Kultur : Der Tagesspiegel

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Ein gelber Schmetterling taumelt ein Rinnsal entlang. Plötzlich färbt sich das idyllisch plätschernde Nass rot – im Bach verblutet ein Soldat. Sekundenbruchteile später stecken Schmetterling wie Zuschauer fest in der Hölle des Zweiten Weltkrieges. Über zwei Stunden dauert das geschichtsträchtige Gemetzel der US-Amerikaner gegen die Japaner auf der Insel Saipan, inszeniert von keinem Geringeren als John Woo. War der Martial-Arts-Spezialist bislang ein Garant für ausgetüftelte Choreografie, Ästhetik und Action, konzentriert er sich in Windtalkers ausschließlich auf das Aufeinanderprallen simpler Gegensätze. Kurzen Ruhemomenten folgt bestialisches Schlachten, so ohrenzerfetzend bombastisch, als stünde man selbst in vorderster Front. Auf den Schockwellen von 280 Explosionen und 700 Spezialeffekten surft Woo direkt ins pulsierende Herz des Grauens, zeigt ein Töten und Sterben, dessen Realität in Zeiten von Computerkriegen und ferngesteuerten Raketen verdrängt worden ist.

Der Überdosis Gewalt ist die Story allerdings nicht gewachsen. Sie strotzt vor Klischees. Allen voran Hauptdarsteller Nicolas Cage (unser Bild, Foto: Foxfilms) in der Uniform des Marine Joe Enders. Spielt er nur lausig, oder muss einer so agieren, der wie Enders im „normalen“ Leben gescheitert ist? Doch gerade seine Durchschnittlichkeit lässt ihn zur perfekten Identifikationsfigur werden, zum passenden Mosaiksteinchen im Muster der mentalen Mobilmachung der USA.

Traumatisiert und verwundet vom letzten Gefecht, dürstet Enders nach der nächsten Schlacht. Beim Einsatz auf Saipan soll er nun zwei Navajo-Indianer beschützen, deren komplizierte Sprache einst ein nicht zu knackender Funkcode war. Ihr Leben und, noch wichtiger, den Code gilt es mit aller Konsequenz zu verteidigen. Widerwillig fügt sich Enders dem Auftrag, denn er hat so seine Ressentiments gegenüber Indianern. Dann keimt sie doch, jene pathetisch ewige Männerfreundschaft, die John Woo so gern inszeniert und die einen genauso erschaudern lässt wie dieses martialische Morden. Cristina Moles Kaupp

In Berlin in 16 Kinos, OV im CineStar im Sony Center

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