Kultur : Der Tagesspiegel

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CITY LIGHTS

Der Sommer im Kino ist auch die Zeit frostklimatisierter Kinosäle und wiederaufgewärmter Klassiker. „Casablanca“ wird gerade recycelt, im Arsenal gibt es Tarkowskij und das „Festival der Festivals". Auch in den „city lights“ werden diesmal Leckerbissen serviert, die eher altbekannte Hausmannskost sind als gewagte Neukreationen, doch immer wieder vorzüglich munden...

Der Klassiker unter den Klassikern bleibt Alfred Hitchcock, von dem diese Woche insgesamt sechs Filme in Berlin zu sehen sind. Neben einer Freiluft-Vorführung von Rear Window am Montag auf dem Potsdamer Platz ist das einer Reihe geschuldet, in der das Babylon viele oft und seltener gezeigte Werke des Regisseurs präsentiert. Zu den eher raren Filmen gehört dabei die frühe britische Schwarz-Weiß-Fassung von The Man Who Knew Too Much aus dem Jahr 1936, die neben dem 1933 emigrierten Peter Lorre als Schurken genüssliche Einblicke ins damalige hochalpine Wintersporttreiben bietet, das Alfred mit Alma bei den Flitterwochen in Sankt Moritz kennen gelernt hatte. (Freitag im Babylon Studiokino, Originalfassung).

Ein Regisseur, der zur Zeit nicht sehr hoch im Kurs steht ist der amerikanische Regisseur John Ford. Dafür sind seine Filme vermutlich einfach zu klassisch: Zu ernsthaft, um unbeschwert als Genrekost vernascht zu werden, zu zurückhaltend, um ironischen Camp-Status zu erlangen. Fords Epen statteten das konservative amerikanische Nationalgefühl für Jahrzehnte mit den passenden Illustrationen aus, sie haben Ikonen geschaffen, die auch außerhalb der Filme überlebten. In den so genannten Kavalleriewestern sind es vor allem Bilder soldatischer Männlichkeit in einer von außen bedrohten Gemeinschaft, wobei das Weibliche einen markanten doppelten Part übernimmt: Wenn Wayne in She Wore a Yellow Ribbon (1949) vor der Kulisse des Monument Valley am Grab der verstorbenen Ehefrau den Tagesrapport abliefert, tritt für uns sichtbar aus dem Hintergrund ihre jugendliche Reinkarnation ins Bild (Sonntag im Arsenal).

Ein fast echter Western ist Homi Wadias indischer Action-Klassiker Miss Frontier Mail (1936). Kühne Stunts, schnelle Pferde, die Eisenbahn und die Weiten der Prärie. Doch die ist im Osten und auf dem Pferd sitzt eine blonde Frau: Die indische Actiondarstellerin Fearless Nadia, die als Mary Evans in Australien geboren und in Indien zum Star wurde. Neben einer Einführung der Bollywood-Kennerin Dorothee Wenner gibt es als Vorfilm Wenners Happyend in Switzerland über die Herstellung indischer Filmromantik in der Schweiz. Dass ausgerechnet die Alpen zum Objekt indischer Sehnsucht werden, erstaunt, da in den Gebirgstälern Nordindiens doch Landschaften existieren, die der alpenländischen Kulisse täuschend ähneln. Sucht man das Vertraute in fremder Gestalt? Machen separatistische Aufständige das Film im heimatlichen Ladakh unmöglich? Oder gilt das frankenstarke Heidiland im asiatischen Subkontinent als Billig-Lohn-Land? Lassen Sie sich aufklären und amüsieren. (Samstag als Synergie-Produkt der „Film Connection“ mit der Bollywood-Reihe im Arsenal). Silvia Hallensleben

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