Kultur : Der Tagesspiegel

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Gerhard Schröder: Mein „Steppenwolf“

Hermann Hesse war der erste deutschsprachige Literaturnobelpreisträger nach dem Krieg. Diese Auszeichnung war zugleich ein Votum für die tiefe Menschlichkeit, die sich durch Hesses Werk zieht. Sein literarisches Plädoyer für Frieden, für eine Humanisierung der Gesellschaft fand mit der Verleihung des Nobelpreises allgemeine Anerkennung. In seiner Dankrede schrieb Hesse im Jahr 1946: „Ich fühle mich mit Ihnen vor allem durch den Gedanken verbunden, welcher der Stiftung Nobels zugrunde liegt, den Gedanken von der Über-Nationalität und Internationalität des Geistes und seiner Verpflichtung, nicht dem Kriege und der Zerstörung, sondern dem Frieden und der Versöhnung zu dienen. Darin, daß der mir verliehene Preis zugleich eine Anerkennung der deutschen Sprache und des deutschen Beitrags an die Kultur bedeutet, sehe ich eine Gebärde der Versöhnlichkeit und des guten Willens, die geistige Zusammenarbeit aller Völker wieder anzubahnen.“ Der Schriftsteller war zu krank, um die Würdigung in Stockholm selbst in Empfang zu nehmen.

50 Jahre war er alt, als er 1927 den „Steppenwolf“ schrieb – so alt wie Harry Haller, die Hauptfigur des Romans, dessen nicht zufällig Anklänge an den seines Schöpfers hat. Ein zugleich verrätselt-komplexes und atmosphärisch dichtes Buch; trotz seiner phantastischen Sequenzen und Abschweifungen eine eingängige Lektüre. Ich las es Anfang der 70er Jahre, als der „Steppenwolf“ über Nacht zum Bestseller einer ganzen Generation wurde. Hesse hat diesen späten Erfolg nicht mehr erlebt. „Der Steppenwolf“ wurde zum Kultroman, Hesse zum Guru der Hippies: ein merkwürdiges Missverständnis – oder auch nicht.

Ich selbst gehörte nicht zu den Beatniks oder den Hippies, ich fühlte mich nicht von Esoterik und fernöstlichen Religionen angezogen (ich habe auch Hesses „Siddhartha“ nie gelesen); dennoch faszinierte mich der „Steppenwolf". Mir gefiel – und jetzt, da ich nochmals im Roman geblättert habe, kann ich sagen: mir gefällt noch heute die Vielschichtigkeit dieser spannenden Suche nach sich selbst. Deutlich inspiriert von den Erkenntnissen der Psychoanalyse, begegnet Harry Haller im „Magischen Theater“ den verschiedenen Facetten seiner Seele. Hermann Hesse geht es um das Individuum, das erst zu sich selbst finden muss, bevor es „gut“ sein kann – im umfassenden Sinn des Moralisten. Und es geht ihm um die Gefahren der Zivilisation.

Hermann Hesse war ein Einzelgänger, der sich schon früh in die Ruhe der Schweizer Berge zurückgezogen hatte. Seit 1919 wohnte er in Montagnola im Tessin und stand mit der Literaturszene in Deutschland nurmehr als Kritiker und Briefeschreiber in Verbindung. Von 1933 an war sein Haus für viele Intellektuelle die erste Station auf ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland: Sie waren zu Gast bei einem Menschenfreund, der seine Überzeugungen lebte.

Es scheint, als käme das „Hesse-Jahr“ gerade rechtzeitig: Wer heute etwa „Unterm Rad“ wieder liest, der findet darin manches Rüstzeug für das Nachdenken über unser Bildungssystem - gerade nach der Schreckenstat von Erfurt.

Der Autor ist deutscher Bundeskanzler.

Hans Küng: Vorläufer des Weltethos

Hermann Hesse wusste, dass Religion nicht nur aus Dogmatik, Moral und Ritual besteht, sondern auf Gotteserfahrung und Selbsterfahrung beruht. Gottes Immanenz bei aller Transzendenz. Früher als andere hat er erfahren, dass es gewaltige Unterschiede zwischen den Religionen, aber auch gewaltige Gleichwertigkeiten in den Religionen gibt. Er ist so zum frühen Exponenten eines globalen ökumenischen Bewusstseins im 20. Jahrhundert geworden: international, aufgeklärt, universal gebildet. Er hat die drei großen religiösen Stromsysteme der Welt im Geist durchwandert, durchlebt, durchdacht, hat ihre Stärken und Schwächen kennengelernt: vom Christentum und Judentum (Martin Buber, der Chassidismus!) angefangen über die Religionen indischen Ursprungs bis hin zu den Religionen Chinas und Japans (Zen-Buddhismus). Aber zugleich hat Hesse, Liebhaber der Vielfalt, Feind jeglichen Nationalismus’ und Gewaltanwendung, daran festgehalten, „daß der Spaltung in Rassen, Farben, Sprachen und Kulturen eine Einheit zugrunde liegt, daß es nicht verschiedene Menschen und Geister gibt, sondern nur Eine Menschheit, nur Einen Geist“.

