Kultur : Der Tag ist mein großer Roman

Zur Koeppen-Ausstellung im Münchner Gasteig

Katrin Hillgruber

Ein Betrachter, sechs Schreibmaschinen, sechs Zeugen der Anklage. Eine alte maulwurffarbene „Triumph“ ist dabei, rechts beschließt ein Brother-Schreibautomat der ersten Generation die Phalanx. Aus ihm ragt ein gelbliches Blatt mit wenigen Zeilen: „Kann ich nicht auf dieser schreiben? Bin ich zu dumm dafür?“ Kann man die chronische Schreibhemmung Wolfgang Koeppens plastischer darstellen?

Es ist das besondere Verdienst der ersten großen Ausstellung über den „schweigenden“ Schriftsteller, dass sie durch unkonventionelle und sinnfällige Arrangements einen freien Zugang zu Koeppens widersprüchlicher Gedankenwelt gewährt. 6000 Menschen passieren täglich die mehrstöckige Glashalle des Münchner Kulturzentrums Gasteig. Derzeit führt die Rolltreppe geradewegs in die Hölle: Die Ausstellungsmacher Julia Rogge und Rainer Ilg haben drumherum einen riesigen Rahmen mit Motiven der „Carceri d’Invenzione“-Radierungen von Giovanni Battista Piranesi gestaltet. Dessen Kerker voll optischer Täuschungen faszinierten Koeppen als Vexierspiel und Sinnbild seines eigenen Labyrinths unzähliger Romananfänge, die in stiller Schönheit verstarben.

Oben ein Guckkasten-Arrangement: Pakete mit Belegexemplaren, Mützen, Radios und Fotoapparate sowie bedrohlich amorphe Zeitungsberge bedecken Sofa, Schreibtisch und vor allem den Boden von Koeppens nachgestelltem Arbeitszimmer. Eine Scheibe trennt den Betrachter von des Autors privater Arbeitshölle. Davor lädt ein beweglicher Spiegel zum Blick in den Himmel ein. An seinen Wänden prangen zahlreiche Ehrungen – etwa der Georg-Büchner-Preis, den Koeppen lange nach seinem letzten „richtigen“ Buch „Jugend“ von 1976 erhielt. Über die wegen Plagiatsvorwürfen umstrittene Veröffentlichung „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ (1992) kann man sich dank umfangreicher Materialien ein Urteil bilden. Auch darüber, welche Rolle der übermächtige Erwartungsdruck auf Koeppen spielte.

Die Kuratoren Hiltrud und Günter Häntzschel konnten erstmals auf Koeppens vollständigen Nachlass zurückgreifen, den die Universität seiner Geburtsstadt Greifswald beherbergt. Dort kam Wolfgang Arthur Reinhold Köppen (später ersetzte er den Umlaut durch -oe) am 23. Juni 1906 als unehelicher Sohn einer Näherin zur Welt. Zwei Jahre später übersiedelten Mutter und Sohn ins ostpreußische Ortelsburg. Sein Vater, Dozent der Augenheilkunde und Ballonflieger, erkannte die Vaterschaft nie an.

Am 15. März 1996 starb er in seiner Wahlheimat München, wo er fast ein halbes Jahrhundert gelebt hatte. Wie viele „Preußen“ empfand er das Leben im deutschen Süden nach 1945 als eher unbelastet. Sein Berlin, in dem er vor dem Zweiten Weltkrieg als Journalist und Drehbuchautor Fuß gefasst hatte, sei 1933 endgültig untergegangen, sagte er. Doch zum Widerstandskämpfer taugte dieser Schriftsteller nicht. Auch zu seiner Kunst der Selbststilisierung bietet die Ausstellung viel Aufschlussreiches.

„Mein Tag ist mein großer Roman“: So lautete eine der schönsten Entschuldigungen des großen Schweigers Koeppen für ein weiteres leeres Blatt Papier. Die Münchner Ausstellung, Hauptereignis des Koeppen-Jubiläumsjahrs, das sein 100. Geburtstag am 23. Juni krönt, ist eine adäquate Einladung in den Roman seines Lebens.

„Ich wurde eine Romanfigur. Wolfgang Koeppen 1906-1996“. Gasteig München, bis 25. Juni, täglich von 8-23 Uhr. Begleitband im Suhrkamp Verlag, 25 €.

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