Kultur : Der Tagesspiegel

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Von Ralph Geisenhanslüke

Der Händedruck ist fest. „How are you doing“, sagt er so schnell, dass es klingt wie ein Wort. „Howyadoin“. Er spricht es fast schon in Richtung Tischplatte. Denn er ist im Begriff, sich zu setzen. Er nippt an seiner Diet-Coke und behält über den Glasrand hinweg die Situation im Blick. Der ganze Mann ist gespannte Aufmerksamkeit. Drahtige 1,65 Meter groß, schütteres kurzes Haar, graue Flanellhosen, blau-weiß gestreiftes Business-Hemd, keine Krawatte. So sieht er aus: einer der mächtigsten Filmproduzenten der Welt.

Jeffrey Katzenberg wäre heute nicht so berühmt, hätte es nicht diesen Knall bei Disney gegeben. Nach zehn Jahren, in denen er das Unternehmen vom lauen Kinderfilmproduzenten wieder zur Nummer Zwei auf dem Filmmarkt machte, wurde Katzenberg in der Beförderungsfolge übergangen. Amerikaner lassen sich so etwas nicht gefallen. Katzenberg kündigte nicht nur. Er klagte auf Abfindung. „Katz vs. Mouse“ witzelte die Branche. Nach langen Prozessjahren war Disney um einige Hundert Millionen Dollar ärmer und die 19-jährige Freundschaft zu Disney-Boss Michael Essner zerstört. Der Knall führte dazu, dass Katzenberg sich mit Steven Spielberg und David Geffen zusammentat. Ihre Firma Dreamworks war die erste Studio-Neugründung Hollywoods seit über 50 Jahren und kommt nun, nachdem sie laut Brancheninformationen gut eine Milliarde Dollar an Verbindlichkeiten angesammelt hat, allmählich in die Gewinnzone. Wer wie Katzenberg als Sohn eines Börsianers an der New Yorker Park Avenue aufgewachsen ist und mit 24 im Vorstand von Paramount saß, hat zu Zahlen ein besonders Verhältnis. Auch die anderen beiden dürften vor großen Summen nicht allzu viel Respekt haben.

Überhaupt Respekt: „Shrek“, der erste voll-digitale Film, der einen Oscar erhielt, bot mit der Figur des Lord Farquaard eine bitter-komische Karikatur von Michael Essner als Herrscher über einen langweiligen Vergnügungspark. In einem Konferenzsaal bei Disney hängt heute angeblich ein leerer Rahmen mit der Aufschrift „Katzenberg“. Wer an seinem Arbeitsplatz gemobbt wird, sollte zum Trost die Geschichte des Jeffrey Katzenberg lesen. „Es war kein eleganter Abschied. Aber ich bin schnell darüber hinweg gekommen“, sagt er. Trotzdem: Er stampft dabei leicht mit dem Fuß auf und beißt auf die Eiswürfel seiner Diet-Coke. Ein wenig scheint das noch immer in ihm zu arbeiten. Und man kann sich vorstellen, zu welch immenser Wut er fähig ist. Aber er empfindet es „als Segen“, wie alles gekommen ist. Bei Disney habe er als Leiter der Filmabteilung nur noch abstrakte und strategische Entscheidungen gefällt. 11 000 Untergebene, fünf Milliarden Dollar Jahresumsatz – das hat mit Filmemachen nicht mehr viel zu tun. Heute, wo er unabhängiger Filmproduzent ist und „im Vergleich zu früher auf einem Maulwurfshügel sitzt“, fühle er sich erheblich wohler. Dreamworks gilt als Liga der Kreativen, die den Krämerseelen von Hollywood den Kampf angesagt haben. Und auf jeden Fall untergräbt der Maulwurf die fetten Wiesen des Branchenriesen Disney. Das fing mit dem Ameisenrennen an: Beide Studio planten computeranimierte Ameisenfilme. Dreamworks gelang es nicht nur, „Antz“ einen Monat vor Disneys „Das Große Krabbeln“ zu starten, sondern auch den besseren Film zu machen. Während Disney sich nach Onkel Walts alter These immer an „das Kind in uns allen“ wendet, ist es Katzenbergs erklärtes Ziel, „den Erwachsenen in jedem Kind anzusprechen“.

Kinder sollte man nie unterschätzen. „Sie sind heute einer Menge Informationen ausgesetzt und können sehr gut differenzieren. Hunderte von Fernsehkanälen, Telefon, Internet, Werbung – eine gewaltige Bilderflut. Kinder sind heute viel aufmerksamer. Deshalb können wir anspruchsvollere Filme für sie machen“, sagt Katzenberg. Zurzeit hat Katzenberg sich wieder in das traditionelle Zeichentrick-Genre begeben. Der Film, von dem er am liebsten spricht, handelt von einem Pferd. „Spirit“ – Der wilde Mustang“, galoppiert durch weite Western-Landschaften, gerät in Gefangenschaft und muss sich seine Freiheit neu erkämpfen. Welche Vision will er vermitteln? „Das man Freiheit erst schätzen lernt, wenn man sie verliert. Man darf sie nie als gegeben nehmen.“ Es ist der bislang Disney-hafteste Film aus dem Hause Dreamworks. Wohl ein Schritt, um den Konkurrenten direkt anzugreifen.

Viele der Bilder in „Spirit“ wurden nicht von Hand, sondern mit der Maus gezeichnet. Nicht der Mickey-, sondern der Computer-Maus. Die ländlichen Idyllen entstanden auf einer Farm: einer Render-Farm. So nennt man die großen Systeme parallel geschalteter Computer, die all die Bilder zusammenrechnen. Technik und Fantasie sind für Katzenberg zwei Dinge, die zusammengehören. „Technik ist unser Freund.“ An die Helden seiner eigenen Kindheit kann er sich kaum erinnern. „Laurence von Arabien“, „Butch Cassidy und Sundance Kid“ nennt er nach einigem Überlegen. Aber vielleicht fiel seine Kindheit auch etwas kürzer aus. Schon als 14-Jähriger verdingte er sich als Wahlhelfer für John V. Lindsay im Rennen um New-Yorks Bürgermeister-Amt.

Träumt man nach einem Vierteljahrhundert im Trickfilmgeschäft nicht schon in Trickbildern? „Nein, in Realbildern“ sagt er. Wenn Jeffrey Katzenberg lacht und seine makellosen Zähne zeigt, lachen seine klaren grünen Augen nicht unbedingt mit, sondern taxieren sein Gegenüber. Seine eigenen Kinder hat Katzenberg nie nach ihrer Meinung gefragt. Auch nicht seine Frau. „Es gibt eine eiserne Wand zwischen meiner Arbeit und meiner Familie. Und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, meine Kinder als Versuchskaninchen zu benutzen.“ Er selbst hat schon Schwierigkeiten, Freunde zu kritisieren. „Das kann man erst recht seiner eigenen Familie nicht antun.“ So konnten die Zwillinge Laura und David 19 Jahre alt werden, ohne jemals einen Screening-Room von innen zu sehen. Jeffrey Katzenberg geht jeden Tag bei Sonnenaufgang ins Studio. Er ist „Teil des Teams“. Will sagen: Er redet überall mit, kümmert sich um jedes Detail. Zwar fühlt er sich gelegentlich als würde er „16 Teller jonglieren“. Aber das ist vermutlich genau der Betriebsdruck, den er braucht.

Nein, sagt er. Das Wort Druck kennt er nicht. Bei ihm – auf diese Feststellung legt er Wert – heißt das: Ehrgeiz.

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