind.

Am Anfang und am Ende der Karriere des Beamtensohns aus Hamburg steht das Theater, auch wenn die Bühne nicht unbedingt der Ort war, wo er sich am liebsten aufhielt. „Ich glaube eher an die Literatur als an das Theater“, sagte er, „aber ich glaube, man kann das eine nicht vom anderen trennen“. Hans Lietzau war sein Theater-Mentor – und sein Regisseur in wichtigen Stücken. 1972 spielte Griem am Berliner Schiller-Theater den Prinz von Homburg. Berlin war eine Weile seine künstlerische Heimat. Doch vor allem wird man sich an seine vielen großen Auftritte an den Münchner Kammerspielen erinnern.

Ob Karl Moor oder Tellheim, Strindbergs Enquist, Tschechows Treplew und Dr. Astrow, ob im „Faust“ oder als Josef K., ob unter Lietzau, Giesing oder, besonders oft, unter Dieter Dorn: Dieser Schauspieler war weniger auf Verwandlung aus als auf die Darstellung, die Offenlegung seiner eigenen Widersprüche. Kein Wunder, wenn man, Kind der ersten Nachkriegsgeneration, so aussieht wie das Ideal der deutschen Verbrecher, nicht ungestraft blond ist und rank, blauäugig und stramm und fanatisch wie der SS-Offizier Aschenbach in Viscontis „Die Verdammten“. Griem war in seinen Rollen einer, der belegt, dass die Nazis nicht nur Dummköpfe waren – so wie auch im Kino unserer Tage der Gestapo-Diakon Gebhardt in Volker Schlöndorffs „Der neunte Tag“ ein Judas der Spitzenklasse ist. Denn es sind nie die Dummen, es sind die Gescheiten, die uns verführen.

Kein anderer als Helmut Griem hätte ähnlich überzeugend den renitent antibürgerlichen Hans Schnier in „Ansichten eines Clowns“ (nach dem Roman von Heinrich Böll) zeichnen können, dieses Porträt eines Versagers aus Überzeugung. Der Film von Vojtech Jasny mag nicht entfernt an den Witz und Einfallsreichtum von Schlöndorff („Die Moral der Ruth Halbfass“) oder Bob Fosse („Cabaret“) heranreichen, von Visconti ganz zu schweigen. Aber Griems Hans Schnier ist der Aufstand gegen die Wirtschaftswunder-Moral der Adenauerzeit, gegen das unheilige Bündnis von Kanzler und Kanzel, gegen die perfide Allianz von Geld und Macht. Vor diesen Mächten zu versagen, ist kein Wunder. Aber das Versagen als Sieg darzustellen, ist das Wunder, das der Schauspieler Helmut Griem vollbracht hat. Am Freitag ist er nach kurzer, schwerer Krankheit in München gestorben.

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