Kultur : Der Tagesspiegel

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Von Bernhard Schulz

Wie verwurzelt das Ideal von Konsens und Kompromiss in der deutschen Gesellschaft ist, lässt sich an der Wanderausstellung „Neue Deutsche Architektur“ studieren. Sie ist von heute an im Martin-Gropius-Bau zu sehen und soll nach der Berliner Erstpräsentation fünf Jahre lang durch die Welt reisen, nach Mailand und Rom, nach Stockholm, St. Petersburg und sogar nach Asien, dem Boom-Kontinent des Baugewerbes.

Den Ausgangspunkt bildet die uralte Klage, deutsche Architekten hätten es in der Welt schwer, kaum jemand kenne ihre Leistungen – mit der Folge, dass deutsche Büros im Ausland keine Aufträge bekommen. Umgekehrt aber, so Konstantin Kleffel, Präsident der Hamburgischen Architektenkammer, werden „aberhunderte von größten Projekten in diesem Land von ausländischen Architekten übernommen“.

Es geht also um Marketing. Wie man’s anstellt, machen die Kollegen aus Holland, Frankreich oder der Schweiz seit Jahren vor, und der kommerzielle Erfolg bestätigt sie. Also wollen die deutschen Architekten endlich in die Offensive gehen – und verhaken sich doch gleich bei der Frage, was das Adjektiv „deutsch“ denn heißen dürfe. Architektur in Deutschland wollte man die Übersicht nicht nennen, dann wären naturgemäß die ausländischen Kollegen beteiligt gewesen, in den Verdacht nationaler Engstirnigkeit wollte man indessen ebensowenig geraten. So ließen die Hamburgische Architektenkammer und, ihr zur Seite springend, die Bundesarchitektenkammer nach einer deutschen Vorjury eine international besetzte Jury entschreiden, welche Bauten als „deutsch“ vorgezeigt werden dürfen, und selbstverständlich sind hier ansässige Baumeister wie Daniel Libeskind (USA), Max Dudler (Schweiz) oder Ortner und Ortner (Österreich) mit von der Partie.

Doch nach markanten n mochte die Jury nicht entscheiden, sie zählte vielmehr zuallererst die Aufgaben und Themen der Architektur zusammen und ordnete ihnen dann entsprechende, Beispiel gebende Bauten zu. Es wurde nicht entschieden „nach Schönheit“, so der Schweizer Jury-Vorsitzende Ernst Hubeli, sondern danach, inwieweit die Aufgaben der Architektur und ihre Probleme deutlich werden.

Das klingt alles furchtbar deutsch und ist es im Endergebnis auch geworden. 25 Bauten, alle zwischen 1996 und soeben fertig gestellt, blieben nach der zweistufigen Auswahl von 800 Einreichungen übrig. Beinahe keines der Bauwerke ist in dieser repräsentativen Übersicht fehl am Platze, nimmt man den Maßstab der Qualität und Vorbildlichkeit. Überhaupt kennzeichnet es das Baugeschehen in Deutschland, auf einem durchweg hohen qualitativen Niveau sowohl von den Entwürfen wie auch – häufig übersehen – von der Ausführung her stattzufinden. Gebaut wird in Deutschland für die erkennbar lange Dauer; das spielerische, im Ergebnis bisweilen nachlässige Moment anderer, derzeit in Mode stehender Architektur-Länder ist uns fremd. Bauen ist hierzulande eine geheiligte Handlung, und jeder Abriss wird von Stimmen des Entsetzens begleitet.

Unter diesen Auspizien wäre es angebracht gewesen, das „Bauen im Bestand“, vor allem aber die Konversion und Aufwertung sozialistischer Plattenbausiedlungen im Osten der Republik als wichtige Themen der Gegenwart einzubeziehen.

Das ist leider unterblieben. Die „NDA“, wie die Ausstellung griffig gekürzelt wird, hält am neu geschaffenen Einzelbauwerk fest. Und sie folgt dem Kanon der würdigen Bauaufgaben, den man mit dem öffentlich finanzierten Bauen in Deutschland verbindet: Schulen, Museen und Bibliotheken, nicht zuletzt auch kirchliche Bauten.

