Kultur : Der Tagesspiegel

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CITY LIGHTS

Geht die Befreiung der weiblichen Körper notgedrungen mit ihrem Ausverkauf einher? Fundamentalisten verschiedener Couleur möchten das gerne unterstellen: Kaum ist der Schleier runter, schon werden Scheckbuch und Kamera gezückt. Auf die Zukunft können wir nur spekulieren. Doch auch die kulturelle Entwicklung der letzten Jahrzehnte suggeriert ähnliches. Es ist ein französischer Film vom Ende der zwanziger Jahre, der erstmals im Kino den Zusammenhang zwischen Frauenemanzipation und Schönheitsgeschäft offen thematisiert. Die Endzwanziger, das war auch in Paris die Zeit der „Neuen Frauen“, die sich mit damals revolutionärem Kurzhaarschnitt, Zigarettenspitze und Hosenanzug Arbeits- und Konsumwelten eroberten. Deren filmische Protagonistin war Louise Brooks. Prix de beauté (Regie: Augusto Genina, 1929) lässt sie in dieser Rollle ganz zu sich selbst kommen: Nicht Vamp oder verführerische Kindfrau, sondern eine moderne Frau, die in die Zange zwischen Welteroberung und Ausverkauf gerät. Zugleich ist "Prix de beauté" auch einer der frühen Filme, die neben auktorialer künstlerischer Intention auch vergangenen Alltag fast dokumentarisch durchscheinen lassen (am Sonntag im Babylon).

Die wenigen Filme, die aus diesen frühen Kinozeiten noch in den Archiven lagern, werden nach und nach wiederhergestellt und kopiert, auch um sie dem Kinopublikum wieder öfter zugänglich zu machen. Die Möglichkeiten der digitalen Filmberarbeitung werden auch hier die Rekonstruktionsarbeiten deutlich erleichtern. Doch ohne Qualitätsverlust? Was für Auswirkungen wird die Ausbreitung digitaler Vorführtechnik auf den Umgang mit historischen Filmen haben? Und wie wird Kino überhaupt in Zukunft aussehen? Solche und ähnliche Fragen werden auf dem Kolloquium des Filmmuseums Berlin zur Zukunft des Kinos gestellt. Im Filmprogramm dazu ist ein Werk zu sehen, das schon zwei Jahre vor Andreas Dresens „Halbe Treppe“ die Beweglichkeit der kleinen Digitalkamera zu neuer Spielfilmform nutzte: Birthday (Stefan Jäger, 2001) ist ohne Drehbuch und feste Dialoge in freier szenischer Improvisation enstanden und bekam dafür den Drehbuchpreis in Saarbrücken (Freitag und Samstag im Arsenal, „Birthday“ am Samstagnachmittag).

Manchem mag es gleichgültig sein, ob man ihm einen Film auf Zelluloid oder Magnetband serviert. Auch Veranstalter sind da nicht immer pingelig. So ist bislang unklar, in welcher Fassung Yasujiro Ozus wunderbarer Film Banshun vom Zentrum für Sprache und Kultur Japans vorgeführt wird. "Banshun" („Später Frühling“, Japan 1949) ist der erste eine Reihe von Filmen Ozus, in denen er den Zerfall der Familienbande im Japan der Nachkriegszeit melancholisch ins Bild rückt. In puncto Projektion lässt sich nur auf das ästhetische Empfinden der Veranstalter hoffen. Denn die klaren Ozu-Farben auf einem Video-Großbildschirm, das wäre denn doch zu bizarr. So wie Fußball auf einem Handy-Display (Donnerstag, Humboldt-Uni, Raum 301). Silvia Hallensleben

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