Kultur : Der Subversive

Zum Tod des Verlegers Lutz Schulenburg.

Foto: Ute Schendel/Edition Nautilus
Foto: Ute Schendel/Edition Nautilus

Mit seinen langen weißen Haaren war er auf Buchmessen eine auffällige Erscheinung, und dass sie aus einer fernen fremden Zeit zu stammen schien, machte sie noch auffälliger. Lutz Schulenburg, 1953 in Hamburg-Bergedorf als zweites von drei Kindern in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, war das Gesicht der politisch bis heute quicklebendig links drehenden Edition Nautilus. Als schwacher Schüler hatte er die Autorität der Schule doppelt unangenehm erlebt. So engagierte er sich ab Mitte 1968 in der örtlichen sozialistischen Schülergruppe (AUSS) und der APO-Gruppe Bergedorf. In die Verlegerei rutschte er, ein Nomade des undogmatisch-linken Milieus, mehr oder weniger hinein. 1971 gründete er mit Pierre Gallissaires die anarchistische Theoriezeitschrift „MAD – Materialien, Dokumente, Analysen“, die später in „Revolte!“ umbenannt wurde. Im „Spartakus Buchvertrieb“ lernte er die Regeln des Geschäfts, und zusammen mit Hanna Mittelstädt gründete er schließlich einen richtigen Kleinverlag, dem die Satirezeitschrift „Mad“ den Namen so wenig gönnen wollte, dass die Umbenennung in Edition Nautilus nötig wurde.

Veröffentlicht wurde Anarchistisches und Situationistisches, Dadaistisches und Surrealistisches. Bald fanden auch Autobiografien von Jacques Mesrine, Charles Mingus, Billie Holiday und Franz Jung Eingang ins Programm – sowie Prosa von Franz Dobler, Ingvar Ambjørnsen, Anna Rheinsberg und Sean McGuffin. Parallel dazu wurde eine Werkausgabe von Franz Jung in Angriff genommen, die seit 1997 in zwölf Bänden abgeschlossen vorliegt. Mit Andrea Maria Schenkels Krimi „Tannöd“ gelang Schulenburg ein Überraschungsbestseller, der viele andere Projekte finanzieren half. Im März 2004 wurde der Edition Nautilus auf der Leipziger Buchmesse der Kurt-Wolff-Preis für das anspruchsvolle literarische Programm, die Künstlerbiografien und die Jung-Ausgabe überreicht. Am 1. Mai, wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag, ist Lutz Schulenburg nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Tsp

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