Kultur : Der Tagesspiegel

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Von Adam Olschewski

Geschichte kommt man am besten mit Hilfe von Personen näher: über Lebensläufe, die den unseren ähneln. Jedenfalls sind uns die Verfehlungen und Freuden eines Lebens als Muster für Abgrenzung und Annäherung willkommen. Letztlich suchen wir im Fremden nach uns – und dem Unsinn unseres Seins. Ian Buruma macht aus diesem Wissen eine Methode. Er geht dem Wesen der Englishness auf den Grund, indem er sich Personen der Zeitgeschichte herausgreift und ihr Verhältnis zu England entfaltet.

Es ist ein simples Verfahren, das tadellos funktioniert, weil das Thema an einen Autor gerät, der sowohl die Außen- wie die Innensicht beherrscht. Das liegt an seiner Biografie. Er ist in Den Haag geboren und mit englischen wie jüdisch-deutschen Wurzeln ausgestattet. Viel Mut beweist er (und eine Portion Anmaßung), indem er von sich selbst redet, von seinen Freunden und Verwandten, seiner Jugend, gleichzeitig aber Portraits von Voltaire, Goethe, Marx, Herzen, Mazzini entwirft. Er zitiert sich selbst und dann, fast in einem Atemzug, Fontane oder Tocqueville. Den Blick von außen wagt er mit von England oft zugleich hingerissenen wie enttäuschten Figuren; so wird er auch dem Untertitel seines Werkes gerecht: „Europas englischer Traum“.

Die Aristokratie verbreitet Glamour

Buruma erklärt nicht nur, wie anziehend dieser Traum war und ist. Man träumt ihn sogar gerne mit. Lange galt England als Hort der Freiheit – und zwar des Wortes, des Handels, der Gerichte. Geächtete aus dem Ausland erhielten hier Asyl. Man war scheinbar bodenständig, vernünftig, auf alle Fälle gefasster. Doch hatte dies auch Kehrseiten. Man war auf der Insel Gefangener der Modetrends, einer vom Vorurteil geprägten Gesellschaft, einer rüden Öffentlichkeit. Dazu versprach ein harter merkantiler Wettkampf jedem Wettkampfteilnehmer, der genug Mittel anhäufte, die Zugehörigkeit zur Oberschicht.

Da viele Anwärter auf Privilegien stillhielten und nach oben strebten, konnte bald das Bild des würdigen, unantastbaren, der Moral verpflichteten Aristokraten entstehen, das flüchtig betrachtet einen gewissen Glamour verbreitete. Bei genauem Hinsehen fiel es allerdings schäbiger aus. Über einen Semianglomanen wie Semifrankophilen wie Fürst Pückler-Muskau zum Beispiel, sagt Buruma: „Er fand die Gesellschaft der englischen Oberschicht öde, steif, herzlos, überheblich, engstirnig, kalt egoistisch und ungraziös. Er war erstaunt, einen angesehenen Admiral in voller Montur nach dem Essen zehn Minuten lang geräuschvoll auf den Boden spucken zu sehen. Ein weiterer hochrangiger Gentleman teilte ihm mit, ein guter Fuchsjäger dürfe auf der Pirsch vor nichts haltmachen. Auch wenn sein eigener Vater in eine Grube falle, würde er sein Pferd darüber springen lassen und sich nicht weiter um ihn kümmern, bis die Jagd beendet sei.“ Und weiter: „Dem englischen Adel eignete nichts von der Poesie, der Leichtigkeit und der Ritterlichkeit der französischen Aristokratie. In Pücklers Augen besaß er lediglich eine kalte, steinerne Eigenliebe, die Nachwirkung des rohen Feudalismus.“

Buruma ist ein Theoretiker – und ein wunderbarer Erzähler. Er verfügt über ein untrügliches Gespür für Balance; ab und zu geht er analytisch vor, um einen Gedankengang in wenigen Sätzen zu fixieren, hört dabei aber nicht auf, den Leser zu unterhalten. Sein Buch ist voll von subtil beschriebenen kulturgeschichtlichen Momenten, die den kontinentaleuropäischen Traum von England illustrieren. Am Ende zweifelt Buruma, ob es England überhaupt gibt. Seine Skepsis gipfelt in dem Satz: „Damit Europa anglophiler werden kann, muss der anglophile Mythos verschwinden.“ Alles in allem ist es wohl ein Heilungsprozess, dem wir hier zusehen. Ian Buruma heilt sich selbst von seiner bedingungslosen Anglophilie – und nebenbei den Leser. Ideale werden immer wieder scharf gegen Realitäten gesetzt: Ja, es gibt den Gentleman, aber...Ja, es gibt die Eliteuniversitäten mit den hehren Zielen, die feschen Rugbytrikots, die Clubkrawatten, den Tweed, die Vernunft und die Toleranz, aber... Nach der Lektüre werden wir, geheilt von den schlimmsten Zuständen der Anglomania, entlassen. In eine Welt fern von England. Leider? Gottlob? Beides.

Ian Buruma: Anglomania. Europas englischer Traum. Aus dem Englischen von Hans Günter Holl. Hanser, München 2002. 398 Seiten, 24,90 €.

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