Kultur : Der Tagesspiegel

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Von Alexander Klose

Lower Eastside, New York. Wir schreiben das Jahr 1997. In einer Bar, die den ironisch-konspirativen n KGB trägt, findet anlässlich des Erscheinens seines neuen Romans ein „Pynchon Lookalike Contest“ statt. Die teilnehmenden Personen sind auffällig unauffällig verkleidet: Trenchcoat, abgewetzte Aktenmappe, Sonnenbrille. Wie ein Schriftsteller eben, der gleichzeitig so etwas wie ein Geheimagent ist. Der Haken an der Sache: Niemand hat eine Ahnung, wie das Original aussieht. Der wirkliche Thomas Pynchon tauchte 1961 unter, direkt nach Erscheinen seines ersten Romans „V“, und ward seitdem nicht mehr öffentlich gesehen. Kein zur zweifelsfreien Identifikation taugliches Foto von ihm nach 1961 existiert.

Halluzinationen eines Abbilds

Die geschilderte Szene stammt aus dem Dokumentarfilm „Journey into the Mind of “. Sie hat sich wirklich so zugetragen. In gewisser Weise steht sie nicht nur für die Lage aller Pynchon-Forscher und -Verehrer, sondern auch für die erkenntnistheoretische Position der Literatur- und Kulturwissenschaften allgemein, zumindest derjenigen ihrer Stränge, die sich die Fundamente von den Wahrheiten dekonstruktivistischer Theorien haben anfressen lassen: Alle Beteiligten halluzinieren ein Abbild nach Maßgabe eines Vorbilds, das sich nicht zeigt, ständig in anderer Gestalt auftritt, vielleicht gar nicht existiert .

Der zweieinhalbtägige Kongress, zu dessen Eröffnung in einem Kino in Köln am Freitag letzter Woche der Film gezeigt wurde, hatte dieses Problem gleich in potenzierter Weise: Die von Hanjo Berressem, Professor für amerikanische Literatur und Kultur der Universität Köln, und dem amerikanischen Professor John Krafft, Herausgeber der Fachzeitschrift „Pynchon Notes“, organisierte internationale Tagung widmete sich dem Werk Thomas Pynchons und dessen komplexem Verhältnis zu Deutschland.

Eine weltweit vernetzte Fangemeinde der Pynchonianer prozessiert und produziert lustvoll Wissensarten, deren Wesen unvereinbar scheint: Gerüchte, betont wissenschaftliche, aber auch betont unwissenschaftliche Theorien, verstiegene Interpretationsgebäude und Berge akribisch angesammelten Datenmaterials über die geheimen Bezüge der Texte zu den geheimen Verschwörungen dieser Welt.

So konnte es vorkommen, dass der Versuch einer Verbindung der katastrophischen Situationen in Pynchons Darstellungen von Deutschland und England 1944/45 mit den Terroranschlägen vom 9. September in New York mittels einer quasi quantenmechanischen prophetischen Kraft, die den Pynchonschen Texten innewohne, durch einen Beitrag aus dem Publikum gekrönt wurde. Er wies auf eine Verbindung zwischen 911 und einer zentralen Passage in „Gravity´s Rainbow“ (Die Enden der Parabel) hin, seinem dritten und allgemein für am wichtigsten erachteten Roman, der sich mit der Geschichte des deutschen V2-Raketenprogramms auseinandersetzt. Die Übereinstimmung, hieß es, bestehe in der Verwendung des Ausrufs „Holy Shit!".

