Kultur : Der Tagesspiegel

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"Drag Queens" kennt mittlerweile jeder Doppelhaushälftenbesitzer aus Posemuckel – spätestens seit bei jedem Besuch in der Großstadt neben der Sperlingsgasse auch die entsprechende Travestie-Show auf jedem nur ein bisschen verruchten Programm steht. „Aber „Drag Kings“? Die sind immer noch ein Exotikum mit Oho-Effekt und ordentlichem Grusel-Schauder. Und wenn es dann etwa noch weiter in die als hochgewagt empfundenen Landschaften des sogenannten Gender-Kontinuums geht, bleiben immer mehr Mitreisende mit Orientierungsstörungen und zunehmenden Übelkeitsgefühlen auf der Strecke. „Zwitter? Ist ja eklig“.

Allein solche Reserve sollte schon Grund genug sein, einen Film zu preisen, der sein Publikum ohne Umstände und mit freundlicher Geste auf seine ganz eigene Erkundungs-Reise mitnimmt - an Orte, wo viele vielleicht noch nie gewesen sind.

Anlass des Ausflugs ist ein New Yorker Club-Event, bei dem sich die Größen des westlichen Drag-King-Universums ein höchst lebendiges Stelldichein geben. Drag Kings: das sind Frauen in Männerkleidern, für länger oder nur eine Nacht, für die Straße oder auch für feierliches Rampenlicht. Mildred etwa, tagsüber eine smarte Büroangestellte, verwandelt sich hinter kleinem Bärtchen abends und nachtwärts in den fast-echten feschen Ghetto-Macker Dred. Oder nehmen wir Mo B. Dick, die sich rechterseits als Frau und linkerseits männlich inszeniert - oder war es umgekehrt? Und dann ist da noch Diane Torr, die Pionierin der Drag-King-Bewegung, die seit zwei Jahrzehnten in ihren Workshops neugierige Elevinnen in die Mythen der Männermacht einweiht. Ja, man staunt, was allein so ein Herrenanzug schon ausmachen kann beim Kneipenbummel!

Während Mildred/Dred, Moby und Diane auf der Bühne mit der Männlichkeit spielen, macht eine Gruppe von Londoner Transsexuellen, die mit Testosteron experimentieren, mit dem Mann-Sein im Leben ernst. Del La Grace Volcano, Hans Scheirl und Svar Simpson befinden sich an verschiedenen Punkten des genannten Geschlechterkontinuums in Richtung Männlichkeit.

So bekommt die subvertierte Identität plötzlich wieder reale Bedeutung. Doch die Schweizer Regisseurin Gabriel Baur kümmert die theoretische Spanne nicht, die sie mit ihrem Film aufreißt. Ihr geht es vielmehr konkret um die unterschiedlichen Lebensentwürfe ihrer Helden/Heldinnen, von denen die meisten in der Szene keine Unbekannten sind.

Im Club Casanova allerdings ist diese Szene weitgehend unter sich. „Venus Boyz“ aber könnte sich auch und gerade Frau Meier aus Dingsda oder Posemuckel mit Gewinn ansehen. Wenn das doch einmal geschehen würde! Silvia Hallensleben

Broadway (OmU), Freiluftkino Hasenheide, Filmtheater Friedrichshain (OmU) und Yorck/New Yorck (OmU)

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