Kultur : Der süße Barbar

Runde Mythen: ein Gespräch mit Brasiliens Kulturminister und Musik-Legende Gilberto Gil. Am 25. Mai spielt er in Berlin

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Herr Gil, Sie haben zur Fußball-WM den Song „Balé de Berlim“ komponiert. Haben Sie als Kulturminister eigentlich noch Zeit, neue Songs zu schreiben?

Leider nur sehr wenig. Seit ich Minister bin, habe ich ganze drei Songs geschrieben, einer ist „Balé de Berlim“.

Den Samba für Berlin werden Sie bei Ihrem Auftritt am 25. Mai im Haus der Kulturen der Welt singen. Mit dem Berliner Konzert eröffnen Sie die Copa da Cultura, eine Präsentation brasilianischer Kultur in Deutschland. Das Festival ist doch wohl mehr als nur ein Vorspiel zur WM?

Die Fußball-Weltmeisterschaft haben wir zum Anlass genommen, unsere kulturellen Aktivitäten zu verstärken. Viele der präsentierten Arbeiten beziehen sich auf Fußball, aber nicht alle. Copa da Cultura ist offen für alle Formen des künstlerischen Ausdrucks.

Fußball ist neben der Musik ein Leitbild der brasilianischen Kultur. Wie konnte der Futebol solch eine Bedeutung erlangen?

Unsere ganze kulturelle Seele kommt beim Fußballspielen zum Ausdruck. Denn Fußball in Brasilien ist eng verknüpft mit Musik, Tanz, Capoeira, mit Karneval und unserer Lust am Feiern.

Haben Sie selber einmal Fußball gespielt? Und womöglich davon geträumt, ein berühmter Fußballer zu werden?

Als ich jung war, habe ich eine Zeit lang gespielt. Ich war Torwart. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht das nötige Talent habe. Und ich hatte ja die Musik.

Die Spieler der Selecao, der brasilianschen Nationalmannschaft, kommen oft aus armen Verhältnissen, ihnen ist ein rasanter sozialer Aufstieg gelungen. Nun hat Sócrates, der frühere Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft, in einem Interview behauptet, Ronaldinho sei ein schlechtes Vorbild, weil er den Jugendlichen suggeriert: Man kann reich und berühmt werden ohne eine gute Schulausbildung.

Die brasilianischen Fußballspieler kommen zumeist aus bildungsfernen Schichten, aber wenn sie eine Profikarriere starten, müssen sie den Umgang mit Medien und Managern lernen. Sie müssen das Spiel, die Strategien der Kommunikation beherrschen, um sich erfolgreich in ihrem Business zu behaupten. Sie müssen clever und informiert sein und sich ständig fortbilden. Nehmen Sie die brasilianischen Spieler, die in europäischen Vereinen spielen. Ronaldo hat zuerst Holländisch gelernt, dann Spanisch und Italienisch. Diese Spieler müssen nicht nur Fußball spielen, sie müssen lernen, sich in einer anderen Kultur zu bewegen.

Was zeichnet in Ihren Augen die brasilianischen Fußballer aus?

Unsere Spontaneität, unser Talent zu kommunizieren und zu verführen, die Magie des brasilianischen Lebens – all das prägt auch die brasilianische Fußballkultur. Das sieht man schon an der Art, wie die Spieler den Ball berühren, wie sie das Feld aufteilen. Und auch im Fußball zeigt sich unsere Fähigkeit, sich fremde Einflüsse einzuverleiben und in etwas Eigenes zu verwandeln.

Sie beziehen sich auf das „Manifesto Antropófago“ von Osvald de Andrade, ein surrealistisches Bekenntnis zur Menschenfresserei. Das zielt auf einen Aneignungs- als Umdeutungsprozess zur Gewinnung eigener Identität.

Osvald de Andrade war eine der Ikonen der kulturrevolutionären Antropophagie-Bewegung in Brasilien. Von ihm stammt diese Definition brasilianischer Kultur: sich fremde Elemente einverleiben, sie verdauen und umdeuten.

Pelé, Ronaldo, Ronaldinho, die berühmtesten Fußballspieler Brasiliens, sind alle afrobrasilianischer Herkunft. Welche politische Relevanz hat der Fußball bei Ihnen?

Wenn Sie sich die Spielerlisten der brasilianischen Fußballvereine ansehen: 60 bis 70 Prozent der Kicker sind Schwarze oder Mulatos. Fußball ist eines der Instrumente für die zweite Phase der Wiedergutmachung: Hier wurde eine historische Schuld aus der Zeit der Sklaverei beglichen. Der Sport ganz allgemein und die Musik haben die Emanzipation der Schwarzen in Brasilien vorangebracht.

In Ihrer politischen Karriere haben Sie sich von Anfang an für die Rechte der Afrobrasilianer eingesetzt, für ein schwarzes Selbstbewusstsein gekämpft. Wie hat sich die Situation der Afrobrasilianer verändert?

