Der Straßenchor singt "Carmina Burana" im Heimathafen : Lieder der Straße

Singen, um zu überleben: Der Berliner Straßenchor tritt im Heimathafen auf - mit den mittelalterlichen Vagantenliedern der "Carmina Burana".

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Die Mitglieder des Berliner Straßenchors
Die Mitglieder des Berliner StraßenchorsFoto: Mara von Kummer

Sie heißen Waltraud, Gotthold, Hanni, Babette, Thommy oder Sven. Der eine hat eine Firma mit zweihundert Angestellten geleitet, der andere hat einen Hirntumor, einer lebt seit zehn Jahren mit HIV, eine muss regelmäßig in die Psychiatrie. Jeder stellt sich kurz vor, erzählt, wer er ist, doch Identitäten verschwimmen bald, jeder übernimmt mehrere Rollen, war Lilith nicht eben noch Margit? So entsteht ein großes Kollektiv aus Gesichtslosen, eine Gruppe Hingefallener, die eines verbindet: Sie leben auf der Straße. Im Jahr 2009 hat Pianist Stefan Schmidt den Berliner Straßenchor gegründet, er ist im Fernsehen aufgetreten, wurde ausgezeichnet, hat eine CD veröffentlicht. Jetzt singt der Chor im Heimathafen Neukölln die „Straßen-Carmina“, die Lieder der Carmina Burana, die fahrende Gesellen im 12. Jahrhundert angestimmt haben, mutmaßlich ebenso mittellos und ausgestoßen.

Das Mittelalter liegt an diesem Abend in Neukölln. Miete wird erhöht, Krankengeld gekürzt, ein Antrag nicht bewilligt. Alles hübsch ins Irreale verschoben (Regie: Daniel Ris), wenn die Ämter „Nonkonformismus“ oder „infektiöse Individualität“ als Grund vorschieben. „Die Leute gehen vorbei, doch sie gehen nicht durch dein Leben“, sagt eine. Das Publikum: lauter Freunde, offenherzig, anteilnehmend, der Chor rennt Tore ein, die weit offen stehen. Trotzdem: Die Häufung, das Aufeinandertürmen von Leidensgeschichten, es ermüdet auch. Darf man das sagen bei solch einem fragilen Projekt? Die sozialen Erfolge sind doch integraler Bestandteil des Ganzen. Und doch schiebt sie der Abend wie eine Bugwelle vor sich her. Man muss sie erst mal gedanklich beiseitelegen, damit so etwas wie Kunstcharakter die Chance hat, an die Oberfläche zu finden.

Das passiert nach der Pause, in Carl Orffs Vertonung der Carmina Burana. Die nimmt jetzt eine ganz neue Färbung an, ist sie doch mit all den persönlichen Schicksalen aus dem ersten Teil getränkt. Satoko Matsumoto am Klavier liefert eine sichere musikalische Basis, auf deren Grundlage der Chor mit properem Rhythmus- und Intonationsgefühl vom Frühling, der Flüchtigkeit des Lebens, Trunksucht und Völlerei singt, in Latein natürlich. Eine Frau stürzt bei ihrem Solo ab, macht nichts, das Publikum jubelt, „Allet schick!“ brüllt einer aus der Ecke. Sie fängt noch mal an, jetzt viel besser. Eine Szene, die den Abend auf den Punkt bringt. Weitermachen ist alles. Udo Badelt

Heimathafen Neukölln, noch einmal am 5. März, 20 Uhr

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