Kultur : Der stumme Engel

Liebe in Zeiten der Arbeitslosigkeit: Düsseldorf und Hamburg versuchen sich an Moritz Rinkes neuem Stück „Café Umberto“

Peter von Becker

Wie oft, wie gern haben zeitgenössische Schauspiele den Wahnsinn und die Höllen des Alltags beschrieben – und sich künstliche Paradiese erträumt. Bei Moritz Rinkes neuem Stück „Café Umberto“ aber hat sich das Spektrum verschoben. Da schwirren lauter gerupfte Paradiesvögel durch den Raum, Kleinkünstler und Liebespaare mit gebrochenen Flügeln, mit versengten Schwingen. Einer, ein arbeitsloser Geograph, sucht da noch einmal „wie ein Adler“ nach einem Ort für sich, will im Sturzflug hineinstechen in die Lücke zwischen sich und seiner (noch immer erfolgreichen) Freundin und weiß doch, dass er selbst die Lücke ist.

Sie sind vertrieben, herausgefallen, abgeglitten aus den Normalitäten einer Erwerbswelt, die vielleicht nicht das Paradies war. Aber doch ein Garten Schweden schien, ein Sozialpark Deutschland. Jetzt heißt das Arbeitsamt nicht mehr Amt, sondern Agentur. Und als Jaro, ein Musiker und Songschreiber, dem die „Hitkicker“ der Popindustrie einen Tritt ins Herz versetzt haben, die Agentur eines Morgens betritt, wirkt die künstliche Normalität des Jobcenters auf den ersten Blick wie immer. Natürlich beginnt hier kein dramatischer Sozialreport, aber auf den ersten Blick ist die Amtswelt der Agentur nur leicht verfremdet durch das titelgebende „Café“. Der spanisch-italienische Besitzer Umberto, dem unser Land die Sprache verschlägt, hat den Warteraum durch seine Ich-AG besetzt. Hier brüht der stumme, stolze Mann in einem Behelfskiosk Espresso und Latte macchiato für die Arbeit Suchenden. Umberto wird so, anstelle eines Getränkeautomaten, zum menschenfreundlichen Vorboten einer neuen Dienstleistungsgesellschaft.

Dafür hat die Agentur freilich einen anderen Automaten. Den Service der Jobvermittler hat ein im Raum stehender neuer Sprachcomputer übernommen. Er teilt seinen Kunden Nummern zu und Ein-Euro-Dienste oder auch Auftritte in Game-Shows – wo ein schmächtiger, soziologischer Ex-Dozent gegen einen berühmten Sumo-Ringer antreten soll (der Dozent: Das sei doch eine Beleidigung „des japanischen Volks“!). Jaro, der Popmusiker, wird zu einem Schützenfest nach Dellbrück-Brücken geschickt. Aber da feiern dummerweise die Neonazis.

Eine schwarze, hellschwarze Komödie. Erst allmählich offenbart Moritz Rinke seinen tragikomischen Einfall: Mit dem Sprachcomputer hat schon jene neue Zeit begonnen, in der auch die Arbeitsagentur durch Rationalisierung und Automatisierung dabei ist, ihre Angestellten und damit sich selbst abzuschaffen. Ihr Zweigstellenleiter wird so zum Häuptling ohne Indianer. Ähnlich wie in Rinkes früherem Stück „Republik Vineta“, wo arbeitswütige Führungskräfte ein utopisches Stadtbauprojekt nicht als therapeutische Vorbereitung auf ihre Entlassung begreifen, ist die Agentur selbst längst ein Fake. Eine Fata Morgana – wie die politische Verheißung der „Vollbeschäftigung“. In dem Leerraum versuchen sich die Figuren aus der abrutschenden Mittelklasse nun noch einmal einzurichten. Halt zu finden.