Der Autor lebt als Theologe und Mitbegründer der „Stiftung Weltethos“ in Tübingen.

Erwin Teufel: Ein Hesse für alle

Hermann Hesse, der 1877 in Calw das Licht der Welt erblickte, gilt als der meistgelesene deutschsprachige Autor des 20. Jahrhunderts und dies nicht nur in Europa, sondern in den verschiedenen Kulturkreisen, von Asien bis Amerika.

Als Individualist und wahrer Humanist ist es Hesse gelungen, den demagogischen Massenbewegungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu widerstehen. Eine Euphorie für den Kriegsbeginn 1914, wie ihn andere junge Literaten und Künstler verspürten, erreichte ihn nie. Viel zu stark war sein Wunsch nach Weltfrieden, Toleranz und Humanität.

Das Versöhnungs- und Verständigungsmotiv sowie die Weltoffenheit in seinen Werken hat mich bereits in jungen Jahren fasziniert. Diese Thematik hat in unserer globalisierten Welt bis heute nicht an Aktualität verloren. Deshalb kann ich auch allen jungen Menschen empfehlen, sich vom Hermann-Hesse-Jahr 2002 inspirieren zu lassen und Hesses Werk als wichtiges deutsches Kulturerbe kennenzulernen. Frieden, Toleranz und Völkerverständigung sind das Fundament für ein gemeinsames Miteinander im 21. Jahrhundert.

Der Autor ist Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Schirmherr des Hermann-Hesse-Jahres 2002

Klaus Wowereit: Der Weltberliner

Hermann Hesse hatte ein distanziertes Verhältnis zu Berlin. Wenn irgend möglich, hat er die Ballungsräume gemieden; auch das Preußische an der Reichshauptstadt blieb ihm eher fremd.

„Ich müßte“, schrieb er einmal, „aus tausend Gründen notwendig nach Berlin, und davor graut mir sehr. Das einzige, was mir an Berlin gefällt, ist, dass es so weit weg von hier liegt.“

Diese Distanz des Dichters zu Berlin hat der Verehrung keinen Abbruch getan, die Hesse bis heute in der Hauptstadt entgegengebracht wird. Der meistgelesene deutsche Autor des 20. Jahrhunderts hat auch mich immer wieder gefesselt. Ob es das „Glasperlenspiel“ war, der „Steppenwolf“ oder „Siddhartha“ – Hesses Werk öffnet einem den Zugang in die Vielfalt unserer Welt.

Ich glaube im übrigen, er hätte heute deutlich weniger Vorbehalte gegenüber dem neuen Berlin, und finde, die Botschaften seines Werkes und unserer Stadt passen gut zueinander: Heute ist Berlin ein Ort des Friedens, der Toleranz und der Völkerverständigung , also ganz im Sinne des Lebens und Werkes von Hermann Hesse.

Der Autor ist Regierender Bürgermeister von Berlin

Jürgen Weber: Traum vom Fliegen

Man möge mir verzeihen, wenn mir selbst bei Hermann Hesse zunächst einmal die Fliegerei in den Sinn kommt: Er war – wer weiß das schon? – ein begeisterter Lufthansa Fluggast. Und zwar zu einer Zeit, da das Fliegen gerade das Laufen gelernt hatte und immer noch ein Quentchen Mut dazu gehörte, sich in die ratternden Kisten zu setzen.

Wenn ihm auch Böen und Fallwinde kaum Bauchgrimmen verursachten, so war Hermann Hesse doch ganz ein „bauchgesteuerter“ Passagier. Er hatte herzlich wenig Interesse an Kopfinformationen über technische Spezifikationen oder Herstellernamen des Geräts, Pferdestärken und Umdrehungen des Motors. Deshalb enttäuschten ihn die Artikel der damaligen Fachpresse auch so sehr: „Ich las sie mit Eifer, aber es stand nichts drin.“ Die Autoren hätten nur das wiedergegeben, was man schon vorher wusste, schrieb er einmal und mokierte sich über die gängigen Formulierungen: „Also mußte das Fliegen eigentlich wenig interessant sein; es war ein ,stolzes, erhebendes Gefühl’, das erinnerte an Grundsteinlegungen und Jubiläen, ,man fühlte sich vollkommen sicher, keine Spur von Angstgefühl oder Schwindel’, das war also ähnlich wie ein Spaziergang von München nach Nymphenburg. Entweder standen die Verfasser jener Artikel wirklich auf jenem unpersönlichen, allgemein kulturellen Standpunkt, oder aber es war ungemein schwierig, die eigentlichen Gefühle eines Fliegenden darzustellen. Ich glaube heute, die zweite Annahme war die richtige.“

