Kultur : Der Strom des Lebens

CHRISTOPH FUNKE

Der Wald am Gutspark wird von guten Geistern heimgesucht.Langsam, feierlich kommen hochragende, handtuchschmale Puppen aus dem Dunkel eines Gebüschs in die Lichtung unter den Laubbäumen.Von schwarzgekleideten Spielern an Stäben geführt, beginnen sie ihr seltsames, geschichtenreiches Leben.Während sie vorüberziehen, für einen Moment innehalten, sich zu Gruppen fügen und wieder auseinandergehen, offenbaren die Stimmen raunender Erzähler mannigfaltige Schicksale um Liebe und Tod, um Sehnsucht und Trieb.

Im Strom dieser Berichte zeigen sich die Puppen-Skulpturen eigensinnig, mit unschuldiger, und mit schamloser Freude.Mitunter klappen die skurrilen Sehwerkzeuge buschig auf, oder sie beginnen zu kreiseln.Münder bleiben fest verschlossen oder sprechen die Erzählung mit, Arme und Hände hantieren mit Büchern, mit Hämmern und Messern, bringen riesige Finger zum deftigen Einsatz: In Dorf Netzeband (Ruppiner Land, Brandenburg) kommt hinter der Temnitzkirche "Unter dem Milchwald" zur Aufführung, ein "Spiel für Stimmen" von Dylan Thomas.

Das Gedicht von den Menschen im erfundenen walisischen Dorf Llareggub erhält im alten Gutspark eine feierliche Leichtigkeit.Regisseur und Bühnenbildner Jürgen Heidenreich zeichnet die fast siebzig in 38 Rollen zusammengefaßten Charaktere mit angriffslustigem Humor.Was Thomas in bildgesättigter Lyrik über eine Nacht, einen Frühlingsmorgen und einen wieder in die Nacht sinkenden Tag in Llareggub erzählt, machen sich die Figuren auf unnachahmliche Weise zu eigen.Jede trägt ihre Charakterisierung nicht in, sondern an sich, im Kostüm, im Gliederbau, im Ausdruck des Gesichts.Eine Puppe, eine Geschichte - ob es der Briefträger ist oder der Kapitän, der Lehrer, das Freudenmädchen oder die Witwe.Da hat eben der Organist wie aus Handfegern geformte Riesenpfoten, da fahren Köpfe stolz und rechthaberisch empor; da verharrt das pummelige Freudenmädchen an der mit weißer Wäsche bestückten Leine, lauter Kinderköpfe in der Schürze.

Geformt, gebaut, kostümiert haben die Skulpturen-Puppen Laien unter Anleitung von Jürgen Heidenreich, Menschen aus dem Dorf und der Umgebung.Sie sammelten Hausrat, Kleider, Schürzen, Umhänge, Tücher, Naturmaterial für Haare und Kopfputz, Wolle und Seide und was nur aufzutreiben war.Und sie führen die Figuren, tragen die Aufführungen, bei denen nur die akustisch aufgezeichneten Stimmen der Erzähler von Schauspielern übernommen worden sind (Thomas Neumann, Christine Marx).Netzeband verweist nicht nur mit diesem meist ausverkauften Theatereignis, das jede übliche Sommerabend-Unterhaltung weit hinter sich läßt, auf eine neue, eine andere Art zu leben.Die zwischen 1843 und 1935 errichtete Temnitzkirche, seit Jahrzehnten in Trümmern liegend und schon zum Abbruch bestimmt, wurde von 1992 bis 1995 vollkommen neu wiederaufgebaute und präsentiert sich jetzt als Zentrum für Ausstellungen, Konzerte, Theater.Ein Landhotel ("Märkische Höfe") entstand, aus verfallenen Häusern und Scheunen wurde ein Ferienensemble und Kongreßzentrum gezaubert, es gibt eine Landgalerie, Werkstätten, Reitstall, Streichelzoo und vieles mehr.

Umwandlung und Neugeburt des Dorfes sind zwei Idealisten zu danken, die 1991 aus Düsseldorf nach Netzeband kamen, ein "integriertes Gesamtkonzept für eine landwirtschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung" des Dorfes erarbeiteten - und auch durchsetzten.Der Landschaftsarchitekt Horst Wagenfeld und seine Frau, die Marketing-Expertin Johanna Sternekes-Wagenfeld, haben sich in die Landschaft, in die Lage des Straßendorfes und den Landschaftsraum so verliebt, daß sie sich hier niederließen und einem Traum alles opferten.Der Traum ist, Natur, Kunst und Landwirtschaft in Harmonie zu verbinden - mit den Menschen, die in den drei jetzt zusammengeschlossenen Gemeinden Netzeband, Katerbow und Rägelin leben, und mit den Gästen, die zu Tagungen, zum Urlaub, zur Arbeit, zum Kunstmachen und Kunstgenießen in das "neue" Dorf kommen.

Inzwischen ist Netzeband auch als Projekt für die Weltausstellung in Hannover ("Dorf 2000" für das Land Brandenburg) bestätigt worden.Es gibt Pläne für eine Kooperation mit der Europa-Universiät Viadrina in Frankfurt / Oder, ein Integriertes Schulungs- und Arbeitskontor ist gerade gegründet worden, Pläne für die weitere Sanierung gemeindeeigener Gebäude liegen vor.Das Bundespräsidentenpaar war zu Gast - Christiane Herzogs Einsatz für die an Mukoviszidose Erkrankten findet im Dorf besondere Fürsprache und Unterstützung.Die weitgespannten, einen ganzen Landschaftsraum verändernden Unternehmungen der Wagenfelds ernten dennoch nicht nur Zustimmung, sondern auch Kritik und Widerspruch.Mancher Märker glaubt den Zugezogenen das uneigennützige Handeln nicht, der unerschrockene, kein Risiko scheuende Wagemut stößt vielerorts auf mißtrauische Vorsicht, auch in Amtsstuben.Trotz der positiven Resonanz, ist das Zusammengehen von Menschen aus Ost und West noch immer kein entspannter Spaziergang.

"Unter dem Milchwald" im Dorf Netzeband, Landschaftsraum der Oberen Temnitz, wieder am 15., 21.und 22.August in deutscher Sprache, am 19.August in englischer Sprache, jeweils 20 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben