Kultur : Der Tagesspiegel

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Wenn die Kunst keine Antworten mehr weiß, geht sie zu den Schwächsten. Zu denen, die am Rande der Gesellschaft leben und die das Schicksal zu kompromisslosem Bekennen gezwungen hat. Die Transsexuellen sind es, die das kollektive Gefühl von Entfremdung und Unsicherheit gegenüber der eigenen Identität mit Hilfe ihrer eigenen Lebensgeschichten formulieren sollen: Solche wie die Chinesin Jin Xing, deren steiniger Weg vom Rote-Armee-Soldat zur Tänzerin schon im Vorfeld des Festivals In Transit ein immenses Medienecho ausgelöst hatte. Ihr mit der Berliner Tanzkompagnie Rubato erarbeitetes Stück Person to Person trägt im Haus der Kulturen der Welt schwer an der Last der Verantwortung. Es geht, in knapp einer Stunde, ums Ganze: Darum, wie Männer sind, wie Frauen sind, und wie beide durch das Überwinden der Rollenklischees ganz anders und besser werden könnten. Dramaturgisch konsequent rollen Xing und ihr Partner Dieter Baumann das Programm zum Finale im gleichmacherischen Adidas-Outfit ab. Und doch bleibt diese Paargeschichte seltsam entfernt, scheinen sich all diese Transformationen ohne innere Bewegung zu vollziehen. Denn für all diese existenziellen inneren Kämpfe finden Xing und Rubato nur eine enttäuschend konventionelle Sprache: Die Rhythmen von Abstoßung und Anziehung ähneln fatal den Bewegungsschablonen des Eiskunst-Paarlaufes, die apathische Trance-Musik von Lutz Glandien schiebt eine Milchglasscheibe zwischen Tänzer und Publikum. Wenn er seine Weiblichkeit demonstrieren will, zieht sich Baumann einfach ein Paar rote Pumps über - die Chance, aus dem Niederreißen der Geschlechtergrenzen eine Befreiung des Körpers zu machen, verspielt er ebenso wie seine Partnerin (noch bis zum 15. Juni). (jök) Foto: Drama

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