Kultur : Der Tagesspiegel

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Von Caroline Fetscher

Es gehe ja hier derart freundlich zu, staunt Serbiens Vizepremier Zarko Korac mit milder Ironie, als verhandle man die Zukunft der Wale. Geraschel und Gelächter am großen, runden Tisch. Es geht ja keineswegs um stumme, friedliche Meeressäuger. Sondern um die Zukunft des „Balkan“, der ein knappes Jahr nach Milosevics Fall und sieben Jahre nach Dayton noch immer Objekt pausenloser Verhandlungen ist.

So scharten sich letzte Woche etwa 50 hochrangige Gäste um das hölzerne Oval in einem Sitzungssal im Altbau des Auswärtigen Amtes, das gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung und dem Münchner Center for Applied Policy eingeladen hatte. Die Koffer hatten sie in Albanien oder Serbien gepackt, in Kroatien, Kosovo, Montenegro, Rumänien, Slowenien und Mazedonien. Jeder der Politiker, Experten, Professoren aus „der Region“ trägt im Gepäck seine eigene Geschichte – von neuer und alter Hoffnung, von Verzweiflung, zersprungenen Freundschaften, Exil, Kompromissen, Angst und Kämpfen. Der runde Tisch soll die scharfen Kanten symbolisch glätten und eine Kooperation und Gleichrangigkeit suggerieren, die erst entsteht – zunächst in den Köpfen.

Die Organisatoren Stefani Weiss, Wim van Meurs und Frank Herterich hatten der nichtöffentlichen, informellen Konferenz den Arbeitstitel „Integrating the Balkans“ verliehen. Unter der schützenden Kuppel der Diskretion nach außen soll intern alles möglich sein – Brainstorming, Vorschläge, Vorwürfe, Fragen. Zarko Koracs Worte darf man dennoch erwähnen. Der bärtige Belgrader Professor für Psychologie – er stammt aus einer jüdischen Familie und zählte zu den erklärten Milosevic-Gegner – zeichnet ein treffendes Bild der Atmosphäre: Gemäßigt gehe es zu, fast verdächtig ruhig. Schon im vergangenen Sommer hatte Bertelsmann einen solchen „Berliner Kongress“ zusammengerufen. Wo damals Emotionen und Wortgefechte dominierten, wann immer es um heiße Eisen ging – Staatsgrenzen, Versöhnungsgesten, finanzielle Ansprüche – ist die Stimmung jetzt fast zu sachlich, um wahr zu sein. Von Nüchternheit und der Einsicht in das Notwendige spricht nicht nur die wortgewandte Kroatin Romana Vlahutin aus dem Zagreber Wirtschaftsministerium, eine von acht weiblichen Gästen im Saal. Ihr Tenor gilt für die meisten: Lieben müssen wir uns ja noch nicht – aber ohne Zusammenarbeit kommen wir einfach nicht weiter.

Lebensmittel statt Zäune

Ganz gleich, was geschehen ist, es muss vorangehen in „The Region“, wie das Balkangebiet auf Konferenzen gern genannt wird. Keines der Zerfallsprodukte Jugoslawiens kann einen Zaun um sein Territorium ziehen, Kooperation in der Wirtschaft und auf dem Energiesektor sind unerlässlich. Die Kinder müssen zur Schule gehen, Strom soll aus den Steckdosen fließen, Lebensmittel sollen die Regale füllen – jetzt. Auf die Krisenkonferenzen mit Beschlussmacht – London, Dayton, Rambouillet – folgen nun Hunderte kleinerer, formelle und informelle. In Athen, Berlin, Brüssel, Budapest, Bukarest, Crans Montana, Zagreb – überall wird getagt. Von Uno und OSZE zur International Crisis Group, den Parteienstiftungen und Planungsstäben bis zu Menschenrechtsorganisationen und Wirtschaftsinstitutionen, alle laden ein.

