Kultur : Der Tag des offenen Lochs

Der Traum vom Multiplex-Museum endet am Bauzaun: Wie die Stadt Köln Kulturpolitik mit Größenwahn verwechselt

Catrin Lorch

Michael Vesper, NRWKultusminister, mag Happenings. Eigentlich wollte er heute in der riesigen stillgelegten Baugrube am Kölner Neumarkt vorbeischauen. Daraus wird aber nichts, denn die Stadt hat den „Tag des offenen Lochs“ wenige Stunden vor Beginn untersagt. Das Gelände sei „nicht sicher genug“.

Das Loch, mitten in der Kölner Innenstadt, ist Symptom und Symbol für viele Fehlentwicklungen der Kölner Kultur. Bis Sommer 2006 sollte dort ein Multiplex-Museum entstehen, welches das hochwassergefährdete Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde, das Schnütgen-Museum, den Kölnischen Kunstverein, die Kunsthalle sowie den Museumsdienst und die Volkshochschule beherbergen sollte. Seit Januar ruhen die Bauarbeiten, denn der ursprüngliche Kostenrahmen von 60 Millionen Euro war nicht mehr einzuhalten, acht Millionen Euro mehr sollte das Museum jetzt kosten. Vergangene Woche wollte Oberbürgermeister Fritz Schramma das Gezerre um die Innenstadt-Brache kurzerhand beenden und erklärte den Neubau für nicht mehr finanzierbar. Das Gelände werde an private Investoren verkauft. Nicht einmal mit Dezernentin Marie Hüllenkremer hatte er sich vorher abgesprochen.

Marie Hüllenkremer begann mit dem ehrgeizigen Projekt Mitte der Neunziger ihre Amtszeit – Köln jedoch hat sich nie so richtig auf den Neubau gefreut. 1996 siegte im Wettbewerb der Entwurf eines „nüchtern-sachlichen Zweckbaus“ (Hüllenkremer). Als im vergangenen Sommer der Abriss des verwitterten Sechziger-Jahre Areals bevorstand, entdeckte Kölns Szene seine Liebe zu ihm. Kunsthalle, Kunstverein, Volkshochschule und Stadtbücherei bildeten den Josef Haubrich Hof, ein typisches, waschbetonverfliestes, spärlich dekoriertes Sechziger-Jahre-Kulturforum, begrenzt von einer schicken Fassade aus Beton-Ornamenten. Eine Initiative organisierte Parties und Kundgebungen, Udo Kier hielt spitze Plädoyers, Künstler, Galeristen und Autoren versammelten sich zum Sitzstreik auf dem Dach – aber bevor der Geist des Widerstands sich in Gegenvorschlägen zur Sanierung manifestieren konnte, schlug die Abrissbirne zu.

Die ersten Mieter verabschiedeten sich bald danach: Die von Haushaltskürzungen der Stadt (Jahresdefizit: 515 Millionen Euro) empfindlich betroffene Volkshochschule kann sich die Betriebskosten des Neubaus nicht mehr leisten, und der heimatlos gewordene Kölnische Kunstverein richtete sich auf der anderen Seite des Neumarktes im ehemaligen British Council komfortabel ein.

Nach dem Willen des Baudezernenten Bela Dören sollte man den jetzigen Baustopp als Denkpause nutzen. Allerdings haben erstaunlich viele Kölner präzise Vorstellungen von der Zukunft des Geländes. Immobilienfirmen machen Vorschläge, andere wollen private Investoren beteiligen, und Marie Hüllenkremer rechnet nach wie vor mit einer um zwei Stockwerke „abgespeckten Version“. „Aber schon der Terminus ,Das rechnet sich’ ist falsch“, sagt die Dezernentin, deren Etat überproportional gekürzt wurde. „Wenn man Kultur will, darf man sich auf solche Formulierungen nicht einlassen.“ Derweil steckt die CDU dem unterfinanzierten Größenwahn weitere Glanzlichter auf und versucht, den Politiker und Museumsmann Christoph Stölzl als Leiter des vakanten Museums für Angewandte Kunst zu gewinnen, indem sie ihm als Dreingabe den Titel eines Generaldirektors für alle Museen anbietet. Hüllenkremer spricht erst kommende Woche mit dem Berliner, der sich von den frühen Gerüchten verschreckt zeigt: „Herr Stölzl hätte als Generaldirektor derzeit absolut keinen Spielraum. Wenn er zusätzliche Mittel durchboxt, wäre ich die Glücklichste.“

Die Gegner des Abrisses machen aus ihrem Engagement weiterhin ein Happening – und formierten sich zum Verein „Das Loch e.V.“. Laut Satzung gilt es, „das Loch zu feiern“ und „den öffentlichen Diskurs“ zu fördern. Am Rande des Lochs arbeiten Kasper König, Rosemarie Trockel, Marcel Odenbach und ihre Mitstreiter an einem Konzept, das vor allem dem Erhalt der Kunsthalle gilt (die ohne Etat und Festangestellte arbeitete und nicht einmal heimatlose Mitarbeiter hinterlässt) und sich gegen die zeitgenössischen hermetischen „Konsumarchitekturen“ richtet. Das Areal, so die Idee, soll dichter und kleinteiliger bebaut werden, Renditen könnten die Kultur mitfinanzieren. Der federführende Architekt Bernd Kniess, der die Zusammenarbeit mit den Architekten-Stars Herzog und De Meuron anstrebt, will das Konzept kommende Woche vorlegen.

„Ich wäre für eine baldige abschließende Erklärung des Rates zu diesem Bauvorhaben dankbar. Sie wissen, dass andere Städte ebenfalls Museumsbauten planen und auf Mittel hoffen“, teilte Vesper in einem Brief an Schramma mit. Es geht um 21 Millionen Euro Zuschuss, die Nordrhein-Westfalen bereit hält – ein Land, in dem die Kölner Museen mehr als 80 Prozent der Museumsetats erhalten. Bis dahin können die Archäologen auf dem Gelände graben: Luftaufnahmen lassen römische Thermen erahnen. Das Loch, sagt Sebastian Orlac vom Bundesdenkmalschutz, hat uns den Durchblick ermöglicht.

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