Die deprimierenden Ergebnisse der Pisa-Studie dürften gar nicht möglich sein in einem Land, das seine Kinder in so wunderbare Schulen schickt, wie sie das Stuttgarter Trio Lederer Ragnarsdóttir Oei in Ostfildern oder die Berliner Léon Wohlhage Wernik in Berlin-Köpenick geschaffen haben. Zuvor war der Nachwuchs bereits in der Kindertagesstätte von Stephan Höhne in Berlin-Karow, später lernt er in der Dresdner Universitätsbibliothek von Ortner und Ortner und bildet sich im Neanderthal-Museum nahe Düsseldorf von Günter Zamp Kelp. Seinen Lebensabend verbringt er in der Seniorenwohnanlage Neuenbürg von Mahler Günter Fuchs, einem kommunalen Auftrag. Und wenn der Tag gekommen ist, findet er im Krematorium Baumschulenweg von Axel Schultes ein würdiges Gehäuse.

Rund 15 – je nach Definition – öffentliche Vorhaben machen die Mehrzahl der ausgewählten Bauten aus. Ist der öffentliche Bauherr in Deutschland der Garant der Baukultur, oder ist nur die Auswahl der doppelten „NDA“-Jury allzu sehr aufs öffentliche Bauen fixiert? Oder aber, dritte Möglichkeit, entsteht das private Bauen, vor allem dasjenige der großen, stadtbildprägenden Investoren, allein an ausländischen Zeichentischen?

Die Beispiele kommerziellen Bauens rufen in der Tat den Vergleich mit Arbeiten der Stars der Branche, mit den signature architects, vors Auge. Unter den gläsernen Hochhausbauten – was für ein Thema in den wirtschaftlich starken Großstädten! – hat es nur Christoph Ingenhovens Essener RWE-Turm geschafft. Für gestalterisch innovative Bürohäuser steht das erfolgreiche Büro Bothe Richter Teherani, das mit seinem Hamburger Glashaus zeigt, was aus Nicholas Grimshaws Berliner Handelskammer-Neubau hätte werden können, hätte man ihn nur gelassen...

Wie steht es denn um deutsche Großmeister? Die Beschränkung der Auswahl auf 25 wirklich zeitgenössische Bauten tut jenen Unrecht, die das Bild der deutschen Architektur in den letzten Dekaden geprägt haben, womöglich aber zuletzt nicht mit den besten ihrer Werke glänzen konnten. Diesem Dilemma entgeht die Ausstellung durch die Einbeziehung von zehn so genannten „Signaturen“ – Büros mit ebendiesem Renommee, von Gottfried Böhm – dem einzigen deutschen Pritzker-Preisträger – über Günter Behnisch, Oswald Mathias Ungers und Josef Paul Kleihues zu von Gerkan Marg und Partner und schließlich Daniel Libeskind. Bei Letzterem ist ein bisschen viel political correctness im Spiel, denn so grandios sein Jüdisches Museum in Berlin auch da steht: geprägt hat es die deutsche Architektur nicht.

Das wäre denn, jedenfalls für das zurückliegende Jahrzehnt, weit eher für die Berliner Hauptstadt-Architektur zu behaupten, mit ihren Protagonisten Axel Schultes (Kanzleramt), Stephan Braunfels (Abgeodnetenbüros), Max Dudler (Neubau Verkehrs- und Bauministerium) und natürlich Hans Kollhoff mit dem geschichtsbewussten Umbau der Reichsbank. Gerade diese Bauten, die über die deutschen Grenzen hinaus medial präsent sind, fanden bei den Jurys keine Beachtung. Um Himmels willen, sagt die „NDA“, wir bauen immer im überschaubar menschlichen Maßstab, wir sind die Weltmeister des Schul- und Kindertagesstättenbaus! Und so feiert denn in der Ausstellung das bundesdeutsche Understatement einen späten Triumph. Die „NDA“ eckt nicht wirklich an, sie hat fast keine Fehlstellen, jede einzelne Wahl kann sich sehen lassen. Sie hat andererseits keine These, die – zumindest international – provozieren, gar mitreißen oder auch nur zur Diskussion anregen könnte.

Ihr Mit-Konzeptionator Ullrich Schwarz hat den Begriff einer „Reflexiven Moderne“ in seinem Beitrag im – ebenfalls höchst korrekten, im Unterschied zur ansprechend gestalteten Ausstellung allzu unauffällig daherkommenden – Katalog entwickelt. Ob der Begriff die deutsche Architektur der Gegenwart zutreffend beschreiben kann, sei dahingestellt; aber die Ausstellung kennzeichnet er verräterisch genau: Hier wurde sehr gründlich nachgedacht. Nur das Ausgangsziel, für deutsche Architektur die Reklametrommel zu rühren, wurde dabei aus dem Auge verloren.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 16. September. Katalog im Hatje Cantz Verlag, 35 €, im Buchhandel geb. 49,80 €.

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