Kultur : Der Tagesspiegel

NAME

Von Steffen Richter

Großer Glanz lag am Samstag Abend über dem Potsdamer Platz. Unter freiem Himmel – wie weiland die Rhapsoden zu Zeiten Homers – sprachen oder sangen zehn Poetinnen und Poeten in acht Sprachen ihre Gedichte in die Nacht. Die spektakuläre Open-Air-Veranstaltung „Weltklang – Nacht der Poesie“ sollte, so Thomas Wohlfahrt von der literaturWERKstatt, den „künstlerischen Höhepunkt und Abschluss“ des dritten Berliner Sommerfestes der Literaturen bilden.

Tatsächlich stand nicht nur leicht verdauliche Pop- oder Politdichtung zur Debatte, sondern hochkarätige Sprach- und Sprechkunst. Selten gibt es Gelegenheit, Lyrik aus Tunesien, Brasilien und Haiti auf einem Podium vereint zu sehen. Der Mut der Veranstalter zum Heterogenen wurde prompt belohnt. Denn obwohl im etwas biederen n „Weltklang“ umfassende Völkerverständigung und ein Hauch Meditation mitschwingen, war es ein rasantes Lesefest . Da ist es doch erfreulich, dass die bereitgestellten Stühle kaum gereicht haben.

Wer geschriebene Texte mündlich vorträgt, reduziert für gewöhnlich Komplexität, gibt dem Vieldeutigen eine eindeutigere Sinnrichtung. Die Landschaft der inneren „Stimmen der Phantasie“ wird begradigt. Das mag im Allgemeinen so sein, gilt aber nicht für Amanda Stewart. Die Australierin demonstrierte, in welche extreme Lagen sie ihre Stimme jagen kann. Das Bedeutungsspektrum wird dabei nicht eingeengt, sondern explodiert regelrecht. Zunächst bewegt sich alles auf dem Terrain des syntaktisch und semantisch Nachvollziehbaren: „Pioniere und ihre edle Grausamkeit. / Ihre malerischen Metzeleien. / Ihre wundervollen Fotografien“ heißt es in „Kitschpostkarten“ über neuzeitliche Formen der Kolonisierung.

Bei aller Lust am Spielerischen gleitet der Vortrag aber nie ins Unverbindliche ab. Selbst das Onomatopoetikum besitzt subversive Qualitäten. Zitierbar ist das leider kaum. Denn auch die graphische Präsentation von Stewarts Texten lässt erkennen, in welchem Maße sie Sprache als Material versteht.

Eine der ausgewiesenen Experimentatorinnen mit der Sprache ist Friederike Mayröcker. Im Unterschied zu vielen jüngeren Autoren kennt die Büchnerpreis-Trägerin des Jahres 2001 noch die Angst vorm weißen Blatt Papier. Ihr poetischer Kosmos ist aus dem Zweifel geboren, dass Leben sich so leicht in Sprache übersetzen ließe. Vor allem aus der Ideen- und Bilderwelt von Surrealismus und Psychoanalyse speist sich diese Lyrik.

Aus Ratlosigkeit angesichts des unüberschaubaren Gewebes von Intertexten hat man das oft hermetisch genannt. Doch beim mündlichen Vortrag kommt mitunter eine geradezu biblische Einfachheit in den Textgebirgen der 1924 geborenen Wienerin zum Vorschein. Auf dem Podium jedenfalls tat Friederike Mayröcker, was sie zuletzt so oft getan hat: Sie erinnerte an ihren verstorbenen Lebensgefährten Ernst Jandl. Und der Zuhörer wurde bei diesen intimen Ansprachen an Jandl zum voyeuristischen Beobachter einer der produktivsten Dichterpartnerschaften des deutschsprachigen 20. Jahrhunderts.

Der von Gunda Förster konzipierte Bühnenraum zwischen den Hochhäusern am Potsdamer Platz leuchtete den ganzen Abend in verschiedenen Blautönen. Mit der blauen Blume der Romantik ließ sich allerdings kaum einer der Dichter in Verbindung bringen. Ganz und gar unromantisch ging es bei der Finnin Sirkka Knuuttila zu. Für ihre dramatische „Genetik-Poesie“ müsste man fast eine neue Genre-Schublade öffnen. Zu unterlegten Sphärenklängen und mit großem stimmlichen Einsatz suchte die praktizierende Ärztin und Literaturwissenschaftlerin nach dem, was hinter den Worten liegt. Es ist allemal der Körper mit einer fein modulierbaren Stimme als seinem poetischen Agenten.

An lyrischen Stimulanzien und Kuriosa war der Abend reich. Der Japaner Gozo Yoshimasu schob eine gigantische Textrolle übers Pult. Thomas Kling, einer der versiertesten deutschen Lyriker und Mayröckers Darmstädter Laudator, zischte, flüsterte oder skandierte im Kommandoton die „Modefarben 1914". Dazu rauschte sanft ein Martinshorn im Hintergrund. Und von dem litauischen Großmeister Sigitas Geda wird man mit Sicherheit mehr hören, wenn seine Heimat im Herbst Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein wird.

All das war keine Lyrik für die Happy Few mit germanistischer Vorbildung. Im Gegenteil: Für einige Stunden hatte das Gedicht nicht nur symbolisch, sondern sehr konkret und sinnlich den öffentlichen Raum besetzt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar