Kultur : Der Tagesspiegel

Das Musikleben Finnlands steht so gut da wie seine Bildung: Eindrücke vom 17. Avanti!-Festival in Porvoo Humppa!

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Von Carsten Niemann

In dem beschaulichen Hafenstädtchen Porvoo, 50 Kilometer von Helsinki gelegen, steht das Denkmal des finnischen Nationaldichters Johan Ludvig Runeberg. Sein Gehrock umschließt ihn in strengen und würdigen Falten, die Brust wölbt sich vor, als wolle er gleich die Stimme erheben: mächtig, halt „wie Runeberg“, um es mit dem finnischen Volksmund zu sagen. Runeberg freilich wusste beim Reden nicht, wohin mit seinen Händen. Und so bohrt sich der Daumen der rechten Hand stets ins Knopfloch seines Rocks – eine Geste, die in der Taubstummensprache heute „Porvoo“ bedeutet.

Wo fast jeder jeden kennt, ist der Eindruck einschüchternder Größe schwer durchzuhalten. Der finnischen Kunst gereicht das nicht zum Schaden. Welch sympathische Symbiose aus künstlerischer Ambition und nachbarschaftlicher Nähe entstehen kann, zeigt das andere große kulturelle Aushängeschild Porvoos: Das sommerliche Festival des Avanti!-Kammerorchesters, das bereits zum 17. Male stattfand.

Das Avanti!-Ensemble wurde 1983 von Esa-Pekka Salonen und Jukka-Pekka Saraste gegründet: Beide gehören heute zu den internationalen Spitzen ihrer Zunft. Als Spielorte wählten sie den wikingerhaft auf das Wasser herabblickenden mittelalterlichen Dom von Porvoo sowie ein cool bröckelndes Fabrikgebäude nahe des Flusshafens. In den speziellen Geist des Festivals führte die Fotoausstellung „Avanti a Gogo“ ein, die man sich dieses Jahr parallel zu den zwölf Konzerten gönnte. Die Fotografen Stefan Bremer, Maarit Kytöharju und Heikki Tuuli zielten scharf auf die Musiker, mit genauem Blick für das unwillkürlich Komische, das Überdrehte leidenschaftlicher Kunstausübung. Der kurzärmlige Salonen, der im Überschwang die Arme absurd in der Luft verknotet, ist zu einer Ikone des Festivals geworden. Und wenn der stämmige Geiger und Dirigent John Storgards mit hintersinnigem Blick an die Spitze seines Bogens fasst, als prüfe er eine Degenklinge, dann steckt in diesem Schnappschuss eine Kurzbeschreibung seiner künstlerischen Persönlichkeit.

Als diesjähriger künstlerischer Leiter hatte Storgards auf Kontraste gesetzt. Zum einen legte das Ensemble mit der großartigen Streichergruppe eine Reihe niveauvoller Konzerte mit bekannten Stars hin (Schubert und Sibelius mit Altmeister Paavo Berglund). Zum anderen hatte man Helmut Lachenmann als Gast eingeladen. Der theoriemächtige deutsche Avantgardist, dessen Klangfantasie sich in der Auseinandersetzung mit der Tradition, im Spiel mit dem Verklingen, dem Nebengeräusch entzündet, sah sich von einer Reihe populärer nordischer Neutöner umgeben. So brachte der Jazz- und Rockgitarrist Raoul Björkenheim gemeinsam mit Storgards die Halle durch sein jazzig-locker, aber doch idiomatisch für Orchester geschriebenes Doppelkonzert zum Johlen. Und Jouni Kaipainens ausgedehntes Klarinettenquintett hielt seine Spannung nicht zuletzt deswegen, weil es mit genauem Blick auf die virtuosen Fähigkeiten des Solisten Kari Kriikku sowie des New Helsinki-Quartets geschrieben war.

Der Umgang mit lebenden Komponisten ist für das finnische Konzertpublikum schlicht eine Selbstverständlichkeit. Diese Neugier auf das Zeitgenössische kommt nicht von ungefähr: Nach dem Ende der Reparationszahlungen an die Sowjetunion war die finnische Kulturszene massiv unterstützt worden. Der jetzige PISA-Spitzenreiter investierte in ein breites Angebot kommunaler Musikschulen: Heute sind es 193 an der Zahl, die 38500 Schüler betreuen. Sie bilden die Grundlage für den erstaunlichen Reichtum des Fünf-Millionen-Volks an international gefragten Musikern: von Matti Talvela bis zu Soile Isokoski, vom Pianisten Olli Mustonen bis zum Multitalent Salonen, vom populären Einojuhani Rautavaara bis zu Kaja Saariaho, dem Aushängeschild kompositorischer Avantgarde.

Hinzu kommt eine breite Förderung von Chormusik, Festivals und Instrumentalensembles. Die finnischen Komponisten standen vor der Aufgabe, den Repertoire-Bedarf jenseits von Sibelius zu decken. Das gelang: Werke von Rautavaara, Sallinen oder Kokkonen haben eine Breitenwirkung erlangt, von der deutsche Komponisten nur träumen können. Neben ihnen finden auch Jüngere wie Magnus Lindberg – er war mit der Orchesterstudie „Corrente“ in Porvoo vertreten – den Draht zum internationalen Publikum: Der Publikumspreis des ersten Berliner YoungEuro-Classic-Festivals ging 2000 an ihn.

Helmut Lachenmanns Hintergrund ist ein anderer. Doch sein kritischer, ernster, „deutscher“ Umgang mit einer nicht nur musikalischen Vergangenheit erscheint faszinierend fremd in einem Land, das sich an einem heilen Selbstbild erfreut.

Wie aber soll man den finnischsten Beitrag des Festivals zur Tradition in Worte fassen? Wohl am besten, indem man schlicht „Humppa“ sagt. So wortmalerisch nennt sich jener in den Fünfzigerjahren aufgekommene Musikstil, dem sich die klassisch ausgebildeten Musiker einen Abend lang lustvoll verschrieben. Der Arrangeur Timo Hietala hatte entdeckt, dass diese finnische Bigbandmusik mit ihrer unbeschreiblichen Mischung aus Osteuropafolklore, Skandinavienfähren-Jazz, falsch verstandenem Rock und echtem Schmalz jede Stilrichtung in sich aufnehmen kann. Übersüße Kinderstimmen, ein grotesker Holzfällerbass mit Posaunenbegleitung, ein Sänger, der in Gummistiefeln „da schmolz zum Herz das Eis" sang, vornehme Vibraphonklänge und das Solo eines Provinzbarkeepers: In all dem schwingt sich das Drama halb gewollter, halb erlebter mondäner Lebensfreude in der finnischen Provinz zu tragigkomischer Größe auf.

Eindringlichster Moment des Abends: der über 70 Jahre alte Humppa-Veteran Vilho Vartiainen im Dialog mit dem Klarinettisten Kari Kriikku. Letzterer spielte seine schmalzige Kantilene mit einer Feinheit der Tongebung, dass sich die Grenzen zwischen Stilen, Generationen, Trash und Kunst auflösten: in jene finnische Größe, die mit dem Daumen im Knopfloch bestehen kann.

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