Kultur : Der Tänzer als Dieb

Nasser Martin-Gousset und Olivier Dubois beim „Tanz im August“ in Berlin

Sandra Luzina

Die Männlichkeits-Konstruktionen beim „Tanz im August“ schwanken zwischen ironischer Selbststilisierung und Selbstentblößung. Die beiden Franzosen Nasser Martin-Gousset und Olivier Dubois verkörpern zwei gegensätzliche Typen: ein lässiger Schlaks der eine, ein rundlicher Sinnenmensch der andere. Beide setzen sich in ihren Arbeiten mit großen Vorbildern auseinander.

Der Choreograf Nasser Martin-Gousset ist ein leidenschaftlicher Cineast und er hat längst den Dreh raus, wie er seine beiden Leidenschaften – den Tanz und das Kino – unter einen Hut bringen kann. „Comedy“ ist ein lustvolles Spiel mit den Zeichen des Kinos. Im Vorspann zu süßlicher Filmmusik sieht man Martin-Goussets Gesicht in Großaufnahme – mit einem komplizenhaften Zwinkern. Im Prolog schleicht er sich dann auf leisen Sohlen an – als Gentleman-Ganove mit Schiebermütze, der es auf einen gigantischen Diamanten abgesehen hat.

Der Choreograf als Meisterdieb: Den Plot hat er offensichtlich von Blake Edwards Gaunerkomödie „Pink Panther“ geklaut. Den rosaroten Panther hat er mit Jacques Tati gekreuzt und noch einen Schuss Existenzialismus hinzugefügt. „Comedy“ ist wie eine exklusive Party, die kein Ende findet und ihre Gäste in Geiselhaft nimmt. Der prickelnde Champagnerrausch mündet hier unweigerlich in Agonie. Als Gesellschaftskritik überzeugt das Stück weniger, doch wo es mit der Leichtigkeit des Genres flirtet, ist „Comedy“ voller visueller Überraschungen. Dem Choreografen gelingt es, die Komödienmechanik auf die Körper zu übertragen. Die Partymeute wird zu einer ruckelnden, wippenden Traube, Bewegungen werden vor- und zurückgespult oder zum Standbild eingefroren.

Die Vier-Mann-Combo, die entspannten West-Coast-Jazz von Dave Brubeck und Paul Desmond spielt, ist geschickt ins Bühnengeschehen integriert. Die ausgedehnten Tanzszenen sind eine Neuinterpretation des amerikanischen Jazz Dance. Der coolste Hund ist natürlich Nasser Martin-Gousset selbst, für den der Auftritt im Radialsystem wie ein Heimspiel ist. Der begnadete Komiker war einer der herausragenden Protagonisten von Sasha Waltz & Guests und hat in Berlin noch zahlreiche Bewunderer.

Der Clou ist dann das Schattentheater-Intermezzo, das die dunklen Seiten dieser Gesellschaft spiegelt. Die amourösen Verwicklungen der Krimi-Komödie werden hier ad absurdum geführt. Jeder ist hinter jedem und alle gemeinsam hinter dem gigantischen Diamanten her. Am Ende werden die Tänzer, die hier als gestochen scharfe Scherenschnitte zu sehen sind, der Reihe nach erstochen oder aufgespießt. Der Körper und sein Schatten: Martin-Gousset gewinnt dem Spiel mit dem Double verblüffende Szenen ab. „Comedy“ ist ein Abend zwischen visueller Lust und Melancholie.

Olivier Dubois hingegen wandelt in „Faune(s)“ auf Nijinskys Spuren, wie vor ihm schon zahlreiche Interpreten. Um die Rolle des Interpreten geht es an diesem Abend, der der Rekonstruktion von Nijinskys Skandalstück „L’après-midi d’un faune“ aus dem Jahr 1912 drei Neuinterpretationen gegenüberstellt. Sie alle zeigen das Dilemma eines modernen Fauns, dessen sexuelles Begehren keine Erfüllung findet. Dubois ist beileibe kein junger Tanzgott: Er ist kurzbeinig und korpulent, stellt aber seine Wampe selbstbewusst zur Schau. Wenn er sich in geflecktem Trikot als lüsterner Faun räkelt oder den Nymphen nachjagt, hat das einen Hauch von Parodie. Denn sein mächtiger Körper schiebt sich vor die Choreografie. Am Ende des Abends verwandelt der Gedemütigte sich in einen Satyr mit Fellmantel und Widdergeweih und verschafft sich einen einsamen Höhepunkt.

Hier wird nicht die ungezähmte Männlichkeit propagiert, Dubois zeigt vielmehr, wie die kulturelle Ordnung das sexuelle Begehren überformt. Wenn der nackte Faun den Zuschauern seine Kehrseite zuwendet, dann zitiert er eine berühmte Venus-Pose. Die Bocksgesänge sind manchmal etwas penetrant, beeindrucken aber durch den starken Darsteller.

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