Kultur : Der Tagesspiegel

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Von Dietmar Bruckner

Zu Vladimir Nabokov reist man am besten in seinen Büchern. In ihnen ist - bei aller unverkennbaren Lust an der Maskerade und am Verwirrspiel von Realität und Fiktion - auch das ganze Leben des vor 25 Jahren im Schweizer Montreux gestorbenen russischen Exil-Autors enthalten. In der Figur des Van Veen in „Ada oder Das Verlangen“ wird ebenso die Silhouette des Verfassers erkennbar wie in Professor Humbert Humbert, dem in „Lolita“ Verliebten und Vernarrten.

Seine Helden sind literarische Wiedergänger von Vladimir Nabokov selbst; und gerade durch das Vexierspiel, mit dem sie ihre Identität zu verbergen suchen, verraten sie diese. Was ihr Schöpfer, ein leidenschaftlicher Verächter der Psychoanalyse und ihrer Folgedisziplinen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit allerdings vehement und mit der ihm eigenen hochmütigen Attitüde bestritten hat. Seinem Ruhm hat es am Ende eher genützt als geschadet.

Inzwischen ist die Reputation des einstigen Skandalautors so gewachsen, dass sie auch ihren Ursprungsort wieder erreicht hat: Aus St. Petersburg, wo der 1899 geborene Nabokov aufwuchs, zur Schule ging und seine erste Liebe erlebte, ist Nabokov mit seiner Familie nach der Machtergreifung der Bolschewiki im November 1917 geflohen. Er sollte Petersburg zeitlebens nicht wiedersehen; gleichwohl blieb die Geburtsstadt in seinem Werk bis zuletzt präsent. Wenn Nabokov also bekannte, „dass er ein amerikanischer Schriftsteller ist, der irgendwann ein russischer Schriftsteller war“, dann ist dies, wie so häufig bei ihm, nur die halbe Wahrheit. Denn die russische Vergangenheit blieb ihm oft näher als die amerikanische Gegenwart, so in der Autobiographie „Erinnerung, sprich“, wo er auf Hunderten von Seiten ein detailfreudiges Petersburger Panorama entwirft, das sich in seiner Plastizität übermächtig vor das reale Amerika schiebt und die USA nur Requisit, Kulisse, Stichwortgeber sein lässt. Zur Ironie des Exils gehört allerdings, dass „Speak, Memory“ ursprünglich in Englisch geschrieben und von Nabokov selbst dann ins Russische übersetzt wurde.

Boxen in der Bibliothek

In St. Petersburg, das sich gerade für sein 300-jähriges Jubiläum im nächsten Jahr herausputzt, ist soeben ein Denkmal für den zweiten großen Verfemten der Stadt, den Literaturnobelpreisträger von 1987, Joseph Brodsky, errichtet worden. Seit einigen Jahren gibt es auch Anzeichen für eine Nabokov-Renaissance. So ist etwa im größten Buchkaufhaus am Newski-Prospekt eine ganze Wand mit seinem Werk bestückt, inklusive Sekundärliteratur. Nachdem Nabokov bis Anfang der 90er Jahre in der Sowjetunion zwar skandalumwittert, wegen seines Antikommunismus jedoch zugleich eine fast unbekannte persona non grata war, avancierte er inzwischen zum Schulbuchautor, den man offiziell zwar noch immer nicht verehrt wie etwa Puschkin, mit dem man sich jedoch zu arrangieren beginnt.

Das Erfreulichste freilich findet in der Bolschaja Morskaja Uliza 47 statt: in Nabokovs Geburtshaus. Da versucht eine rührige Privatinitiative um den Literaturwissenschaftler Wilhelm Starck, ein Nabokov-Museum einzurichten – was auch im Russland des Jahres 2002 einem sisyphushaften Unternehmen gleichkommt. Die Intitiative erhält vom Staat keinerlei Unterstützung und besaß zunächst nicht einmal ein eigenes Faxgerät. Inzwischen gibt es – dank einiger Sponsoren und eines eigenen Fonds – immerhin eine Web-Adresse: www.nabokov101.ru .

Nicht nur im Internet fand Nabokov nun einen würdigen Platz. Voller Stolz berichtet Tatyana Ponomareva, die sich selbst als „Acting Director“ vorstellt, vom internationalen Nabokov-Symposion, das in dieser Woche in der Bolschaja Morskaja stattfindet und zu dem die Koryphäen der Nabokov-Forschung anreisen. „Nabokov und die USA“lautet eins der Themen, „St.Petersburg und Russland in Nabokovs Werk“ ein anderes, und in einem dritten Themen-Block referiert unter anderem Dieter E. Zimmer, der Herausgeber der deutschen Nabokov-Ausgabe, über Schmetterlinge in Leben und Werk des passionierten Lepidopterologen.

