Kultur : Der Tagesspiegel

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Wasserfontänen schießen empor, bunte Lichter blitzen, Hüften beben im Rhythmus -- es gibt Momente, da erinnert „Bombay Dreams", das neue Sieben-Millionen-Euro-Musical im Londoner Apollo Victoria Theatre, an Revuen des Friedrichstadtpalastes. Doch was im Berliner Vergnügungstempel immer ein Blick zurück auf die Golden Twenties bleibt, ist in der britischen Hauptstadt Zukunftsvision: Genießen Sie den Indian Summer bereits im Juni!, lockt die Werbung, und vielleicht wird tatsächlich ein schöner Altweibersommer des siechen Genres Musical aus dem, was Lloyd Webber auf die Bühne jenes Hauses gehievt hat, durch das 17 Jahre lang sein „Starlight Express" donnerte. Nach mehreren teuren Flops hat Webber eingesehen, dass die Zeit seiner süßlichen Sentimenticals à la „Phantom der Oper" vorbei ist. Weil er aber mit seiner Musicalverwertungsgesellschaft Really Useful Group Umsatz machen will, suchte er im Osten was Neues, in Indien, wo die bombastischsten Filmepen für das größte Kinopublikum der Welt gemacht werden. Und weil Webber ein risikofreudiger Profi ist, der nie kleckert, kaufte er das beste angloindische Team zusammen: Bollywood goes West End.

Darum geht´s: Ein cooler Kerl aus dem Slum steigt zum Filmstar auf und vergisst seine alten Freunde. Die Tochter des Produzenten träumt davon, Qualitätskino zu produzieren, bis der Mafiaboss ihren Vater umlegen lässt. Am Ende wird der Slum doch nicht für ein Mulitplex niedergewalzt, und zwei Herzen finden einander. Natürlich kann man „Bombay Dreams" vorwerfen, dass die Story vor Klischees trieft und die Partitur mit traditioneller indischer Musik soviel zu tun hat wie ein Chicken-Tikka-Sandwich mit authentischer Küche der West Indies. Und doch: Die Show ist ein erster Schritt weg vom pathetischen Melodram, vielleicht der Prototyp einer neuen Musicalmode, die dem Tanz und der Sozialsatire wieder mehr Raum zugesteht. Da darf es im Gebälk noch etwas knacken. Und die Musik des 36-jährigen R.A. Rahman, der in seiner Heimat angeblich bereits mehr Platten verkauft hat als Madonna und Britney Spears weltweit zusammen, ist Spitze: Geigen und Flöten blitzen durchs Percussion-Feuerwerk, die (explosiv choreografierten) Tanznummern gehen genauso in die Beine, wie die Titel „Chaiyya, chaiyya!" und „Shakalaka Baby" es vermuten lassen; die Liebeslieder verströmen sich in sehnsuchsvollem Seufzen. Kitsch as Kitsch can. Ein Riesenspaß. F.H.

London, Apollo Victoria Theatre, www.bombaydreamstheshow.com , Tickets: 0044-0870 899 3339 (beste Sicht auch auf billigen Plätzen!)

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