Kultur : Der Tempelritter

Florian Horwath kam, um sich zu finden. Das ist erledigt. Nun erscheint sein hinreißendes Pop-Debüt

Sebastian Handke

Ein neues Genre ist in der Welt: Das Umarmungslied. Es heißt „When The Light Came Around“, verbindet heiteren Sixties-Pop mit ausgelassenem Klaviergeklimper und einem Walzertakt, und es handelt vom Songwriter Cat Stevens, der in Malubi fast ertrunken wäre und hernach zum Licht fand als Yusuf Islam. Vorgetragenen wird es von Florian Horwath, gebürtiger Tiroler, ehemaliger Bigmac-Brater und Absolvent des Jahrestrainings am Berliner Institut für Lebenskunst. Dieser Mann ist im Reinen mit sich selbst, und er mag nun ein wenig dazu beitragen, dass es anderen auch so geht.

In etwa einer Woche erscheint Horwaths Debütalbum „We Are All Gold“ und es wird einiges an Umarmungsmusik enthalten, Stücke mit Titeln wie „The Birds“, „Inner Boy Lovesong II“ oder „Loss Trainingcamp“. „Es gibt momentan so viel an bewusster Verunsicherung“, sagt Horwath, „so viel Jonglieren mit Menschen und Befindlichkeiten, überall wird an einem gezerrt. Ich würde mir wünschen, dass meine Platte über die Musik hinaus einen Beitrag leistet: dass man sich umarmt oder einfach gemeinsam ist.“

Man könnte jetzt meinen, dass „We Are All Gold“ in Pastell gehaltener Esoterik-Klingklang ist oder ein Tamburin-unterfüttertes „Hey, und jetzt alle!“. Aber es ist nur die freundliche und stille Umarmung eines Menschen, der sagen will: „Ich kenn das. Mach Dir keine Sorgen“. Eine intime Sammlung eigenwilliger kleiner Popsongs, die keineswegs tröstend sind, sondern eher mitwissend, gelegentlich auch introspektiv. Zunächst, sagt Horwath, muss man seinen Frieden machen mit sich selbst.

Der junge Österreicher hatte dafür die allerbesten Startbedingungen: aufgewachsen am Stadtrand von Innsbruck, ganz nah an den Bergen, die in ausgedehnten Wanderungen mit den Eltern gemeinsam erobert wurden. Horwaths Onkel produzierte derweil Opern für die Deutsche Grammophon in Hamburg, und wenn er auf der Durchreise war, ließ er dem Jungen Kistenweise Klassik-CDs da, die sich dann in dessen Zimmer stapelten. Doch Florian Horwath widerstand der Versuchung. Er machte sich lieber an den alten Mix-Tapes seiner Eltern zu schaffen. Nachdem er mit deren Siebzigerjahre- Pop durch war, schnitt er sein Programm vom Radio mit, Zeige- und Mittelfinger auf Play- und Recordtaste, bissig bemüht, in die Musik quatschende Radiomoderatoren aus dem Songfluss zu entfernen. Eine Unart übrigens, die er sich später als Redakteur der FM4- Sendungen „Nachtschatten“ und „La Boume Deluxe“ verbot. Da wurde geredet, wenn die Musik verklungen war.

Doch jede Weste hat ihre dunklen Flecken. Auch die eines Umarmungsmusikers, dessen hünenhaft schlanke Erscheinung noch jedes Jesus-Film-Casting für sich entscheiden könnte. In seiner Jugend nämlich trieb Horwath sich in einem Keller namens Prometheus herum und hörte dort „eher so darkere Sachen“ wie Dead Kennedys oder Sisters of Mercy. Deren „Temple of Love“ war ihm ein Monumentalereignis. „Ich mag es halt, wenn es mitten ins Herz geht.“

Heute zieht sich Horwath lieber mit einer Hand voll Schweden, die schon für Cardigans-Sängerin Nina Persson spielten, in eine Landscheune südlich von Malmö zurück. Dort wurden die zwölf Lieder seiner ersten Platte aufgenommen. Die Demobänder allerdings, die er als Vorlagen in der Tasche hatte, waren in Kreuzberg entstanden. In einem dunklen Hinterhofzimmer in der Graefestraße, das er von einer Italienerin gemietet hatte. Ein Rudimentalstudio mit zwei Gitarren und einer Matratze: „Das war sehr speziell – dunkel und kalt, auch im Sommer. Freunde, die dort übernachteten, fanden es ziemlich mysteriös.“

Schwedens Licht und Kreuzbergs Schatten, ein wechselfarbiges Arrangement, das heitere Popsongs („We’ll be running around, till the sun don’t shine anymore“) und jene anderen Stücke prägt, um sich selbst kreisende, traurige Lieder, die stets von der Furcht begleitet werden, dieser Sänger könnte jeden Augenblick abbrechen und mit hängenden Schultern davongehen: „I was so afraid of life, I wanted to cut it off with a knife“.

Als Horwath vor drei Jahren nach Berlin kam, trat er mit Michelle Grinser als Grom auf, da war der Sound noch elektronisch. Doch auch als DJ Tschamba Fii stand ihm der Song stets näher als die Fläche, weshalb er seine Sets auch mit Stücken von The Doors oder Roky Erickson würzte: „Ich mag es einfach lieber, wenn es da etwas gibt, mit dem man sich anfreunden kann.“ Eine Art von Freiheit, die in der Einfachheit gründet.

In seiner Wiener Phase mietete Horwath im verödeten Museumsquartier die verwaiste Privatgarage des Wiener Stadtrats Marek an, um das Plattenauflegen mit dem Liveact zu verschmelzen, mit Installationen, Musik und einem offenen Programm, das gelegentlich auch die Kleinkunst streifte. Sogar eine Boccia- Nacht gab’s mal: Kugelstoßen zur Livemusik, und der Nachtwächter, mit Schnaps bestochen, stand lächelnd an der Bar.

Den Zug zum Happening hat sich Horwath bewahrt. Seine Auftritte, zu denen der ehemalige Sisters-of-Mercy-Adept gelegentlich im Strickjäckchen erscheint, sind hochriskante Veranstaltungen, bei denen der sonst eher zu leisen Tönen neigende Mann das Publikum zum Mitklatschen, die Gitarre zum Kreischen bringt und selbst völlig austickt. Die Songs fallen auseinander, die Stimme kollabiert. „Dieser Typ ist kein Musiker“ stellten Naked Lunch fest, als Horwath mit ihnen auf Tour ging, „das ist ein Religionsstifter“.

Florian Horwath spielt heute im Pfefferberg, 21 Uhr 30. „We Are All Gold“ erscheint am 24. April (Louisville Records).

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