Kultur : Der Tagesspiegel

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Von Peter von Becker

Noch nie ist in Deutschland ein Roman bereits vor seiner Publikation derart zum öffentlichen Streitfall geworden: verdammt oder verteidigt, und das oft mit einem Pathos, als ginge es um Krieg und Frieden. Nach dem Schreckschuss durch FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, dessen Kanone nach Lektüre des neuen Walser-Manuskripts „Tod eines Kritikers“ gleich mit dem Vorwurf des Antisemitismus gedonnert hatte, ist es zu einer polemisch-pathetischen Überdrehtheit der Debatte gekommen, die den alten weisen Joachim Kaiser in der „Süddeutschen“ ausrufen ließ: „Ja, sind die denn alle verrückt?"

Wie verrückt auch immer: Der von Martin Walser und dem Frankfurter Suhrkamp Verlag jetzt noch einmal korrigierte und gestern morgen, ohne Fahnen oder Leseexemplare für die Kritiker, von der Druckerei eilausgelieferte Roman (219 S., 19,90 Euro) ist so auch zum Drama geworden. Und - Tragödie! Komödie! - ein Satyrspiel am Rande kommt hinzu. Denn am selben Tag hat die Frankfurter Verlagsanstalt, die dem im Streit vom Vater geschiedenen Sohn des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld gehört, noch Bodo Kirchhoffs „Schundroman“ ausgeliefert (316 S., 19,80 Euro). Auch hier geht es, wenngleich eher beiläufig und als Versehen eines Berufskillers, um den Tod eines berühmten Literaturkritikers, in dem das Publikum trotz allem fiktionalen Rankenwerk sofort den leibhaftigen und gottseidank lebendigen Marcel Reich-Ranicki erkennt. Allerdings bewegt sich Kirchhoffs „Schundroman“, der ja schon im Titel mit dem Trivialen spielt, als so ausgemachter Sex-and-Crime-Thriller auf gleichsam abgesichertem Terrain. Wer das mafiose Milieu der großen weiten Unterwelt (von Manila bis Mainhattan) mit den Taten und Akteuren der Frankfurter Buchmesse verbindet, greift zwar nicht ins Hochpoetische, hat sich aber allemal über die Niederungen des konkret-realen Literaturbetriebs erhoben. Kirchhoff schreibt eine Variante von Pulp-Fiction, das ist etwas Windigeres, auch etwas Welt- und Leichtläufigeres als das, wofür Walser steht: der gewichtige, weil seriöse deutsche Gegenwartsroman.

Der 75jährige Martin Walser ist nun durch den Offenen Brief der „Frankfurter Allgemeinen“ in Verdacht geraten, eine Mord-Phantasie über den 82jährigen Marcel Reich-Ranicki verfasst zu haben – und das in einem mit angeblich antisemitischen Klischees gespickten Roman.

Tatsache ist, dass Walsers Figur des Großkritikers André Ehrl-König Züge von Reich-Ranicki trägt. Nicht ausschließlich, aber eindeutig. Und der Roman-Schrifsteller Hans Lach, in dem sich der Autor Martin Walser selbst parodistisch versteckt (und einbringt), er soll diesen Ehrl-König, der Lachs neuestes Buch in seinem Fernsehsolo „Sprechstunde“ verrissen hat, aus Rache hernach in einer Münchner Schneenacht umgebracht haben.

Der Großkritiker ist verschwunden, Lach wird verhaftet, ein Freund Lachs ist der Erzähler, der sich am Ende als Fiktion in der Fiktion und als Lach selbst entpuppt – und auch der alte Ehrl-König wurde nicht ermordet. Er war nur eine Weile bei einer jungen Geliebten untergetaucht.

Was ist an dieser Geschichte dran, literarisch und womöglich ideologisch? Wer nur als quasi-pornographischer Leser irgendwelche „Stellen“ isoliert, kann damit viel suggerieren. Den Erweis aber bietet erst der Text im Ganzen, und die Literaturkritik, die keiner Gesinnungspolizei dient, sollte statt mit Unterstellungen nur mit dem Dargestellten arbeiten.

Zunächst: Martin Walser, der von allen durch Glück nicht Dabeigewesenen neben Peter Weiss den besten, den triftigsten Aufsatz eines deutschen Schriftstellers über Auschwitz geschrieben hat, er ist kein Antisemit. Ihn dessen zu verdächtigen, sei purer Unsinn – das hat zuletzt Marcel Reich-Ranicki ausgerufen, damals, im Zuge der Paulskirchenrede-Debatte. Also ist auch Walsers „Tod eines Kritikers“ allenfalls ein Roman, der in seinem Potpourri von Obsessionen, Einbildungen, Gerüchten auch Spuren von Ressentiments als Teil der Wirklichkeit zitiert und beschreibt. Sie aber nicht unbedingt bestätigt oder gar bekräftigt. Eher karikiert. Es gibt nur einen Punkt, wo das Spiel mit Gerüchten auch in die Nähe des Anrüchigen gerät; hierbei geht es ums Körperliche, Sexuelle, weniger um Literatur und Politik. Wir kommen darauf zurück.

