Kultur : Der Streitgeist

Er verwandelt Zeitgeschehen in Geschichte: dem Historiker Arnulf Baring zum 80. Geburtstag.

von
Talkshowheld. Arnulf Baring. Foto: dpa
Talkshowheld. Arnulf Baring. Foto: dpaFoto: dpa

Seit langem gehört er zu den Helden des Talkshowbetriebs. Verlässlich besetzt er die Rolle des konservativen Opponenten im Meinungsspektrum, schwankend zwischen vulkanischem Raisonnement und grollendem Bußprediger. Da ist es angebracht, zumal zu einem runden Datum, daran zu erinnern, dass Arnulf Baring ein Zeithistoriker von Format ist. Hat er doch dazu beigetragen, dass das Zeitgeschehen zur Geschichte wurde. Zum Beispiel mit dem lapidaren ersten Satz seiner Habilitationsschrift – „Im Anfang war Adenauer“ –, mit dem der junge Autor für die Erzählung vom Beginn der Republik einen markanten Pflock einschlug. Diesem Zur-Geschichte-Werden der Bundesrepublik ist Baring viele Jahre auf den Fersen geblieben. Bis zur Ära Brandt-Scheel und der sozialliberalen Wende, die er aus nächster Nähe als Gast des Bundespräsidialamts erkundete und unter dem Titel „Machtwechsel“ auch beschrieb.

Das Profil, das ihn heute auszeichnet, hängt vor allem mit seiner publizistischen Aktivität zusammen. Er geht ihr mit Leidenschaft und Lust nach, durchaus im Bewusstsein einer öffentlichen Mission. Der Professor als Nationalpädagoge – ein altes deutsches Phänomen. Er mischt sich ein mit einem streitbaren, gelegentlich auch streitsuchenden Temperament aus dem Geist des Journalismus, befördert durch den Instinkt für das rhetorische Genre der Querschüsse und Philippika. Mit Vorliebe besetzt er Positionen des Widerspruchs gegen den jeweiligen Mainstream, wohl wissend, wie sehr dieser die Haltung des Es-muss-doch-endlich-einmal-gesagtWerden goutiert. So hat er in einem aufsehenerregenden Aufsatz die Bürger auf die Barrikade gerufen, vor aller Wutbürgerei, und sich mit höchst angreifbaren Vorbehalten auch an der Entschlossenheit gerieben, mit der alle Parteien in den neunziger Jahren die Vereinigung von Berlin und Brandenburg betrieben.

Blickt man auf diese Seite seiner Existenz zurück, so hat man Anlass zum Erstaunen. Denn der junge Baring war ein Vertreter der linksliberalen Aufklärung, SPD-Mitglied, Verfechter ost- und deutschlandpolitischer Entspannung. Inzwischen beklagt er beredt den Mangel der Deutschen an politischer Einsicht und Ernsthaftigkeit, und man kann in ihm einen Mahner zu einer moralisch-politischen Aufrüstung sehen. Zumal seit der Wende geht er mit den Deutschen heftig ins Gericht. Er findet, dass sie diesem großen Ereignis nicht gerecht werden. „Deutschland, was nun?“, „Scheitert Deutschland?“ heißen fanalhaft die Buchtitel, mit denen er die Nach-Wende-Republik begleitete.

Hat Baring sich also gewandelt, quer durch die Breite des politisch-intellektuellen Spektrums hindurch? Das auch, aber man kann darin ebenso gut das Zeugnis einer lang anhaltenden Kontroverse mit dem Zeitgeist sehen. Allerdings nicht aus dem Bewusstsein heraus, Außenseiter dieses Systems zu sein, sondern – wenn der Begriff gestattet ist – Innenseiter: ein Mann der Mitte, ein Verteidiger des demokratisch-parlamentarischen Systems, ein Treuhänder ihrer Werte. „Patriotische Fragezeichen“ hieß der erste größere Aufsatz, mit dem er 1962 an die Öffentlichkeit trat. Und man kann sich fragen, ob Baring nicht sein ganzes Leben lang patriotische Fragezeichen geschrieben hat. Auch wenn sie sich oft wie Ausrufezeichen ausnehmen.

Ein Mann seines Formats verkörpert eine eigene Sicht der Epoche, zu deren Zeitgenossen er gehört. Schon nicht mehr Kriegsgeneration, ist Barings intellektuelle Biografie im Aufschwung der fünfziger Jahre und den Aufbrüchen der sechziger Jahre gewachsen. Die Perspektive Berlin, wo er aufgewachsen ist, studiert und gelehrt hat, hat sein Problembewusstsein geschärft, die Auseinandersetzung mit der 68er-Rebellion hat es zugespitzt, die deutsche Wiedervereinigung es nationalpädagogisch erweckt. Die öffentliche Rolle, die er spielt, ist die Summe davon. Einmal abgesehen davon, dass er über eine seltene Fähigkeit verfügt, seine Zuhörer für sich einzunehmen. Daraus erklärt sich auch sein Erfolg als Redner und als Universitätslehrer.

Seinen Geburtstag hat Arnulf Baring übrigens in besonderer Weise in die Zeitgeschichte hineingestellt. Geboren am 8. Mai, hat er – dem Inferno der Bombardierung Dresdens, seiner Geburtstadt, gerade noch entgangen – den Tag des Kriegsendes besonders intensiv erlebt. Kaum einer hat das Geschenk des neuen Anfangs eindrucksvoller erinnert als er. An diesem Dienstag vollendet Arnulf Baring sein 80. Lebensjahr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar