Kultur : Der Tagesspiegel

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CITY LIGHTS

Lange, bevor es den Begriff „politisch korrekt“ gab, war der amerikanische Stand-Up-Komiker Lenny Bruce (1925 - 1966) politisch unkorrekt. Er teilte gegen jeden aus, also nicht nur gegen bequeme Ziele wie den Staat oder die Kirche, sondern ausgerechnet gegen aufgeklärte Zeitgenossen, gegen Liberale, die Toleranz predigen. Frauen, Schwarze, Schwule – niemand war vor ihm sicher. Bruce parodierte sogar Jacqueline Kennedy, die sich schützend über ihren ermordeten Mann John F. beugte. Das aktuelle Gegenstück zu ihm ist der Musiker Eminem. Lenny Bruce brachte es fertig, aggressiv und humorvoll zu sein. Für ihn war es nur wichtig, dass das Publikum reagiert – ob mit Lachen oder Empörung, erschien ihm zweitrangig. Dank seiner nicht selten von Polizei-Razzien unterbrochenen Nachtclub-Auftritte wurden Tabus entdeckt, die niemand bis dahin registriert hatte. Sein früher Drogentod hat zu einer etwas sentimentalen Sicht auf ihn geführt, der sich auch der „Cabaret“-Regisseur Bob Fosse nicht ganz entziehen konnte. In Lenny (1974) spielt Dustin Hoffman den rücksichtslosen Provokateur als missverstandenen Kämpfer für die freie Rede. Die historische Korrektheit wurde der politischen geopfert – und das in den siebziger Jahren, als man in Hollywood noch radikale, subversive Filme drehen konnte. Bei Fosse beleidigt Bruce Minderheiten nur, um sie auf ihre Unterdrückung hinzuweisen. Das schadenfrohe Lachen soll befreien. Dennoch beeindruckt Fosses in Schwarzweiß fotografiertes Dokudrama als Zeitdokument. Selbst der entschärfte Lenny Bruce lässt wehmütig an eine Zeit zurückdenken, in der Mainstream und Gegenkultur dicht beieinander lagen (Freitag im FT am Friedrichshain, Montag im Thalia Babelsberg).

Zu den wenigen Filmregisseuren, die Hollywood-Großproduktionen mit subversiven Einfällen bereichern, gehört der Holländer Paul Verhoeven (Jahrgang 1938), dessen Science-Fiction-Spektakel Starship Troopers erst fünf Jahre alt ist und doch schon aus einer anderen Epoche zu stammen scheint. 1997 hagelte es Militarismus- und Faschismus-Vorwürfe, die Kritik war sich nicht einig, ob Verhoeven mit rechten Symbolen spielt oder ihnen huldigt. Der Angriff von riesigen Metall-Spinnen hat in seiner Adaption von Robert A. Heinleins Roman die Aussetzung elementarer Menschenrechte zur Folge. Der Star des Films, Casper Van Diem, sieht aus wie ein Coverboy der Nazi-Postille „Volk und Rasse“. Ganz enträtseln wird man den technisch herausragenden, ideologisch fragwürdigen Film nie. Und das spricht für ihn. Nichts ist langweiliger als eine eindeutige Botschaft (Sonntag im Babylon Mitte).

In einem ähnlichen pseudo-dokumentarischen Stil hat der Brite Peter Watkins dargestellt, wie Großbritannien nach einem Atomkrieg aussehen könnte. Die BBC gab ihm dafür Geld, wollte den 47-minütigen Film The War Game (1966) jedoch nicht ausstrahlen. Zu groß war die Verstörung; seine Premiere erlebte das Werk auf dem New Yorker Filmfestival. Der Abwurf einer Bombe über der Stadt Kent ist eine biologische Katastrophe, die Watkins breit ausmalt, doch der Regisseur interessiert sich auch für die Ignoranz der Politiker, Wissenschaftler und Bürger. Deren Aussagen in (fiktiven) Interviews sorgen noch heute für eine Gänsehaut (heute im Arsenal). Frank Noack

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