Während man in Berlin diskutierte, saßen in Sarajewo erstmals die drei bosnischen Präsidenten mit dem serbischen, Vojislav Kostunica, und dem kroatischen, Stipe Mesic zusammen, der übrigens am Mittwoch auf Einladung der Adenauerstiftung Berlin besucht. In Sarajewo hatte man das heißeste Thema ausgeklammert: eine Entschuldigung Serbiens bei den Bosniern. Wie in Berlin ging es um das angelsächsische Mantra der „International Community“: Democratisation, Negotiation, Cooperation, Stabilisation, Consolidation, Clarification, Integration, Privatisation – die Abstrakta und Akronyme nehmen kein Ende. Sie bilden eine Endlosschleife, wie die diplomatischen Beschwörungen von „win- dows of opportunity“ oder „good will“. Damit die gemeinsame Tischdecke ausgebreitet werden kann, bleibt das persönliche Gepäck meistens im Koffer.

Montalbanien oder Serb-Ukraine

Conferre bedeutet: zusammentragen. Jedes dieser diplomatischen Treffen, die von Militärs etwa der Nato gelegentlich als „Plauderei“ abgetan werden, hat seinen Wert – wenngleich nicht messbar. So spricht der stets aufgeräumt wirkende Österreicher Erhard Busek als Chef des in Brüssel angesiedelten „Stabilitätspaktes für Südosteuropa“ in Berlin davon, dass er mehr Aktivitäten in die Region verlagern möchte, wo Kosovos neuer Premierminister Bajram Rexhepi den Serben „gute Nachbarschaft verspricht“. Von den vielbeschworenen ethnischen Spannungen ist im Kreis der tonangebenden Elite nichts zu spüren. Um das „Ethnische“ war es ja in Wahrheit nie gegangen, das war eine kollektive, manipulative Konstruktion. Es ging um Macht. Um Territorien, Posten, Prestige, Grenzlinien, Energie, Rohstoffe, Industrieanlagen, um symbolische Aufwertungen und Ansprüche auf historische Deutungshoheiten, um Erbrechte, Staatsschätze, Zugang zu Häfen, Flughäfen, Steuern, Zöllen. Themen und Konfliktfelder haben sich nicht aufgelöst – aber die Einsicht, dass mit Gewalt nichts mehr zu gewinnen ist, hat sich durchgesetzt, auch dank solcher Konferenzen.

Für den Balkan hat sich die Welt nach dem 11.September drastisch verändert. Er ist nicht mehr der diplomatische Augapfel der internationalen community, Xavier Solana beeilte sich etwa, zwischen den auseinanderstrebenden letzten Republiken Jugoslawiens ein Agreement zu basteln, das dem Staatengebilde bald den n „Serbien und Montenegro“ verleiht. „Ein Zwitterwesen", hatte Montenegros Außenminister Lukovac das genannt, und sein Amt im Frühjahr abgegeben. Stabilität hätte das bringen sollen in Montenegro, doch die Regierung kriselt wie kaum zuvor. Unzufrieden mit dem Status quo sind auch die Kosovo-Albaner, denen nach wie vor ein eigener Staat vorschwebt.

Unter der Regie von Belgrad wollen viele „nie wieder“ leben. Die Uno lässt sich Zeit mit der Statusfrage, Kostunica beharrt auf dem Anspruch aufs Amselfeld, doch ohne Säbelrasseln. Weder diese Frage, noch die Kooperation mit dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag - von der keine Partei viel hält, sobald es sie betrifft - kommen zur Sprache. Fast scheint es wichtiger, dass neben dem neuen Pragmatismus die Aussicht auf Anbindung an die EU und der Wunsch, die organisierte Kriminalität einzudämmen, alle inspiriert. Die klarere Tonlage bei „Integrating the Balkans“ ist ein Hoffnungszeichen.

Beim Abendessen werden vergnügt neue Staaten gegründet, ewa Montalbanien oder Serb-Ukraine. Ausgelassen ernennen sich die Staatschefs gleich selbst, und im Lachen über die spontane Persiflage der territorialen Großprojekte der Vergangenheit löst sich für ein paar Augenblicke alle Bitterkeit auf. So könnte es sein: Dass Staatsgrenzen weniger wichtig sind als die gemeinsame Erfindung und Entwicklung der Zukunft. Dann können die kleinen Länder unabhängig werden, als kooperative, akzeptierte Nachbarn.

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