Kultur : Der Teen, der aus der Hölle kam

Nach Herbert Wernickes Tod setzt David Alden den Münchner „Ring“ fort

Sybill Mahlke

Der junge Siegfried hört seinen Hornruf per Kassette aus dem Ghettoblaster ab. Er ist nicht mehr willens, diese „Waldweise, wie ich sie kann“, selbst zu spielen. Als dumpfer Tor und Haudegen wächst der Sohn Siegmunds und Sieglindes, des verzweifelten Zwillingspaares, bei dem Nibelungen Mime auf. Eine Felsenhöhle nennt Richard Wagner dieses Heim des allein erziehenden Ersatzvaters. Unsere Augen haben sich mit dem Regietheater daran gewöhnt, dass die Nachbildung einer romantischen Existenz in der Wildnis von den Bühnen verschwunden ist. Die Werkgeschichte der Waldopern Webers und Wagners kann die Verletzung der Natur nicht verschweigen, wenn sie mit der heutigen Wahrheit umgehen will.

An der Bayerischen Staatsoper stellt David Alden sich der Aufgabe, einen „Ring des Nibelungen“ zu schultern, dessen Konzept Herbert Wernicke unvollendet hinterlassen musste. Als der große, sanfte, streitbare Regisseur im April 2002 starb, war der Münchner „Ring“ nur bis zum „Rheingold“ gelangt. Mit Hans-Peter Lehmann trat ein Treuhänder des abgebrochenen Nachlasses auf den Plan, um die „Walküre“ nach dem „Gesamtkonzept“ Wernickes aufzubauen. Aus solcher Treue, die Lehmann einst schon Wieland Wagners Inszenierungen entgegenbrachte, kann keine neue Ganzheit erwachsen. Der Produktionsdramaturgin Nike Wagner ist manche Auffrischung der Erinnerungen zu danken. Die Interpretation aber bleibt zwischen den Skizzen stecken.

Wernickes Szenerie, die den Zuschauerraum des Bayreuther Festspielhauses nachbildet, in der „Walküre“ mit Wotan und Fricka am Regiepult, wird im „Siegfried“ verlassen. Wo sie noch zitatweise auftaucht, verbreitet sie Traurigkeit: Wernickes Abschied. Jetzt heißt es: Inszenierung von David Alden, Bühne und Kostüme von Gideon Davey. Denn der Münchner „Ring“ muss nun, mit der „gnadenlosen Unvermeidlichkeit des Theaters“, wie Intendant Sir Peter Jonas sagt, seinen eigenen Weg gehen. Es soll so sein, dass nur „Das Rheingold“ als Vermächtnis bleibt und „Die Walküre“ noch einmal umgearbeitet wird. Ein wenig Zittern um den Ausgang scheint nach dem „Siegfried“ nicht unangebracht. Die Premiere spaltet das Publikum. Das allerdings schafft ein David Alden in München sogar mit Monteverdi. Wohl dem Haus, und seinen Aufführungen, die für solche Ekstasen noch gut sind.

Natürlich werden Generalmusikdirektor Zubin Mehta und das Bayerische Staatsorchester heftig gefeiert, obwohl das Hornsolo ausgerechnet dann Nervosität verrät, wenn es von der Kassette abgespielt sein soll. Die mythischen Gründe der Partitur in den Vorspielen aber, das Lauernd-Grüblerische im ersten und die Fafner-Musik im zweiten, sind ganz Mehtas Domäne. Die Partitur gehört ihm, wo sie nicht von der Szene überspielt wird.

Ensemble vom Markt

Im Sänger-Ensemble dominiert wiederum John Tomlinson als Wanderer und beglaubigt, dass die Siegfried-Tragödie eine Wotan-Tragödie ist. Dem Protagonistenpaar Stig Andersen und Gabriele Schnaut (Siegfried/Brünnhilde) ist trotz bewegender Momente volles stimmliches Glück nicht beschieden. Helmut Pampuch (Mime), Franz-Josef Kapellmann (Alberich), Kurt Rydl (Fafner), Anna Larsson (Erda) bewähren sich in ihren Rollen, ohne besondere Überraschungen. Ein Ensemble eben vom internationalen Wagner-Markt.

Zurück zu Mimes Apartment: Die Reparaturwerkstatt, die der Zwerg betreibt, wird durch eine Wand mit notdürftig reparierter Blümchentapete von der Privatwohnung im Vordergrund abgegrenzt. Schlupflöcher öffnen sich wie von Geisterhand. Aus einer Versenkung kommt ein Wasserklosett, das Siegfried dringend benötigt, aus einer weiteren die Stimme Wotans. Der Gott, der keiner mehr ist, schläft nun unter Brücken, während die Welt ihn „Wanderer“ nennt. Hartnäckig ist er imstande, die Wissenswette wie ein TV-Quiz für Mime, den armen Kerl in roten Pumps, zu arrangieren. Dessen Nachkriegs-Fernseher ist ohnehin wie vieles andere in seiner Bruchbude nichts mehr wert. Kurzschluss – es brauset und zischt.

Das alles ist mit leichter Hand inszeniert. Einer der Raben aus Wernickes stummem Personal assistiert dem Wanderer noch – ein Haudegen wie sein Enkel Siegfried, der hier als teenager from hell aufwächst, versehen mit Techno-Staffage und Rockerjacke. Roboter und Drachen dienen ihm als Spielzeug, bis er im Motorraum eines Oldtimers sein Schwert schmiedet. Damit schlägt er Mimes Reich kurz und klein.

Der zweite Akt geht vom Provisorium mit Plastikstühlen in eine surrealistische Landschaft über, in der Hieronymus Bosch mit den aufplatzenden Eiern seines „jüngsten Gerichts“ regiert. Es kommt auch schon mal ein Kinderüberraschungsei vor. Dem verschenkten „Waldweben“ und Siegfrieds Ghettoblaster-Einsatz folgt eine unheimliche Hospital-Metapher: Mime als Rote Kreuz-Schwester und sein Nibelungen-Bruder Alberich als Arzt schmeißen den toten Fafner vom Krankenbett, um alsdann den Streit durchzuhecheln, wer nun der Herr des Ringes werden soll. Erda, der Welt weisestes Weib, ist zu einem Fräuleinwunder degeneriert, und wenn Wotan ihr von der schlafenden Brünhilde erzählt, zeichnet er ihre Lage mit Kreide auf den Boden, wie Kriminalbeamte es am Fundort von Leichen zu tun pflegen.

Der Wanderer legt sich auf diese Kreidezeichnung, später lehnt Siegfried seinen Kopf an den Alten: Die Inszenierung, die sich leicht verplaudert, ist der Wotan-Familie mit ihrer Chronik sehr zugetan und deutet immer wieder auf die Verwandtenliebe. Siegfried entdeckt seine eigene Sexualität, bevor ihm Brünhilde, die er zunächst nicht sieht, sondern erträumt, aus einem Autocrash hervorkrabbelt. „Leuchtende Liebe, lachender Tod“ ist ein Gesang am Abgrund. „Weißt du, wie das wird?“ fragt sich der Zuschauer im Hinblick auf die bevorstehende „Götterdämmerung“.

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