Kultur : Der Tag von Mogadischu

PETER BECKER

Heute vor zwanzig Jahren erlebte die Bundesrepublik Deutschland eine ZäsurVON PETER VON BECKER18.Oktober 1977.In den Morgenstunden jenes Tages vor zwanzig Jahren gab es Nachrichten von solcher Dramatik, wie sie zumindest die Generation der nach 1945 Geborenen in Deutschland noch nie gehört hatte.Der 17.Juni 1953, der Mauerbau, die Kuba-Krise oder die Ermordung John F.Kennedys - das alles war schon Vorvergangenheit, war fast nur noch Kindheitserinnerung für die, die heute durch Lebensalter und Berufserfahrung das Gesicht der Bundesrepublik immer mehr prägen. Erleichterung und Erschrecken, Erstaunen und Verwunderung, also sehr gemischte, wenn nicht auch gegensätzliche Gefühle bestimmten die ersten Reaktionen: als die meisten von uns am Morgen des 18.Oktober im Radio (es gab noch kein Frühstücksfernsehen) hörten, daß kurz nach Mitternacht eine Bundesgrenzschutztruppe namens GSG 9 im somalischen Mogadischu die "Landshut", eine vor fünf Tagen von Mallorca in Irrflügen über das südliche und östliche Mittelmeer bis in die Arabischen Emirate und noch weiter entführte Lufthansa-Maschine, gestürmt und alle 86 Geiseln lebend befreit hatte; daß daraufhin noch in derselben Nacht, am selben Morgen drei der vermeintlich am schärfsten bewachten Häftlinge der Bundesrepublik im Hochsicherheitsgefängnis von Stuttgart-Stammheim durch Schüsse in den Nacken (Andreas Baader), in die Schläfe (Jan-Carl Raspe) und durch Erhängen (Gudrun Ensslin) gestorben waren und eine weitere RAF-Gefangene, Irmgard Möller, mit mehreren Stichen in der Brust knapp überlebt hatte. Bald erfuhr man durch die befreiten Geiseln der "Landshut", daß die arabischen, palästinensischen Terroristen, die eben jene Stammheim-Häftlinge freipressen wollten, das Flugzeug mit ihrem fünftägigen Horrorregime in eine Art ambulantes KZ verwandelt hatten.Manches war davon schon während der Entführung durchgedrungen, und spätestens nach der Ermordung des Flugkapitäns Jürgen Schumann, dessen Leiche der Anführer des Kommandos wie einen Müllsack aus der Maschine in den Wüstensand von Aden geworfen hatte, war klar: Der erpreßte Staat unter der Führung von Bundeskanzler Helmut Schmidt würde den Forderungen der Terroristen nach einem Gefangenenaustausch nicht (mehr) nachgeben können.Darum gab es damals auch kein Mitleid mit den bei der Erstürmung des Flugzeugs erschossenen Entführern. Natürlich empörte sich ein versprengter Rest von politischen Fanatikern.Doch wirkliches Mitleid gab es auch mit Ensslin, Baader, Raspe wohl nur bei den engsten Angehörigen.Das war ganz anders noch beim Selbstmord von Ulrike Meinhof, einer großen politischen Publizistin, einer Idealistin, verzweifelt und in die Irre getrieben durch eigenes Mißgeschick und revolutionäre Utopien. Mittlerweile aber hatte sich die blutige Spur von Morden, Entführungen, Sprengstoffattentaten der sogenannten Roten Armee Fraktion (RAF) viel zu tief eingegraben ins öffentliche Bewußtsein, um mit politischer Vernunft und moralischer Verantwortung noch Verständnis für einen Mann wie Andreas Baader zu haben. Trotzdem gab es ein doppeltes Erschrecken.Denn einmal ahnte man, daß die Toten von Stammheim auch ein Todesurteil für den seit sechs Wochen verschleppten Hanns Martin Schleyer bedeuten würden.Schwer auszudenken, daß dieselben Täter, die am 5.September 1977 