Kultur : Der Tagesspiegel

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Von Eva Karcher

Der Berg im Zaubertal errötet mit betörend schimmerndem Apricot-Rouge. Ursache des Alpenglühens sind jedoch nicht die Witzeleien, die die versammelten Experten des Nationalen Ethikrats auf ihrer ersten öffentlichen Tagung zum Thema „Genetik und die Zukunft des Menschen“ in ihre Vorträge einstreuen. Nein, das Abendlicht eines herrlichen Sommertages ist es, das die Wettersteinwand perlmuttfarben überhaucht: das 2700 Meter hohe, kalkweiße Steinmassiv bei Garmisch-Partenkirchen. Hier steht das denkmalgeschützte, 1916 erbaute Schloss Elmau mit seinen 150 Gästezimmern, drei Konzertsälen, zwei Schwimmbädern und hohem kulturellen Anspruch.

Wie sehr an diesem idyllischen Ort manchmal für öffentlichen Zündstoff gesorgt wird, hatte im Juli vor drei Jahren der Philosoph Peter Sloterdijk mit seinem polemischen Vortrag „Regeln für den Menschenpark“ bewiesen. Dieses Mal ist ein deutlich um Konsens bemühtes Gremium aus drei Naturwissenschaftlern, zwei Philosophen und zwei Rechtsgelehrten zusammengekommen, immerhin sieben des aus 25 Spezialisten bestehenden, von Bundeskanzler Gerhard Schröder vor einem Jahr erstmals zusammengerufenen Nationalen Ethikrats. Seitdem spielte die Kommission eine bemerkenswert unpopuläre Rolle in der Öffentlichkeit. Von Anfang an wurde sie als Erfüllungsinstrument der Bundesregierung verdächtigt, als einmal monatlich hinter verschlossenen Türen tagende Institution, die demokratische Prozesse eher hemmt als fördert.

Im Dezember 2001 hatte der Rat mehrheitlich für einen an strenge Bedingungen gebundenen Stammzellen-Import votiert; das entsprechende „Gesetz zur Sicherstellung des Embryonenschutzes“ trat vor drei Wochen in Kraft. Ihr belastetes Image versuchen die Rats-Mitglieder in Elmau nun zu korrigieren, indem sie nochmals ihre zum Teil unterschiedlichen Positionen darstellen. „Mein Mann hätte gern, dass unser Kind so Augen bekommt wie diese Radkappe von meinem Mann seinem ersten Kadett“: Mit Cartoons illustriert der Molekularmediziner Jens Reich den diffusen Angstschatten im Hintergrund aller Publikums-Debatten über Gentechnik, zu der die Forschung an embryonalen Stammzellen und deren Import ebenso zählt wie die In-vitro-Fertilisation, die Präimplantationsdiagnostik und das Klonen.

„Dürfen, sollen wir uns selbst designen?“, lautet die bange Schlüsselfrage, die Jens Reich ebenso wie seine Kollegen Detlef Ganten und die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard souverän in den Bereich hysterischer Rhetorik verweisen. „Für sehr unwahrscheinlich“ hält Reich das reproduktive Klonen beim Menschen. Nüsslein-Volhard offenbart derweil, dass „wir durch die bloße Entzifferung des Genoms den Menschen nicht nach Wunsch neu entwerfen können“. Und Ganten resümiert lapidar: „Unter der Voraussetzung, dass wir die bioethischen Grundprinzipien wahren, müssen wir aus medizinischen Gründen embryonale Forschung machen.“

Andere sind da wesentlich ungenierter. Verglichen mit China, den USA oder Großbritannien ist das deutsche Gesetz restriktiv. Es erlaubt den Import von menschlichen embryonalen Stammzellen ausschließlich in Fällen künstlicher Befruchtung, wenn zudem klar ist, dass sie nicht mehr der Erfüllung eines Kinderwunsches dienen können, also überzählig sind und das Forschungziel eine medizinische Perspektive hat. Der Strenge dieser Regelung entspricht übrigens auch die aktuelle Entscheidung des Europäischen Patentamts. Dieses widerrief am gestrigen Mittwoch sein umstrittenes Patent zur Züchtung embryonaler Stammzellen: Der Erfinderschutz, so die Begründung, hätte aus ethischen Gründen nie erteilt werden dürfen.