In der Bibliothek von Nabokovs Vater mit ihrer schweren Eichendecke im Stil der französischen Renaissance werden die Vorträge gehalten. Das liegt nahe, andererseits bedeutet es auch eine Zweckentfremdung. Denn gerade in diesem Bildungsrefugium und Allerheiligsten der russischen (und europäischen) Literatur pflegte sich der junge Vladimir frühmorgens mit seinem Vater zu treffen – um gegen ihn im Boxen und Fechten anzutreten. Nabokov, der Jazzfreund und Schmetterlingssammler, war nie ein nur anämischer Intellektueller.

Immerhin wollen sich die versammelten Nabokovianer während des Symposions auch zu den Sommersitzen der Familie nach Roshdestweno und Wyra in der Umgebung von St.Petersburg begeben; auch ein Besuch von Nabokovs Gymnasium, der Tenischew-Schule, steht auf dem Programm. Außerdem wurde vor zwei Jahren eine Sommer-Akademie eingerichtet, bei der Studenten, Doktoranden und Nabokov-Forscher aus aller Welt zusammenkommen, um die letzten Geheimnisse im weit verästelten Oeuvre des Autors zu entschlüsseln.

Wer nun in der Bolschaja Morskaja das „Haus aus rosa Granit mit Fresken und anderen italienisierenden Ornten“ („Erinnerung, sprich“) betritt, in dem die Nabokov-Gedenkstätte seit 1997 untergekommen ist, wird zunächst enttäuscht. Nur das Erdgeschoss ist Museum, im ersten Stock residiert eine Zeitungsredaktion, eine Besichtigung ist nur nach Anmeldung möglich. Der zweite Stock, in Nabokovs Büchern durchgehend als drittes Obergeschoss bezeichnet, bleibt dem Besucher ohnehin verschlossen. Wieder ist er auf die Aufzeichnungen des Autors angewiesen, und aus denen geht immerhin hervor, dass die Nabokovs, eine liberal gesinnte Adelsfamilie mit ausgeprägt antizaristischer Tendenz, das stattliche Haus alleine bewohnten. Das heißt, zusammen mit dem Personal, zu dem unter anderem ein Pförtner und ein Chauffeur zählten.

Durchsichtige Dinge

Zu dessen Aufgaben gehörte es, Vladimir frühmorgens zur Schule zu bringen und mittags dort wieder abzuholen. Eine Aufgabe, die heikler war, als man vermuten möchte. Denn erstens war der verwöhnte, frühreife Aristokratensohn, der bereits im zarten Alter von sechs Jahren perfekt Englisch lesen und schreiben konnte, häufig ein ziemlich unleidlicher Fratz, der sich einen Spaß daraus machte, das Personal zu foppen. Außerdem galt es, das Zur-Schule-Bringen mit größter Diskretion zu erledigen, um nicht die Missgunst der Mitschüler herauszufordern. Der „Benz oder Wolseley“ hielt ein paar Ecken vom Tenischew-Gymnasium entfernt, wo Vladimir dann ausstieg und sich der Schule in plebejischer Manier zu Fuß näherte.

Die reine Freude war es nicht, den jungen Herrn Nabokov zur Schule zu kutschieren. Denn er war nicht nur übermütig und versnobt, sondern auch stets bereit, seinen federnd-eleganten Stil dadurch zu vervollkommnen, dass er rasche, witzig-karikierende Capriccios von Menschen aus seiner nächsten Umgebung zeichnete. Etüden am lebenden Objekt sozusagen.

So überreich indes Nabokovs Werk an Motiven und erzählerischer Fantasie ist, so ärmlich wirkt die Petersburger Gedenkstätte. Es empfiehlt sich daher, eins von Nabokovs Büchern mit auf den Rundgang zu nehmen, als Vademecum und Inspirationsquelle gegen den sanften horror vacui, den die kaum möblierten, mit wenigen Nabokov-Utensilien bestückten Räume vermitteln.

Gewiss, der Kneifer ist zu sehen, den der Meister an seinem Schreibpult im Hotel in Montreux trug, eine Visitenkarte (in Russisch), daneben die englischsprachige Erstausgabe der „Durchsichtigen Dinge“, Bleistifte und die mit ihnen redigierten Manuskripte, sein Buch über Lermontow, dazu eine Handvoll Fotos, die Nabokov inmitten seiner vielköpfigen Familie zeigen, sowie einige autobiographische Texte, die unmittelbar mit St.Petersburg zu tun haben. In anderen Räumen finden sich ein paar verstreute Filmplakate oder aber die Ausstellung eines russischen Künstlers, die mit Nabokov kaum etwas zu tun hat.

Zwischen den Welten

Viel Materielles, das macht dieses Haus deutlich, ist nicht geblieben vom Schriftsteller Nabokov, der, seiner Petersburger Wurzeln beraubt, nie mehr so richtig heimisch werden konnte, weder in den USA noch in Berlin noch in der Schweiz. Und der sich schon früh entschlossen hatte, das unstete Leben eines Kosmopoliten zu leben. Am Ende, mit den Tantiemen von „Lolita“, eine Existenz im Hotel am Genfer See.

Und so fällt dem Besucher im Geburtshaus von Vladimir Nabokov ausgerechnet ein Satz von Novalis ein: Wohin gehen wir ? - Immer nach Hause.

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