bereits vier Begleitpersonen des Arbeitgeberpräsidenten in Köln erschossen hatten, nunmehr Skrupel bekämen.Zumal ihre noch überlebende Beute angesichts eines über Nacht wiedererstarkten, nicht mehr erpreßbar wirkenden Staat als Faustpfand drastisch an Wert verloren hatte. Erschrecken aber auch, weil man sich die plötzlichen Todesfälle in der berühmt-berüchtigten Haftanstalt tatsächlich schwer als verabredete Selbstmorde vorstellen konnte.Weder wußte man am 18.Oktober 1977 etwas über den schier unglaublichen Waffenschmuggel und das ebenso phantastisch anmutende interne Kommunikationssystem im Stammheimer Hochsicherheitstrakt, noch hatte es bereits etwas wie die in den 80er, 90er Jahren schauerlich häufig gewordenen kollektiven Sekten-Selbstmorde gegeben.Hier war nun ein Nervpunkt der Staatsraison berührt: Die Abschaffung der Todesstrafe im Grundgesetz 1949, das Menschenwürde-Postulat und das Rechtstaatsprinzip waren (und sind) für die Bundesrepublik fundamental.Von der Staatsspitze befohlene Tötungen, heimliche Hinrichtungen im Geltungsbereich des Grundgesetzes - der bloße Gedanke erschien für das Selbstverständnis einer deutschen Demokratie nach 1945 gespenstisch.Und er wurde, das haben wir damals alle gespürt, so schnell wie möglich verdrängt. Stattdessen staunte die Öffentlichkeit über eine bisher völlig unbekannte Eliteeinheit des Bundesgrenzschutzes; selbst Pazifisten und Wehrdienstverweigerer waren beeindruckt mit einem zwiespältigen und dennoch nicht völlig zu verhehlenden Anflug von patriotischem Stolz, was eine kleine deutsche Truppe unter dem Beifall der gesamten westlichen Welt (und Israels) bei ihrem kurzen Befreiungskampf im fernen Somalia geleistet hatte.Wie zivil, mit wieviel aufgeklärter Vernunft vor allem Helmut Schmidt, der sich nie als deutscher Held feiern ließ, nach der Krise dann mit der Euphorie umging, war ein Zeichen auch gewachsener demokratischer Kultur. Am 19.Oktober, gegen 16 Uhr 30, als eine Frauenstimme beim Stuttgarter Büro der dpa den Tod Hanns Martin Schleyers meldete, war mit dem tragödischen Finale dann eine letzte Hoffnung verflogen.Es war aber auch der dramatische Spuk von "Deutschland im Herbst" zu Ende.Alle drei Ereignisse, die Schleyer-Entführung, Mogadischu, Stammheim, waren - mit ihren Schrecken - zugleich eine blutige Befreiung.Die Hysterie, geprägt von Terroristenfurcht und Terrorismuswahn, von Verfolgungsphobien und Staatsschutzobsessionen, ein Klima, in dem 1974 zum Beispiel die wirkungsvolle, wenngleich kolportagehafte "Verlorene Ehre der Katharina Blum" von Heinrich Böll entstanden war, diese Hysterie verflog allmählich.Schon im Sommer 1978 rangierte die Bundesrepublik in demoskopischen Umfragen nach dem Vertrauen der Bürger in ihre Demokratie in Europa mit an erster Stelle.Zugleich allerdings begann, auch in der Kultur, ein allgemeiner Rückzug in die Privatsphäre.Die spätere filmische Anthologie "Deutschland im Herbst" dominierte bereits eine (grandiose, schauerliche) autobiographisch intime Szene von Rainer Werner Fassbinder.Und keine der politisch gemeinten Sequenzen.Solch ein Reflex war damals verständlich.Heute, zwei Jahrzehnte später, wartet man eher wieder auf eine Gegenreaktion.Auf die Rückkehr von Künstlern und Intellektuellen in die politische, in die zeitgeschichtliche Debatte.

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