Während Nüsslein-Volhard die Forschung durch das deutsche Gesetz „blockiert“ sieht und fordert, in Deutschland „selbst Stammzellen zu schaffen“, verteidigt der ehemalige Bundesminister Hans-Jochen Vogel in Elmau unverdrossen seine Überzeugung, die Verschmelzung von Samen und Ei sei der Zeitpunkt, von dem an der Embryo vollen Menschenwürde- und Lebensschutz genießen müsse. Mit der Formel „aus Zeugung wird Erzeugung“ umschreibt er sein Unbehagen an Praktiken der In-vitro-Fertilisation wie der Präimplantationsdiagnostik, der Untersuchung des durch künstliche Befruchtung erzeugten Embryos vor seiner Verpflanzung in die Gebärmutter. Unlängst habe sogar der Ethikrat von US-Präsident Bush festgestellt, so Vogel, dass Klonen einen radikalen Schritt von der sexuellen zur asexuellen Zeugung bedeute. „Ein Lebewesen wird so zum Produkt, die Grenzen zwischen Person und Ware verwischen.“

Dabei füllt der Philosoph Volker Gerhardt das ethische Vakuum, das Vogel skizziert, nur ungenügend mit der Maxime, der Mensch sei „erst auf der Welt, wenn er geboren wird“. Außerdem, so Gerhardt, werde „nur der ein Mensch, der die genetischen Bestandteile seiner Eltern hat“. Als solcher, so der Nietzsche-Kenner, solle sich der Mensch „als Mittel und Zweck zugleich“ behandeln. Gerhard vertraut auf den „gesunden Menschenverstand“ als ausreichende Moralinstanz und verteidigt Selektion mit dem Argument, sie sei dann nicht diskriminerend, wenn sie „nach Kriterien der Freiheit und Gleichheit“ erfolge. Diese Erkenntnis krönt er mit dem Blondinen-Umkehrwitz: „Wenn ein weißer Mann alles daran setzt, mit einer Rothaarigen ins Gespräch zu kommen, mag das für seine blonde Nachbarin enttäuschend sein, diskriminiert ist sie damit nicht.“ So what?

Differenzierter als Gerhardts Statement zum Verhältnis von Ethik und Politik – „der Staat kann Missbrauch verhindern, nicht das Handeln des Einzelnen moralisch beurteilen“ – klingt das Konzept eines „gestuften vorgeburtlichen Lebensschutzes“ des Rechtsphilosophen Horst Dreier. Er plädiert für ein „nicht abnehmendes Lebensrecht“ auch in der Embryonenforschung. Embryonale Stammzellen seien „nie nur Rohstoff“, aber es müssten Erwägungen zugelassen werden, die zum Eingriff in frühembryonales Leben führen könnten. Recht definiert Dreier als „ethisches Minimum“ und Geburt als „Moment totaler Fremdbestimmung".

Falls diese Pointen provokativ gemeint sind, verfehlen sie ihre Absicht. In Elmau stellt sich der Nationale Ethikrat als wenig kontrovers dar. Etwas mehr Dissens, wie Gastgeber Dietmar Müller-Elmau anmerkt, hätte der Veranstaltung gutgetan. Am Ende der Tagung rechtfertigt die Juristin und ehemalige Staatssekretärin Kristiane Weber-Hassemer die Ethikkommission mit dem Satz: „Jede Sicht ist notwendig, aber auch unzureichend.“ Der Ethikrat wird sich weiter darum bemühen müssen, von der Öffentlichkeit akzeptiert zu werden.

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