Es ist uns gelungen, ein verändertes Bewusstsein unter den Afrobrasilianern selbst und auch beim Rest der Gesellschaft zu schaffen. Die ganze brasilianische Gesellschaft muss ja diesen Emanzipationsprozess mittragen. Wir haben neue Gesetze auf den Weg gebracht. Seit letztem Jahr etwa sind die Schulen verpflichtet, afrikanische Geschichte zu unterrichten. Das ist jetzt Teil des Curriculums. Es gibt immer mehr schwarze Abgeordnete und Bürgermeister, Männer wie Frauen. Und Brasilien hat einen schwarzen Kulturminister!

Als Präsident Lula da Silva Ihnen vorschlug, Kulturminister zu werden, haben Sie da gezögert?

Nein. Ich habe natürlich darüber nachgedacht, welche Verantwortung der Posten mit sich bringt; mir war aber auch klar, welch enorme symbolische Bedeutung meine Ernennung haben würde.

Als Künstler müssen Sie da Opfer bringen.

Das schon, aber es ist auch spirituell sehr erfüllend, wenn man in der Lage ist, die Geschichte ein wenig voranzubringen.

Sie haben schon vorher viel bewegt. Sie haben die brasilianische Musik revolutioniert, in den Sechzigerjahren waren Sie eine der Leitfiguren des Tropicalismo. Was war das schockierend Neue dieser Bewegung?

Es war eine Modernisierungsbewegung, die die gesamte brasilianische Kunst erfasste: Musik, Film, Literatur und Theater. In den Sechzigern standen die Zeichen international auf Revolte. Tropicalia war die brasilianische Antwort auf diese Kulturrevolution.

Als Sie 1975 zusammen mit Gaetano Veloso, Gal Costa und Maria Bethania ein Album aufnahmen, nannten Sie sich „Doces Bárbaros“. Was führten die „süßen Barbaren“ im Schilde?

Wir waren Barbaren in dem Sinn, dass wir in die Zentren der kulturellen Macht, die Bastionen der Tradition eingedrungen sind. Aber wir waren friedliche Invasoren. Sehr süß. Wir brachten Musik und gute Neuigkeiten. Wir haben für die sexuelle Befreiung gekämpft, neue Werte propagiert.

Musikalisch, so haben Sie einmal erklärt, war der Tropicalismo nie ein bestimmter Stil wie Bossa Nova, sondern eine Lebenshaltung. Sie haben Aspekte der traditionellen Musik Brasiliens hervorgehoben und die Türen geöffnet für Einflüsse aus Amerika und Europa. Als Sie bei einem Konzert zur elektrischen Gitarre griffen, wurden Sie mit Tomaten beworfen!

Wir kamen mit neuen Instrumenten, neuen Ideen und Konzepten. Und wir mussten erst die Barrieren beseitigen. Wir mussten den Boden neu bereiten, erst dann konnten wir säen.

Ihre Musik hat auch eine mystische Seite. Sie behaupten, dass die Brasilianer einen Mystizismus in der Liebe und Freundschaft pflegen. Das müssen Sie erklären!

Ich meine damit eine neue Form paganer Religiosität. Und ich glaube an den Dialog durch Kunst – gerade in Zeiten, wo alle vom clash of culture reden. Musik und Freundschaft – das sind Sprachen, die jeder versteht.

Heute wird aber vielerorts das Trennende betont.

Ich weiß. Aber die Herausforderung besteht darin, dass man Gleichheit und Differenz zusammendenkt. Meine Maxime ist: Bekämpfe die Unterschiede, wenn sie die Gleichheit bedrohen. Und bekämpfe die Gleichheit, wenn sie das Anderssein, die Unterschiedlichkeit bedroht.

Das Gespräch führte Sandra Luzina.

Gilberto Gil eröffnet am 25. Mai mit seinem Auftritt im Berliner Haus der Kulturen der Welt das Brasilien-Festival „Copa da Cultura“ zur Fußball-WM.
Für dieses Konzert von Gilberto Gil gibt es für Tagesspiegel-Leser insgesamt 100 Freikarten , maximal zwei pro Person. Ticket-Telefon nur heute, 15. Mai, von 11 bis 18 Uhr: 030 – 260 09 809. Die Gewinner der Freikarten werden schriftlich benachrichtigt.

Gil , 1942 in Salvador de Bahia geboren, ist einer der berühmtesten Musiker Brasiliens. In den sechziger Jahren war der Komponist und Sänger Mitbegründer des Tropicalismo . Während der Militärdiktatur ging er für zwei Jahre ins Exil nach London. Nach seiner Rückkehr 1972 stieg Gil in Brasilien zum Superstar auf.
Er hat insgesamt 50 Platten aufgenommen. Am 1. Januar 2003 wurde er von Präsident Lula da Silva zum Kulturminister ernannt.

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