Das Buch spielt zunächst in und mit nichts anderem als der kleinen, klatschsüchtigen, mit allen Champagnern und Kir Royals gewaschenen Welt einer am Bodensee erfundenen Münchner Beiß- und Bussi-Gesellschaft: in einer zwischen Bogenhausen, Harlaching und Grünwald logierenden, changierenden Literatur-Schickeria, die fast nichts von der angeblich parodierten „Suhrkamp-Kultur“ hat; die eher eine Mischung aus kabarettistisch übersteigerter Burda-Bunte-RTL-Welt darstellt. Ihr Gott und Schalk mit einer angeblich allmächtigen Fernsehshow ist jener Jaguar fahrende (und damit auch wieder ganz Reich-unähnliche) Mega-Kritiker Ehrl-König: halb Märchenkönig und zugleich Wagnerscher Beckmesser und Meistersinger, halb auch ein gealterter Baby Schimmerlos der Literatur, nach dessen Pfeife diese München-Szene tanzt und giert wie einst bei Dietl/Süskind/Kroetz nach den Kolumnen des Klatschreporters. Und der Hans im Unglück heißt hier: Lach! Also ein Lachhafter, ein Ritter von der traurigen Gestalt – angesichts eines (angeblich) Übermedienmächtigen.

Das ist das Terrain. Manchmal auch das Niveau. Und jeder Leser, selbst ein medienabstinent Uneingeweihter, merkt, zumal sich die Mordgeständnisse häufen, dass hier niemals eine reale (fiktive) Kritikertötung im Spiel ist; dass es um Täuschung, um eine Pose und Posse geht. „Umgebracht zu werden, paßt doch nicht zu André Ehrl-König“, sagt seine den „Mord“ gleichfalls eingestehende Frau. Und Walsers schöner Einfall ist hier: Die Betrogene, aber vom Betrüger doch immer geliebte Gattin weiß, dass ihr abgetauchter Seitenspringer spätestens dann unter die Lebenden zurückkehrt, wenn ausgerechnet sie als seine „Mörderin“ gilt.

Schirrmacher aber hat an den eben zitierten Satz die Behauptung geknüpft, Walser würde damit Reich-Ranicki, der dem Holocaust als einziger seiner Familie entkommen ist, verhöhnen und der „hier verbrämt wiederkehrenden These, der ewige Jude sei unverletzlich“ ein Forum geben.

Das ist absurd. Denn der Satz betont oder feiert im Kontext nichts weiter als die offenbar unverwüstliche Vitalität dieses Ehrl-Königs, ja: die von ihm selbst ersehnte, triumphale „Unsterblichkeit“ des großen Kritikers. Natürlich ist Walsers Oberthema Macht und Ohnmacht im Literaturbetrieb, die Verzweiflungswut eines Autors, in dessen Werk Jahre oder gar ein Leben stecken und das vom Kritiker schlimmstenfalls in ein paar Fernsehminuten oder Zeitungszeilen abgeurteilt wird. Einen Verriss erfährt ein Autor, auch der prominenteste, allemal als öffentliche Hinrichtung. Ein Künstler stirbt so schon zu Lebzeiten viele Tode – der Kritiker erlebt das selten. Das Traum-Wunschspiel, vom Kritiker einmal umgekehrt erlöst zu werden, ist deshalb ein alter Künstler-Topos. Noch kein Skandal. Am Ende des Buchs nimmt Walsers Autor Lach auf den Kanaren Spanisch-Unterricht, mit wachsender Begeisterung: „Was für eine Sprache, in der cuenta Rechnung und cuento Erzählung heißt.“

Dieser kluge, wunderbar beiläufige Satz enthält das Programm des ganzen Buchs. Es präsentiert Rechnung und Erzählung, und darin steckt auch die Abrechnung – aber nicht allein. Merkwürdig, dass einige schnelle Voraus-Kritiken im „Tod eines Kritikers“ wie selbstverständlich auch „wilden, vielleicht sogar mordlustigen Hass“ entdeckt haben (so selbst Joachim Kaiser in seiner freilich Walsers Text als „brillant, bösartig“ rühemenden Verteidigungs-Hymne). Es lassen sich indes zuhauf Zitate und Romanfiguren aufführen, die dem naturgemäß polarisierenden Großkritiker (den „Entwederodermann“) trotz seiner Eitelkeit, Kulturbetriebsintriganz und Maßlosigkeit im verhimmelnden oder verdammenden Urteil ihren Respekt bekunden – der erkennbar auch der Respekt des Autors M. W. ist. Schon um seine Titelfigur nicht kleinzureden.

