Kultur : Der Tagesspiegel

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CITY LIGHTS

Am Montag hat Kurt Scheel in dieser Zeitung behauptet, Fassbinders Meisterwerke seien nichts anders als verkitschter „Kunstfaschismus“, der genau das Bild des Deutschen konstruiere, das der Rest der Welt braucht, um sich so richtig vor uns zu gruseln. Über das harte Urteil lässt sich sicher streiten. Doch der Ansatz ist interessant: Er fragt einmal nach den Bewunderern, statt immer nur herumzugrübeln, warum der aktuelle deutsche Film im Ausland so wenig goutiert wird. Denn es gibt sie ja, die Heroen, für die das deutsche Kino gefeiert wurde in Europa und der Welt: Murnau, Herzog, Wenders – lautet die Fanfare, ersatzweise auch Fritz Lang. Und natürlich Fassbinder. Wieso nicht Karl Hofer und Ula Stöckl? Warum haben ausgerechnet so schwer verdauliche Brocken wie Trottas „Bleierne Zeit“ und Wenders‘ „Himmel über Berlin“ international Furore gemacht?

Besonders Wenders‘ Werk gilt etwa in Großbritannien als ewige deutsche Filmkünstlerei. Zwei Gründe lassen sich ausmachen: Der eine liegt ganz im Scheelschen Sinne auch hier wohl darin, dass Wenders getreulich die Erwartungen erfüllt, die man sich vom deutschen Wesen macht: schwülstig, tiefsinnig, metaphysisch. Doch es ist noch eine banalere Erklärung möglich: Könnte es nicht sein, dass die Empfindlichkeitsschwelle ausländischer Cineasten für besonders geschwollene Dialoge auch deswegen niedriger liegt als bei uns, weil sie die Attacke auf unser Sprachgefühl nur in entschärfter Form in den Untertiteln lesen? Auch ein steifer Dialog klingt geschrieben gleich anders. Vielleicht schätzen wir umgekehrt auch genau wegen dieses Unschärfefaktors ausländische OmU-Filme so sehr?

Probieren wir’s aus: Ab sofort gibt es mit dem Babylon-Mitte in Berlin einen Spielort, wo in zweiwöchigem Turnus deutsche Filmgeschichte West und Ost mit englischen Untertiteln gezeigt wird – ein Service eigentlich, um unseren ausländischen Mitbürgern und Gästen unser Kulturgut noch näher zu bringen. Doch mit zwei Ohrenstöpseln lässt sich auch ein Selbstversuch durchaus starten. Los geht es am Donnerstag und Freitag mit Fassbinders The Marriage of Maria Braun. Auch Wenders’ „Der Himmel über Berlin" ist diese Woche zu sehen, am Dienstag im Freiluftkino Hasenheide – einstweilen allerdings noch in der deutschen Fassung.

Nur sehr vermittelt stellt sich das Sprachproblem bei einem Film, der eine andere deutsche Filmtradition bezeichnet. Ernst Lubitschs kurzer Stummfilm Ich möchte kein Mann sein ist 1918 entstanden und perfekt auf seine hyperaktive Hauptdarstellerin Ossie Oswalda zugeschnitten, die eine ungebührliche Tochter aus besserem Berliner Hause darstellt – ein Beispiel für die ins Exil getriebene urbane Komödien-Tradition der frühen Filmgeschichte. Im Arsenal wird er Freitag und Sonntag mit der amerikanischen Geschlechtertauschkomödie A Florida Enchantment (R: Sidney Drew, USA 1914) gezeigt. Silvia Hallensleben

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