Kultur : Der Tanz, der aus dem Untergrund kam

Während der Apartheid verständigten sich schwarze Minenarbeiter in Südafrika mit dem „Gumboot Dance“. Ihre Show kommt jetzt nach Berlin

Sandra Luzina

Vincent Ncabasha weiß noch, wie alles anfing. Er steht im „Thabisong“-Jugendclub, die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Fast alle hier in Soweto, dem schwarzen Township von Johannesburg, tragen bunte Mützen. Der Jugendclub ist eine ärmliche Baracke, auf dem Steinfußboden liegen ein paar verrostete Hanteln. „Hier haben wir trainiert, und oft auch übernachtet, zu essen hatten wir nicht viel“, erzählt Vincent. Misses Maggie Makkhutu hat den Club 1974 gegründet, um die Jugendlichen vor der Kriminalität zu bewahren. Den Straßenkindern sollte ein Bewusstsein für die eigene Herkunft vermittelt werden. Sie bekamen Schauspielstunden und Unterricht in „Tribal Dances“ und im „Gumboot Dance“, dem Tanz der südafrikanischen Minenarbeiter.

Vincent und seine Freunde fanden Gefallen an diesem knochenharten Tanzstil, sie schlossen sich zu den „Rishile Poets“ zusammen, die Tanzschritte kombinierten mit Songs und Geschichten und traten in den Straßen von Soweto auf. Der wilde Haufen wurde entdeckt von Regisseur Zenzi Mbuli und Produzent Tale Motsepe. Die zwei darkies waren angetreten, es der von Weißen dominierten Theaterszene Südafrikas einmal zu zeigen. Mit „Gumboots“ schrieben sie eine einzigartige, inzwischen längst auch internationale Erfolgsgeschichte.

Auf der Bühne tragen Vincent und seine Kumpels die Uniform der Minenarbeiter: Kopftuch, Jeans und Gummistiefel. Die Stiefel gaben der Tanz- und Musikshow auch ihren Namen. Die „Gumboots“ sind mit Ketten aus Kronkorken präpariert, und wenn die Rasselbande über das Metallgerüst der Bühne steppt und stampft, wird sie zur donnernden Rhythmusmaschine. Das Musical „Gumboots“ verströmt rauen Arbeiter-Charme, zugleich ist dieses Spektakel sehr afrikanisch. Die Performer – neben den sieben Tänzern noch eine Live-Band – greifen die Geschichte der südafrikanischen Minenarbeiter auf, sie singen ihre Songs, die vom Bier handeln oder den Zügen, die die Schwarzen aus allen Teilen Südafrikas in die Minen von Johannesburg transportieren. Und es sind die unverwechselbaren afrikanischen Rhythmen und A-Cappella-Gesänge, die dieser Show eine eigene Farbe und besonderes Temperatur verleihen.

Die Ursprünge des Gumboot-Dancing liegen in den Goldminen Südafrikas. In den Jahren der Apartheid waren die schwarzen Arbeiter oft zwangsverpflichtet und von ihren Familien getrennt, sie durften sich nicht frei bewegen und arbeiteten unter Tage fast ohne Licht. Das Wasser stand ihnen oft bis zum Knie. Statt ein Entwässerungssystem einzurichten, rüsteten die weißen Minen-Eigentümer ihre Arbeiter mit Gummistiefeln aus. Den Minenarbeitern war es unter Tage strikt verboten, miteinander zu reden. Und sie kamen aus verschiedenen Stämmen und hatten keine gemeinsame Sprache. So entwickelten sie eine Art Morse-Code, um sich zu verständigen: durch Stampfen mit den Gummistiefeln, Rasseln mit den Ketten.

„Wenn wir nicht unter Tage waren, war immer Party“, sagt ein alter Minenarbeiter. Gumboot Dancing ist buchstäblich ein Tanz, der aus dem Untergrund kommt. Doch die Apartheid ist vorbei, aus dem Medium der Unterdrückten ist ein Manifest der Lebenslust geworden. „Wir haben viele Schmerzen durchlitten, aber wir feiern das Leben“, sagt Tale Motsepe. Bei einer Vorstellung in Johannesburg tobt der Saal. Es ist eine Männerwelt, die hier geschildert wird, deren Rituale mit drastischer Komik nachgezeichnet werden. Die Mädchen mit den kunstvollen Zopffrisuren johlen, wenn die Boys ihre Jacken ausziehen und ihre muskulösen Oberkörper zeigen. In „I’m too sexy for my boots“ wird der südafrikanische Machismo mit einem Augenzwinkern zelebriert. „Die Minenarbeiter waren stolz auf ihren Körper“, sagt Zenzi. Stolz und Selbstrespekt und eine gute Portion Selbstironie demonstrieren die Tänzer auf der Bühne. Das ist meilenweit vom weißen Körperkult entfernt.

„Es gibt so viel Talent auf der Straße“, erzählt Tale. Doch den schwarzen Künstlern fehlen meist Know-How und Kontakte. Zusammen mit Zenzi hat er das Unternehmen „Future Artists Empowerment“ gegründet, das „Gumboots“ 1999 in Südafrika herausbrachte. Der Erfolg war gewaltig. Danach holten Tale und Zenzi internationale Coproduzenten ins Boot. Heute tourt die Gumboots-Show um die ganze Welt. Die Tänzer aus Soweto behaupten sich erfolgreich neben australischen Tap Dogs, tackernden Iren und stampfenden Spaniern. Ihre Show ist zupackend und gut geerdet, nicht so steril wie andere Entertainment-Konfektion.

Politisches Pathos verbindet „Gumboots“ mit frecher Anmache. Heftig rasseln die Bühnen-Berserker mit den Ketten, am Ende werden die Fesseln abgelegt. Die Befreiungssymbolik durchzieht die Show wie ein roter Faden. Mit einem Song zu Ehren von Nelson Mandela beginnt die Aufführung. Mandela hat gesagt: „Um frei zu sein, genügt es nicht, nur einfach die Ketten abzuwerfen, sondern man muss so leben, dass man die Freiheit des anderen respektiert und fördert.“ Das Zitat steht auf der Fassade des Apartheid-Museums, das vor kurzem in Soweto eröffnet wurde. Nebenan liegt Gold Reef City, eine Goldgräber-Kulissenstadt, Disneyland auf südafrikanisch.

Am Tag vor dem Interview ist Walter Sisulu gestorben. Der ANC-Führer war ein Kampfgefährte Mandelas, zusammen waren sie in Robben Island inhaftiert. Die großen alten Männer treten ab von der Bühne. Fast zehn Jahre sind vergangen, seit Mandela zum Präsidenten gewählt wurde, wo steht Südafrika heute? „Die Apartheid ist immer noch in den Köpfen“, glaubt Zenzi. „Wenn mein Vater noch leben würde, würde er immer noch an die Überlegenheit der Weißen glauben.“ Dass „Gumboots“ für das neue Südafrika steht, betont Tale. Und natürlich sei es die Idee der „Black brotherhood“, die sie alle zusammenschweiße. „Unserem Bruder zu helfen und beizustehen, ist für uns selbstverständlich“, sagt Tale. Und zum Schluss verrät er uns den afrikanischen Begriff für diese praktizierte Bruderliebe: Ubuntu.

„Gumboots“ hat am 5. Juni im BKA-Luftschloss Premiere und läuft bis zum 3. August.

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