Kultur : Der Tagesspiegel

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Zerreißen

ROCK

Eigentlich ist die Alte Kantine der Kulturbrauerei viel zu klein für diese Band. In ihrer Heimat Russland bringen Auktion ausverkaufte Hallen binnen Minuten zum Kochen. Doch in Berlin, der mittlerweile größten russischen Stadt außerhalb der GUS und Israels, kommen nur wenige Hundert zu ihrem Gastspiel: Fast ausschließlich Exilrussen. Was schade ist, denn Auktion ist die wahrscheinlich beste und originellste Gruppe, die der Ostblock jemals hervorgebracht hat. Die Multiinstrumentalisten um Songschreiber Leonid Fedorow sind musikalisch so schwierig einzuordnen wie einst The Mothers of Invention von Frank Zappa. Versuchen wir es dennoch: Wäre die Bezeichnung nicht zum Schimpfwort herabgesunken, müsste man ihren Stil entschlackten Progressive Rock nennen. Die Schwäche russischer Rockmusik, Einflüsse aus drei Jahrzehnten in epischen Klanggemälden auszubreiten, haben sie erstaunlicherweise ins Positive gewendet. Ihr Sound bleibt trotz improvisatorischer Ausflüge in Atonales stets kompakt, transparent und treibend - darin ähneln sie auch den frühen King Crimson. Eine tragende Rolle spielen dabei Instrumente, die seit der kurzen Mesalliance von New Wave und Jazz in der Popmusik kaum noch eingesetzt werden: Blechbläser. Auf der winzigen Bühne treten sich die acht Mitglieder gegenseitig auf die Füße, weil sie zu Auftritten stets eine halbe Musikalienhandlung anschleppen. Aber das sind sie von Wohnzimmerkonzerten in der Sowjetära gewohnt. Und ihre Vertonungen der avantgardistischen Lautpoesie von Velimir Chlebnikow, des russischen Kurt Schwitters, klingen zeitlos schön. Oliver Heilwagen

Zusammenfalten

TANZ

Die mechanische Stimme des Navigationssystems schallt durch den Raum: „Nach 500 Metern links abbiegen! An der nächsten Ausfahrt rechts abbiegen, dann links!“ Eine Orientierungshilfe ist vonnöten: Pappstreifen, die an Drahtseilen von der Decke hängen, verwandeln die Bühne in ein Labyrinth. Fünf Tänzer bewegen sich wie ferngesteuert, falten mit hektischen Bewegungen riesige Kartons zusammen und werfen sie einander zu. Im nächsten Moment verschwinden Mann und Frau in einer selbstgebauten Höhle, er hält sie in seinen Armen und es wirkt, als schwebe sie – bis er sie gegen die Kartonwand stößt und diese zusammenkracht. Akrobatik, Versteck- und Kinderspiel - all das ist dieser Kampf, bei dem die Beteiligten ständig drohen, das Gleichgewicht zu verlieren und sich doch im letzen Moment wieder fangen. „Schmetterlingsdefekt“ heißt das neue Stück der wee dance company und es lebt von der verspielten, ironischen Körpersprache der Tänzer. Mit subtilem Witz bringen sie das Publikum in den Sophiensälen zum Lachen (30.7. sowie 2. bis 4.8., 21 Uhr); lassen Stolz, Sehnsucht, Neid und Ziellosigkeit aus ihren Bewegungen sprechen. Da küssen sie sich in einem Moment, um dann im nächsten ihre Ansprüche geltend zu machen. Ein Platzkampf beginnt, die Sitznachbarin soll mit wildem Hin- und Hergeschaukel von ihrem Sockel gestürzt werden. Doch in Sachen Selbstbewusstsein siegt die schwangere Tänzerin: Stolz streicht sie über ihren nackten Bauch und betrachtet die flachen Bäuche der anderen. Voller Mitleid. Denise Dismer

Ertrotzen

KLASSIK

Zuhörer, die zwischen den Sätzen klatschen, werden von erfahrenen Konzertgängern oft zurechtgewiesen. Zu Unrecht! Wenn im Musikinstrumenten-Museum zwischen den Sätzen von Beethovens F-Dur Streichquartett Opus 59 Applaus aufbrandet, dann übt sich das Publikum nur in historischer Aufführungspraxis. Zu Lebzeiten des Komponisten ertrotzte man durch Klatschen sogar die Wiederholung ganzer Sätze einer neuen Komposition. Gelohnt hätte sich das auch hier: Das Ituriaga-Quartett spielt das Werk mit einer Extrovertiertheit und einem leidenschaftlichen Einsatz, der das Werk wie frisch komponiert erscheinen lässt. Die 1974 und ’75 geborenen Musiker lieben das kräftige Forte, doch ihre leidenschaftlichen Ausbrüche haben innere Spannung. So besonders im zweiten Satz, wo die Ituriagas trotz durchbrochener Arbeit, trotz stetem Weiterreichen der Motive von Stimme zu Stimme souverän den roten Faden spinnen. In Präzision und Intonationsreinheit steigern sich die Musiker sogar. So legen sie ein flammendes Plädoyer für das zweite Streichquartett von Günter Raphael ab, eines aus der Spätromantik zum Expressionismus heraustretenden Kompositionstalentes der Zwanziger, dessen Karriere die Nazis an ihrem hoffnungsvollsten Zeitpunkt verhinderten. Allerdings macht sich hier auch bemerkbar, dass dem 1996 gegründeten Quartett eine Ausdrucksnuance (noch) fehlt: Viel mehr als der Titel des dritten Satzes („Zart und innig") faszinieren die Musiker die originellen harmonischen Vexierspiele, die Raphael hier wagte. Und das flott angegangene Adagio aus Mendelssohn Bartholdys spätem f-moll Quartett wird zu keinem „Requiem auf Fanny": Ein zuckendes Motiv im Cello scheint den Musikern jedenfalls näher am Herzen zu liegen als die sich tränennass neigende Melodie des Satzbeginns. Carsten Niemann

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