Kultur : Der Tagesspiegel

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Blut ist ein ganz besondrer Saft, meinte Mephisto im „Faust“. Da aber irrt der Teufel, denn es fließt in Strömen. Auch in Europa oder letzten September in der Hochburg der Neuen Welt: also dort, wo Kriege, Massenmord oder gewaltige Naturkatastrophen seit ein, zwei Generationen nur noch Nachrichten aus ferneren, ärmeren Erdteilen zu sein schienen. Doch seit mit dem überwiegend friedlichen Fall des Eisernen Vorhangs zwar nicht das Ende der Geschichte, aber das Ende der Großgewalt eingeläutet wurde, spielen die blutigen Gespenster der (vermeintlichen) Vergangenheit wieder auf zum neuen Todestanz. Kein Wunder, dass auch Schriftsteller und Künstler neuerlich reagieren.

Erinnern wir an ein paar Merkzeichen. Zu ihnen gehören die Beobachtungen des Berliner Romanciers und Publizisten Hans Christoph Buch „Blut ist im Schuh. Schlächter und Voyeure an den Fronten des Weltbürgerkriegs“ (in Hans Magnus Enzensbergers „Anderer Bibliothek“, Eichborn Verlag, 346 Seiten, 25 Euro). Buch hat seine oft beklemmend eindrucksvollen Reportagen aus Gewalt- und Terrorgebieten in Schwarzafrika, Kambodscha, Haiti oder dem Balkan, meist geschrieben für die „Zeit“, nicht einfach nur zu einer Anthologie des Schreckens verbunden. Er kontrastiert die Texte, beleuchtet noch vom 11. September und dem Afghanistankrieg, mit einem in vier Teilen durch das Buch gestreuten neuen Essay mit dem Titel „Laokoon oder Die Grenzen von Journalismus und Literatur“. Anspielend auf Lessings „Laokoon“-Aufsatz, reflektiert Buch so spannend wie gelegentlich selbstkritisch die eigene Rolle und Moral als ein vom Blutvergießen entsetzter und doch auch unvermeidlich faszinierter Zuschauer: Zwiespalt und Lockung für alle großen Kriegsreporter, von Hemingway früher bis heute zum Fotografen James Nachtwey. Mit dieser medialen schriftstellerischen Selbstreflexion misst Buch auf seinen immer neue Reisen ins Herz der Finsternis auch gleichsam den Puls des Lesers, des Fernsehers – dem der alltägliche Horror nun doppelt näher kommt.

„Gewalt“ ist das Titel-Thema auch des bereits im März erschienenen Kursbuchs (Heft 147, Rowohlt Berlin, 173 Seiten, 9 Euro). Da reichen die Essays vom Krieg an sich oder der Todesstafe in all ihren neueren, moderneren Formen bis zur „Blutigen Ehe“ oder „Frauen im Militär“. Den schönsten der allemal lesenswerten Texte zum unschönen Thema hat freilich Tilman Spengler geschrieben. Sein Stück heißt schlicht „Schläfer“, und das sind sechs Kurzstücke auf der Grenze von Essay und Erzählung: romantisch hellsichtige Träume vom allerneuesten Typus des Terroristen, der in jedem Biedermann und Nachbarn lauern mag – also unter jeder Schlafmütze. Das ist unheimlich, und auf Spenglers sanfte, kluge Weise auch witzig.

Der hier abgebildete Wundenmann aus einer Anatomie des 15. Jahrhunderts entstammt einem neuen Standardwerk des ns „Blut“, Untertitel „Kunst, Macht, Politik, Pathologie“, herausgegeben von James Bradburne und Cornelia Reiter (Prestel Verlag, München, 272 Seiten, 390 Abb., 49,95 Euro). Es war zugleich der Katalog einer „Blut“-Ausstellung Anfang des Jahres in der Frankfurter Schirn: materialreiches, Kunst- und Sozialgeschichte vereinendes Panorama des Lebens- und Todeselexirs in 15 Jahrhunderten, von der christlichen Ikone, von Märtyrern und Vampiren bis zur Benetton-Werbung. PvB Foto: Wellcome Library London

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