Kultur : Der Tagesspiegel

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Auf einem abgebrochenen Betonklumpen steht mit blauem Filzstift „F-SO-13-h“. „Hier geht nichts verloren", sagt Frank Schneemelcher, Chef der gleichnamigen Quedlinburger Glaswerkstatt im Harz. Wie ein kostbares Fundstück dreht er den Beton in der Hand, der aus dem realsozialistischen Wandfries am Haus des Lehrers stammt. Mit sicherem Tritt umkreist er die auf dem Brettergerüst herumliegenden Teile, schiebt mit einem Fuß einen grünen Glaswürfel zur Seite, der die Größe eines Päckchens Frischhefe hat. Seine Firma ist seit März mit der Restaurierung der 125 Meter langen und knapp sieben Meter breiten „Bauchbinde“ beauftragt, wie der von Walter Womacka entworfene Wandfries genannt wird. „SO“ steht für Südost, die dem Alexanderplatz abgewandte Seite. In mehreren tausend Teilen soll das farbenfrohe Relief von 1963 abgetragen werden, was man sich wie ein riesiges Puzzle vorstellen muss. Der gesamte Fries wird zunächst mit einer mehrlagigen Papierschicht eingedeckt und mit einem Raster versehen: erst in Quadratmeter, dann in 50- und schließlich in 25-Zentimeter-Quadrate. Wiedereröffnet werden soll das Haus Silvester 2003 als „Berliner Congress Center“.

Das Mosaik besteht zu 60 Prozent aus Glas. Der Rest ist Keramik und Aluminiumschichten. Materialien, die in den sechziger Jahren als innovativ galten. „Man wollte etwas Gegenwärtiges“, beschreibt Womacka lakonisch den Auftrag des DDR-Kulturministeriums. Der von ihm konzipierte Entwurf zeigt die Ikonen des realsozialistischen Lebens: Eine Frau mit einem Kind im Arm unter einem Baum als Sinnbild für die Generationen, die im Sozialismus heranwachsen werden. Daneben Schulkinder. Auf der anderen Seite Arbeiter und Bauern unter strahlender Sonne. „Die Wissenschaft spielte eine dominierende Rolle“, sagt Womacka. Ihr ist die Nordseite gewidmet, wohingegen auf der Südseite Künstler mit Stahlarbeitern diskutieren. Für die Kunst habe die DDR immer viel getan, sagt der ehemalige Staatsmaler, der drei Mal den DDR-Nationalpreis bekam. Im Mittelpunkt seines Mosaiks steht der verordnete Optimismus: Die Frau hält eine Friedenstaube in der Hand, der Arm des Mannes greift in eine Atomspirale – der Anfang der Nuklearwissenschaft. „Damals gab es noch diesen Glauben an die Zukunft“, seufzt Womacka. dhu

Abb.: Architekturbüro Dahm

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