Ausführungen über Versuche mit so genannten precognition machines bei Boeing Anfang der 60er Jahre, welche sich in der zentralen Bedeutung einer Theorie der Präkognition von Ereignissen – das heißt zugleich Vorhersage und -bestimmung – durch die Erwartungshaltung der von ihnen Betroffenen in Pynchons zur gleichen Zeit geschriebenem Buch „Gravity´s Rainbow“ spiegeln, führten wiederum ins Herz dessen, was der Medientheoretiker Friedrich Kittler als Elektromystik bezeichnet: die „schweigende Vereinigung von Ingenieuren und Technik", der Materialismus der Schaltpläne, der eine Zerlegung und Darstellung der Funktionsweisen und Wirkungen des militärisch-industriellen Komplexes bewirkt. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben deutsche Techniker die Schaltpläne der Raketenkonstruktion und -steuerung des V2-Raketenprogramms für die amerikanischen Militärs ins Englische übersetzt. Pynchons Leistung in „Gravity´s Rainbow“ ist es, diese Schaltpläne rückübersetzt zu haben. Damit machte er die sorgsam verborgene Herkunft des amerikanischen Raketenprogramms – 1969 war der erste Mensch auf dem Mond gelandet, 1973 erschien die erste Auflage des Romans – aus der Vernichtungsindustrie des NS-Regimes deutlich.

Immer wieder führen die Spuren in Pynchons Büchern nach Deutschland. Dieses Land und seine Geschichte bilden bei Pynchon oftmals sozusagen die Folie einer Darstellung der durch mächtige Technologien geprägten Gegenwart und Zukunft der amerikanischen Kultur, die sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg anschickte, zur führenden in der Welt zu werden. Umgekehrt spielen die Werke Pynchons, deren Vielsprachigkeit vor allem an das Schreiben von James Joyce erinnern, auch für zeitgenössische deutsche Autoren eine wichtige Rolle, wie Bücher von Nika Bertram, Tobias O. Meißner und Georg Klein belegen. Letzterer hat in einem Artikel vor zwei Jahren dafür plädiert, Pynchon den nächsten Nobelpreis für Literatur zu überreichen. Als Fluchtpunkt einer spezifisch deutschen Auseinandersetzung mit Pynchon könnte dessen Neuauflage der nietzscheanischen Frage nach „Nutzen und Nachteil der Historie“ dienen.

Literatur oder Historie

Die großen historischen Debatten haben immer wieder gezeigt, dass dem Gedanken einer Selbstvergewisserung durch Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte hierzulande eine zentrale Bedeutung eingeräumt wird. Doch die Flut der Identifikationsmöglichkeiten im Zeitalter von Information und Globalisierung stellt den Wert der einzelnen aufklärerischen Wahrheit permanent in Frage. Welchen Stellenwert kann eine geschichtliche Wahrheit heute haben? Lässt sich ein kategorischer Unterschied zwischen „literarischer" und „historisch verbürgter“ Wahrheit überhaupt noch begründen? In Pynchons Texten stehen die Ausbreitung unerhörten geschichtlichen Wissens und paranoischer Wahngebilde in enger Nachbarschaft. Ein durch alle Texte hindurch sich ziehender Diskurs über die konstitutive Rolle der Paranoia, das heißt der maßlosen Überschätzung der Bedeutung seiner selbst, bei dem Versuch der Protagonisten, in dem heillosen Durcheinander ihrer Biografien und der Welt, in der zu leben sie verdammt sind – unserer Welt – Sinn zu stiften, unterhöhlt beständig den Glauben an den Stellenwert der geschichtlichen Offenbarungen.

Der Literaturwissenschaftler Manfred Pütz vertritt darum die Auffassung, Pynchons in „historischen Momenten“ spielenden, „Historie"“ zugleich produzierenden und in Frage stellenden Romane seien vielmehr Texte über die Bedingung der Möglichkeit des historischen Romans als historische Romane selber. Der historische Roman ist tot. Es lebe der meta-historische Roman. Doch während seine Exegeten von Entropie reden, dehnt sich das Universum des Meisters durchaus einer inneren Ordnung folgend beständig weiter aus. Derzeit schreibt Pynchon, war zu erfahren, an einem Roman, der die Vorgeschichte des Computers behandelt: Eine russische Mathematikerin trifft um die Jahrhundertwende einen der Lehrer Alan Turings, den Mathematiker David Hilbert, in Göttingen. Wieder so ein Ding von weltweiter Bedeutung, das in Deutschland seinen Ausgang nimmt. Die Geschichte wird ein weiteres mal umgeschrieben werden müssen.

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