Kultur : Der Stoff und die Kraft

Berliner Tagebuch: zum Tod des italienischen Künstlers Emilio Vedova

Ulrich Clewing

Im Mai 1963 schrieb der Ausstellungsmacher und spätere Direktor der Berliner Neuen Nationalgalerie, Werner Haftmann, dem Maler Emilio Vedova einen Brief. Von einem „sehr ordentlichen Gehalt“ war darin die Rede, von Wohnung und Atelier, die zur Verfügung gestellt werden könnten. Gegenleistungen seien nicht vonnöten, versprach Haftmann dem Künstler, es gebe keine Verpflichtungen, „außer der, da zu sein“. Der Umworbene zögerte, doch dann nahm er das Stipendium an – und legte in den folgenden anderthalb Jahren als Gast des DAAD während seines Aufenthalts in Berlin den Grundstein zu einem seiner Hauptwerke.

Das aus sieben großen Einzelteilen bestehende „Absurde Berliner Tagebuch“, seit vier Jahren in der Obhut der Berlinischen Galerie, ist in seinem expressiven Gestus, seiner rohen Präsenz und Zerbrechlichkeit exemplarisch für das Schaffen des 1919 geborenen Venezianers. Dem Vertreter der italienischen Spielart des Informel gelang etwas, das vielen anderen Anhängern der abstrakt-gestischen Kunst in Europa misslang: Er war imstande, enorme Energien sichtbar werden zu lassen, ohne dabei in pseudo-kosmische Esoterik abzudriften. Seine „Plurimi“, eine Mischung aus Malerei, Bildhauerei und Objektkunst im Arte-Povera-Stil strotzen vor feinstofflicher Kraft, sind dabei aber ganz im Diesseitigen verhaftet.

Dazu passt, dass Vedova, der für den Komponisten Luigi Nono Bühnenbilder entwarf, seine Gemälde selbst immer auch als politische Kommentare verstanden hat. Für ihn, der im Zweiten Weltkrieg in der italienischen Resistenza gekämpft hatte, war Kunst eine Möglichkeit, auf Einflüsse seiner näheren und ferneren Umgebung persönlich zu reagieren. Dass seine Anklagen wie der Zyklus „Spangna 1961-61“ gegen das Franco-Regime naturgemäß in ihrer erwünschten Konsequenz wirkungslos bleiben mussten, störte ihn so wenig, wie ein ins Wasser geworfener Stein dauerhaft Spuren hinterlässt.

Wellen, so hoffte er, würde er allemal schlagen. Emilio Vedova nahm an zahlreichen bedeutenden Ausstellungen teil und erhielt etliche Preise und Auszeichnungen. Viermal war er auf der Documenta in Kassel vertreten, auf der Biennale in seiner Heimatstadt Venedig war er Stammgast. Am 25. Oktober ist Vedova im Alter von 87 Jahren nach längerer Krankheit in seinem Haus in Venedig gestorben.

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