Diese Gefühle zu schildern, das sinnliche Erleben wiederzugeben: darin war Hesse natürlich ein Meister. In drei kurzen Reisegeschichten beschreibt er das Spiel der Wolken, das herrliche Gefühl des Darüberschwebens, die Landschafts-Collagen und die neuartigen Entdeckungen, die sich aus einer höheren Betrachter-Warte ergeben. Der Insel Verlag hat sie in einem Taschenbuch unter dem Titel „Luftreisen“ veröffentlicht. Hermann Hesses Fazit: „Man brauchte nur ein paar hundert Meter Luft zwischen sich und die Erde, zwischen sich und das zwanzigste Jahrhundert zu bringen, dann wurden sie äußerst freundlich und friedlich, wußten nichts von Not, nichts von Krieg, nicht von Gemeinheit.“ Gefühle von 1928, die man auch heute nachempfinden kann.

Ungern beendete er seinen Flug von Berlin nach Zürich: „Und schon war ich der sogenannten Heimat nahe, wo alle Pflichten und Briefe warteten, und wäre lieber weitergeflogen. Aber die Technik, so hübsch sie ist, hat ihre Grenzen, es gab kein Pardon, kein Weiterfliegen, an der Endstation mußte ich unweigerlich aussteigen. Sobald es Flugzeuge mit langen Dauerflügen geben wird, auf denen man wie auf einem Segelschiff Wochen und Monate leben kann, werde ich mich bei der Lufthansa nach den Bedingungen erkundigen.“ Wir hätten Herrn Hesse gern ein entsprechendes Angebot für einen Liegesessel nach Peking oder Rio gemacht. Ich bin mir sicher: Er hätte die Reise genossen.

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa AG.

Dalai Lama: Calw und Kosmos

Als buddhistischer Mönch liegt der Schwerpunkt meiner Arbeit im Bereich der Philosophie und Psychologie. Ich habe wenig Erfahrung auf dem Gebiet der weltlichen Literatur.

In Europa ist der allgemeine menschliche Drang des Wissens und Entdeckens in die Zukunft gerichtet, dazu gehören Ergebnisse von herausragender Schönheit, einem komplexen Verständnis von physikalischen Phänomenen in der äußeren Umwelt und der schnellen technischen Entwicklung. In Tibet dagegen, liegt der Schwerpunkt der Blickrichtung auf dem Inneren, haben wir erfahren und gelernt, unsere inneren Bedürfnisse zu pflegen. Ich bin überzeugt davon, dass wir einen Punkt erreicht haben, an dem wir, wenn wir überleben wollen, diese beiden Ansätze vereinen müssen.

Im Verlauf unseres Lebens ist die Welt kleiner und abhängiger geworden. Wir sind vereint durch politischen und wirtschaftlichen Austausch und weltweite Kommunikation. Auf der anderen Seite sind wir alle konfrontiert mit Problemen wie Überbevölkerung, versiegende natürliche Ressourcen und Umweltprobleme, die die Existenz unseres Planeten bedrohen. Im Kontext dieser neuen wechselseitigen Abhängigkeit liegt das Eigeninteresse ganz eindeutig darin, das Interesse der anderen mit in Betracht zu ziehen.

Auf der einen Seite verlangt das Bedürfnis, wie Familienmitglieder zusammen zu leben, dass wir uns Toleranz und gegenseitige Unterstützung entgegenbringen. Auf der anderen Seite ist unsere Vielfalt eine Quelle von Kraft und Kreativität. Je mehr wir die Einstellung unseres Gegenüber nachvollziehen können, um so mehr können wir voneinander lernen. Und um so einfacher können wir Respekt und Toleranz in unserem eigenen Leben und in unserem Verhalten anderen gegenüber entwickeln.

Ich freue mich sehr, dass Calw, die Geburtsstadt von Hermann Hesse, jetzt seinen 125. Geburtstag in besonderer Weise feiert. Damit wird das Werk eines Menschen geehrt, der vielen seiner Leser die Wichtigkeit vermittelt hat, ein Bewußtsein für innere Ruhe und persönliche Freiheit zu entwickeln. Ich teile seine Überzeugung, dass unsere menschliche Intelligenz besser für Frieden und Versöhnung geeignet ist als für Krieg und Vernichtung .

Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, lebt seit 1959 im Exil in im indischen Dharamsala.

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