Kultur : Der Tagesspiegel

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Blutsbrüder

Er passte. Ich sah in den Spiegel und entdeckte dort den Verkäufer, der hinter mir stand und auf nicht gerade sympathische Art grinste. Er muss in diesem Moment gewusst haben, dass er gleich ein prima Geschäft machen würde. Dann sah ich neben mir meine zwei Kollegen, die ebenfalls an ihren Sakkos zupften, sich im Spiegel begutachteten, und plötzlich sagten wir wie aus einem Mund: „Wir nehmen den!“

Es war 1996, mein erstes Arbeitsjahr, ich war seit zwei, drei Monaten Redakteur bei „jetzt“, dem Jugendmagazin der „Süddeutschen“ in München. Ich trug, was viele 22-Jährige damals im Sommer trugen: Beigefarbene Hosen mit Seitentaschen, T-Shirts mit bunten Aufdrucken, blaue Hawaiihemden und Turnschuhe. Man hätte mich für einen Skateboarder ohne Skateboard halten können. Aus einer Laune heraus waren zwei Kollegen und ich in der Mittagspause durch die Stadt spaziert und bei „Theresa“ hängen geblieben, einem Modegeschäft, das ich noch nie vorher betreten hatte. Es war schön kühl hier, und ich erinnere mich, wie angenehm das neue Hemd auf meiner Haut lag; ein Hemd, das so viel kostete wie vier meiner Skateboardhemden zusammen.

Ich kaufte also den enggeschnittenen, anthrazitfarbenen Anzug einer italienischen Marke, ich kaufte ein silbergraues Hemd und eine dunkle Krawatte (die ich übrigens seit diesem Tag nicht mehr getragen habe). Ich zahlte mit Kreditkarte, und als ich den Geldbetrag auf dem kleinen Zettel sah, wurde mir schwummerig zu Mute. Den beiden Kollegen, sie hatten auch eingekauft, ging es wohl ähnlich, und bevor wir die Belege unterschrieben, sahen wir uns an. Keiner sagte ein Wort.

Es war die Zeit, als man anfing, Anzüge mit Turnschuhen zu kombinieren, und vielleicht lag das daran, dass wir noch nicht wussten, wo wir eigentlich hingehörten. Nicht mehr ganz ein Kind, aber auch noch nicht ganz erwachsen, die ersten Monatsgehälter auf dem Konto, aber noch keine Steuerklärung hinter sich. Man kann diesen Einkauf heute, mit dem Abstand von acht Jahren, nicht anders beschreiben: Es war eine merkwürdige Blutsbrüderschaft, geschlossen in einer gut gekühlten Designer-Welt, bezahlt mit Eurocard.Christoph Amend

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