Also wird mit schönen Walserworten die persönliche „Gesprächszärtlichkeit“ des (häufig so apostrophierten) „Meisters“ beschworen; einen wie ihn werde es nie wieder geben, es sei doch „ein Glück, daß wir ihn haben“. Und nach seiner Wiederauferstehung hält der angeblich so geschmähte Ehrl-König alias MRR eine offenbar ergreifende Rede auf seinen nunmehr verstorbenen Verleger, und Walsers Erzähler notiert: „Also trauern kann er.“ Besseres lässt sich über einen Menschen kaum sagen, es sei denn, es hieße statt trauern auch „lieben“.

Es ist jene Hassliebe, die Walser mit Reich-Ranicki und dem (von ihm selbstmitgemachten) Literaturbetrieb verbindet. Bis zur Verstrickung. Bis zum Verhängnis dieses Buchs, das fabelhaft weise, witzige Sentenzen bietet, über „Misserfolgreiche“ wie über Weltoffene („Europa, das ist für mich Heimatkunde“). Aber der Kosmos ist zu eng, der deutsche oder gar nur Kir-Royal-haft vermünchnerte Literaturbetrieb ist, wie nur ein Krähwinkel – man möchte sagen, ein Übelkrähwinkel. In dem Walser die Antisemitismus-Debatte selbst voraussieht, und im Buch schon als Verdrehung der Medien thematsiert: Lach, werde es heißen, habe einen Kritiker als Juden und nicht einen (auch) Juden als Kritiker umgebracht.

Tatsächlich spielt die Erwähnung von Ehrl-Königs jüdischen Vorfahren (unter anderen) für den Roman und seine Rollenprosa nur eine marginale Rolle. Der in der FAZ inkriminierte Satz, den Lach gegenüber dem Kritiker ausgerufen habe – „Ab heute Nacht null Uhr wird zurückgeschlagen“ – wird im Roman als Gerücht der „Frankfurter Allgemeinen“ (!) benannt und von Hörensagenhörern als ungesagte, unmögliche Hitler-Paraphrase zurückgewiesen. Nein, Walser denunziert keinen Juden, sondern will den Großkritiker als Heiliges Monster, als monstre sacré vorführen. Und weil die von ihm geschilderte literarische Welt im Klartext viel zu harmlos und undämonisch wirkt, sucht Walser die Konstruktion der doppelten Wirklichkeit, des sich selbst erfindenden Kolporteurs.

Der aber agiert hier, anders als Ödipus, als längst wissender Kommissar auf der eigenen Nicht-Mordspur. Was soll da noch das Konstrukt, das den halben Roman in die indirekte Rede mit zahllosen (mitunter falschen) Konjunktiven rückt? Diese Mutmaßungsprosa, diese Berichte Dritter gegenüber einem Scheinahnungslosen schaffen nichts weiter als ein Gerüchte-Klima: auch mit Haut-gout. Was Walser direkt von Ehrl-König sagt, seine etwas alberne, in der Fassung letzter Hand jetzt vom „Doitschen“ ins „Deutsche“ korrigierte Parodie Reich-Ranickischer Mundart, ist zumindest binnenliterarisch unangreifbar. Doch der Klatsch aus der Berichteküche Dritter, die der getarnte Lach/Walser auftreten lässt, ist zwar nicht antisemitisch. Aber meist dann, wenn es ins Körperlich-Sexuelle geht, ziemlich unappetitlich. Darauf hatte schon Hellmuth Karasek, dem die Frühfassung des Manuskripts vorlag, im Tagesspiegel zu Recht hingewiesen.

Bereits der Titel von Lachs eigenem Roman „Mädchen ohne Zehennägel“ klingt etwas abstrus; aber Ehrl-Königs Geliebte mit n Cosima von Syrgenstein schreibt auf „Schloss Syrgenstein“ (!) einen Roman mit dem Titel „Eingespeichelt“. Heißt so ein Roman, selbst als Parodie? Noch schlüpfriger, wenn Figuren den Kritiker zwar nicht mehr mit Freisler vergleichen und der „Lippengorilla“ gestrichen wurde, aber doch Spuckereste an den Ehrl-Lippen zum Ejakulat eines an der „deutschen Literatür“ Aufgegeilten werden. Das sagen hier zwei betrunkene Autoren, nachts in der Kneipe. Der Erzähler (der in Wahrheit, aber was ist hier Wahrheit) einer der beiden ist, erhält das Gespräch als Tonbandmitschnitt. Seit wann aber werden Autorengespräche nachts in Kneipen auf Tonband aufgenommen? Da schlägt schon das Konstrukt auf den Autor zurück. Und obwohl Marcel Reich-Ranicki in seiner grandiosen Autobiographie, die zugleich eine wunderbare Liebeserklärung an seine Frau ist, überflüssig eitel auch von einigen Ehebrüchen erzählt, wollen wir im vermeintlichen Schlüsselroman nun nicht als „kühnstes Gerücht“ hören, dass der sonst den „Mädels“ und „Mädelchen“ zugetane Großkritiker auch „Schwangere bis zum dritten Monat“ bevorzuge.

Das hat hier nichts mit „Stürmer“-Phantasien zu tun, es ist nur: altherrengeiles Gewäsch. Und die Nobelkolportage wird dabei zur Edelschmiere.

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