Kultur : Der süße Tod fährt Fahrrad

„Große Meister der mexikanischen Volkskunst“: eine prächtige Ausstellung in Berlin

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Von Inge Pett

Der gefiederte Drachenkamm spreizt sich, Augen und Maul sind weit aufgerissen, die Beinhaltung jedoch gleicht der eines Dackels, wären da nicht die Hühnerkrallen... In allen Farben des Regenbogens leuchtet sie, die schaurig-drollige Chimäre, erschaffen von Felipe und Leonardo Linares. Längst haben es die Gebrüder Linares mit ihren surrealistisch anmutenden „alebrijes“ aus Pappmache zu internationalem Renommee gebracht.

Unmittelbar neben dem Drachen grinst ein radfahrendes Skelett den Besucher an - eine Arbeit von Mauricio Hernandez Colmenero. Auf seinem Kopf jongliert das Gerippe einen Brotkorb, eine Luzifer-Figur auf dem Rücksitz umklammert es, und ein rosiges kleines Putto thront in der Mitte der Lenkerstange. Bunte Totenköpfe im Miniaturformat bilden den Untergrund für das seltsame Trio. Colmenero und die Gebrüder Linares zählen zu den über 200 mexikanischen Kunsthandwerkern, deren üppige, teils knallbunte Arbeiten im Rahmen des MEXartes-berlin.de Festivals ab dem 17. September im Ethnologischen Museum in Dahlem zu sehen sind: eintausendzweihundert Kunstwerke. Die vom Fomento Cultural Bax A. C. und dem ethnologischen Museum kuratierte Ausstellung bietet auf tausend Quadratmetern Fläche einen umfassenden Einblick über die mannigfachen Strömungen in der Volkskunst des lateinamerikanischen Landes.

Es sei spezifisch für die mestizische Kultur Mexikos, so der Katalogtext, zwischen Humor und Entsetzen, Leben und Tod, dem Schönen und Hässlichen zu pendeln. Das gilt besonders für den Umgang mit dem Tod. Dieser kommt keineswegs düster und bedrückend, sondern bunt und süß daher, wie in den Werken von Wenceslao Rivas Contreras aus Toluca, dem „Meister des Zuckers". Mit reich verzierten Zucker-Totenschädeln sowie Särgen aus Marzipan und Totenbroten in Knochenform wird am „Dia de los muertos“, dem mexikanischen Totenfest, der Besuch der Verstorbenen erwartet.

Auch das Ethnologische Museum will dieses lebensfrohe Fest der Toten an drei Tagen mit einer „ofrenda“, einem mit Blumen, Süssigkeiten und Fotos geschmückten Gabentisch, sowie Mariachi-Musik, Tanz und traditionellem Essen begehen. Willkommen seien alle „lebenden und toten Besucher“, so die Veranstalter. „Mexikanische Kunst ruft Fragezeichen hervor“, erklärt Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums. Und spielt damit auf die Vielfalt kultureller Einflüsse an, die oft nicht mehr eindeutig entschlüsselbar sind. Die Volkskunst Mexikos ist geprägt durch synkretiistische Ausdrucksformen – eine Folge des Zusammenpralls der präkolumbianischen Kulturen mit dem Katholizismus, ein Ergebnis der Konfrontation mit Kulturimporten der globalen Kolonialmacht Spanien: etwa den Porzellanprodukten aus China oder Lacken von den Philippinen. Darüber hinaus mischen sich die Mythen von über 50 mexikanischen Völkern mit Geschichten aus der Bibel.

Ungewohnt mutet die aztekische Krippe aus bemaltem Ton von Zen¢n Martinez Garcia an. Indianer in Lendenschurz, mit Federschmuck und Köchern begrüßen die Geburt des farbigen Kindes. Eine Indio-Frau bringt ein Huhn als Gabe, ein Mann mit goldenen Ohrringen hat die Arme voller Maiskolben. Während die Krippe Garcias das biblische Geschehen ins Mexiko der Urbevölkerung transformiert, stehen andere Exponate eindeutig unter dem Einfluss des spanischen Barock. Den Besucher erwartet eine breites Panorama handwerklicher Traditionen aus sämtlichen Bundesstaaten Mexikos: Lackarbeiten aus Olinal , Kupferverarbeitung aus Santa Clara del Cobre, Silberschmuck aus Zacatetas oder Taxco, Masken aus Tlaxcala oder Colima und Textilien aus diversen Regionen des Landes.

Bei den Künstlern handelt es sich um Stipendiaten eines 1996 ins Leben gerufenen Programms zur Förderung der Volkskunst. Um die vor dem Aussterben bedrohten Praktiken und Techniken zu fördern, wurde ein Drei-Stufen-Konzept entworfen, das die Künstlerwerkstätten finanziell stärkt, Workshops zur Fort- und Weiterbildung einrichtet und den Kunsthandwerkern Unterstützung bei Marketing und Vertrieb anbietet. Ein Resultat dieses Programms ist die überaus sinnen- und farbenfrohe Wanderausstellung, die jetzt Berliner Besucher im Ethnologischen Museum in Dahlem erwartet.

„Große Meister der mexikanischen Volkskunst“: Eröffnung am 15. September um 12 Uhr. Die Ausstellung läuft vom 17. September bis zum 23. Februar, Dienstag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr. An jedem ersten Sonntag im Monat Eintritt frei. Mexikanisches Totenfest vom 31. Oktober bis 3. November. – Mexartes-Berlin.de – Festivalreader. 168 Seiten, deutsch/spanisch, 14 Euro.

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