Kultur : Der Tagesspiegel

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CITY LIGHTS

Schwer vorstellbar heute: Ein französischer Starregisseur wendet sich an die Direktion einer Berliner Bühne, um deren halbes Ensemble für seinen nächsten Film zu engagieren. Aber es hat mal bessere Zeiten gegeben. 1975 genoss die Schaubühne am Halleschen Ufer bereits Weltruhm. Und Eric Rohmer, bis dahin kaum durch Germanophilie aufgefallen, engagierte Edith Clever, Bruno Ganz und Otto Sander für Die Marquise von O., eine Adaption der 1808 erschienenen Novelle von Heinrich von Kleist. Die Geschichte einer vornehmen Frau, die ein russischer Major vor der Vergewaltigung bewahrt, um sich nach ihrem Ohnmachtsanfall selbst an ihr zu vergehen, erzählte Rohmer werkgetreu nach. Edith Clever, die ihre Figur mit komischem Pathos zeichnet, hat sich trotz der ergiebigen Zusammenarbeit mit Rohmer nie so recht fürs Kino begeistern können. Sie macht eine glänzende Figur in den Kostümen von Moidele Bickel, einem weiteren Schaubühnen-Mitglied. Bickel gewann für die Roben der Marquise einen British Academy Award - und später noch eine Oscar-Nominierung für Patrice Chéreaus „Die Bartholomäusnacht". All diese Kräfte, die Berlin nicht halten konnte, kann man in Rohmers Film noch einmal bewundern (bis Sonntag im Filmmuseum Potsdam).

Es hat im Kino immer wieder Dogmatiker gegeben, die meinten, ein Film mit Laiendarstellern sei - ja was? Authentischer? Filmischer? Reiner? Tatsächlich chargieren Laien oft grauenvoll, während die perfekt gegebene Ursprünglichkeit mancher Schauspielprofis einem den Atem verschlägt. In der größten Zeit des deutschen Films, den zwanziger Jahren, entstand kaum ein Klassiker, an dem nicht ein Staatstheater-Mime beteiligt gewesen wäre. Die robuste Lucie Mannheim, Gegenstück zur elfenhaften Elisabeth Bergner, war sogar so beliebt, dass Hitler sie zur „Ehrenarierin“ ernennen wollte. Doch sie lehnte ab und setzte ihre Karriere in England fort. Das Filmmuseum Potsdam zeigt am Freitag und am Sonntag G.W. Pabsts Kinodebüt Der Schatz (1923): Darin ist sie als Tochter einer Familie zu sehen, die an der Gier nach Gold zerbricht.

Robert Bresson, der in späteren Jahren gern mit Laien arbeitete, begab sich 1944 in ungewohnte Gesellschaft. Der Kino-Asket inszenierte nach einem Drehbuch Jean Cocteaus und mit der Bühnentragödin Maria Casarès in der Hauptrolle Die Damen vom Bois de Boulogne, die Adaption einer Episode aus Diderots Roman „Jacques le fataliste". Die Geschichte einer verlassenen Frau, die aus Rachsucht ihren Ex mit einer Prostituierten verkuppelt, von deren Vergangenheit der Mann nichts weiß, wurde ins Paris der Gegenwart verlegt - mit Anspielungen auf das Verhalten der Franzosen unter der deutschen Besatzung (heute im Arsenal). Frank Noack

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