Aber bei Karl Marx und auch Moritz Rinke siegt der Schein nicht mehr über das Sein. In der wohl schönsten Episode des Szenenreigens arrangiert Jaro für Jule, die mit ihrem Koffer und ihrer Kollektion „Berlin am Meer“ durchs Leben ziehende Modeschneiderin, einen Laufsteg in der jobverlassenen Agentur. Jaro hat andere Paare und Passanten mit seinem letzten Geld als Models und „Käufer“ engagiert, um vor Jule, die er vorm Selbstmord gerettet hat, eine angeblich echte Modenschau zu inszenieren. Doch ein ums Vieh gebrachter Landwirt, die erfolglose Malerin Paula und ihr Liebhaber Anton, der in keinen Sumo-Ring steigende Ex-Dozent und Ein-Euro-Laubsauger, sie alle zerstören durch Ausbrüche ihrer Ehrlichkeit auch den letzten Traum von „Berlin am Meer“.

Die alte Liebe ohne neue Arbeit. Darüber hat Rinke nun keine hartzige, neosoziale Romanze geschrieben. „Café Umberto“ ist vielmehr eine so wunderliche wie zutiefst materialistische Komödie – eben das macht sie zu einem Stück der Stunde. Arbeitslosen- und Tagelöhnerdramen haben seit Büchners „Woyzeck“, von Hauptmann, Horváth, Brecht bis Kroetz, Widmer oder Mayenburg eine lange Tradition – und auch in dieser Theatersaison wieder Konjunktur. Rinkes Ton, der das Realistische aufnimmt, aber seine Figuren gleichsam über dem doppeltem Boden des Allzuwirklichen schweben lässt, ist freilich eine Herausforderung.

Im Düsseldorfer Schauspiel haben der Regisseur Burkhard Kosminski und seine Akteure bei der Uraufführung ihre erkennbaren Schwierigkeiten gehabt. Schon der offene Raum des Kleinen Hauses, der in Florian Ettis Einrichtung eher einer Probendeko gleicht, gibt den Spielern kaum Halt, die pseudoreale Andeutung eines Arbeitsamtes ist noch keine Ausdeutung der poetischen Realitätsverrückung. So findet die Aufführung über allerlei Umständlichkeiten (etwa bei Jules Selbstmordversuch) nur schwer ihren Rhythmus. Marcus Bluhm als Popmusiker Jaro hat leider wenig von einem (scheiternden) Künstler und kann bei Zitaten der eigenen Songs offenbar nur schlecht Englisch. Vor allem aber zerhackt die Regie durch Umbauten und harte Schnitte immer wieder den träumerisch trügerischen Fluss des Textes, erzählt das Stück im Klipp-Klapp eines szenischen Kabaretts. Allerdings gibt es darin auch etliche starke Nummern. Esther Hausmann als TV-Moderatorin, deren computeranimierte Stimme in der Agentur den eigenen, arbeitslosen Freund ungewollt demütigt, spielt glänzend den Spagat zwischen Karrieristin und liebender Seele. Oder Julia Wieninger als bild- und brotlose Malerin setzt eine abgründige Trauer gegen das hysterische Zappeltheater ihres Dozentenfreundes Anton, den Gaststar Dominique Horwitz sehr lange verschreit, bis er am Ende in doch abgründiger Stille zu sich und der Rolle findet.

Von Stille, Trauer, spielerischer Hoffnung ist dann fast noch weniger in der Zweitaufführung des Stücks auf der Hallenbühne des Thalia Theaters in der Hamburger Gaußstraße zu erleben. Dort hat Stephan Kimmig zwar die Grundstimmung als halbdunkler Tagtraum in der Lichtregie und flüssigen Szenenfolge besser erfasst. Doch entgleitet das Stück immer wieder im Detail. Mit einem neuen Anfang als Rückblende und Albtraum des arbeitslosen Agenturleiters inszeniert, wird Jaros und Jules Liebesgeschichte schon in der Exposition gestrichen, ebenso Rinkes Utopie einer Nach-Arbeitswelt. Stattdessen ein versifftes Nachtasyl, gekappte Motive, ein Schreihals als Musiker Jaro (Peter Jordan), eine hinzuerfundene Tunten-Einlage und trotz Akteuren wie Susanne Wolff und Werner Wölbern als Paula und Anton kein „Café Umberto“. Wo in Düsseldorf noch der wunderbare Pina-Bausch-Tänzer Jean-Laurent Sasportes ein stummer Engel des verlorenen Paradieses war, spannt in Hamburg nur ein Statist den Schirm von „Umbertos Shop“ auf. Da gefriert jeder Espresso.

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