Kultur : Der Terror der Ohnmacht

MARTIN WILKENING

Albanien: ein europäischer Bürgerkrieg.Ein Staat, der sich selbst zerstört.Warum? Bericht aus Tirana - über die Tage vor dem Exodus der Ausländer und die letzten Stunden im letzten Kaffeehaus der StadtVON MARTIN WILKENINGDer Tag brachte einen heftigen politischen Streit mit meiner Freundin.Sie gehört zu der jungen albanischen Generation, die den Sturz des Kommunismus 1990/91 am Anfang des Studiums oder am Ende der Schulzeit miterlebt hat.Diese Generation lebt heute voller Furcht vor einer Rückkehr des Kommunismus in Albanien.Kritik am Präsidenten Sali Berisha ist für sie nur schwer zu ertragen.Aber wie so vieles hat sich auch die große Propagandamaschine des Präsidenten aufgelöst.Die Nachrichtenredaktion des albanischen Fernsehens ist inzwischen zum größten Teil zurückgetreten oder ins Ausland geflüchtet, und eine spürbar unsichere und furchtsame Journalistin läßt in den 20-Uhr-Nachrichten zum ersten Mal wieder den ehemaligen sozialistischen Ministerpräsidenten zu Wort kommen. Den Tag zuvor hatte ich im Hotel Europapark verbracht, dem vor etwa einem Jahr eröffneten österreichischen Luxushotel, dessen Foyers seit Beginn des Ausnahmezustands in Tirana zum zentralen Caféhaus geworden sind.In den hunderten anderen Cafés und auf den Straßen herrscht ab mittags gähnende Leere. Daß die albanischen Journalisten hier den Tag verbringen, liegt nicht nur daran, daß sich hier zusammen mit den ausländischen Journalisten der zentrale Gerüchte-, Nachrichten-, Spekulations- und Konferenzbasar etabliert hat, wo jeder jeden treffen kann.Es liegt auch nicht nur daran, daß praktisch die gesamte albanische Presse, die regierungsnahe wie die unabhängige, durch die wiedereingeführte Zensur arbeitslos geworden ist - mit Ausnahme der Parteizeitung der Demokratischen Partei Berishas, die jedoch als neue Monopolzeitung keinen besonders guten Absatz findet.Um fünf Uhr nachmittags müssen die Artikel den Zensurbehörden vorgelegt werden, ab sechs Uhr herrscht allgemeines Arbeitsverbot auch für die Drucker. Ausnahmegenehmigungen werden zwar erteilt, aber nur mit persönlicher Registrierung.Davor hat jedermann Angst.Der andere, ebenso ernste Hintergrund dieser blühenden Caféhaus-Atmosphäre, die Tirana so vorher nicht kannte, ist jedoch, daß einige Nächte vorher die Fensterscheiben des bis dahin bevorzugten Journalistencafés von Maschinengewehrsalven durchlöchert worden sind.Auch die Redaktion der größten Zeitung des Landes, der unabhängigen "Koha Jone" ("Unsere Zeit"), wurde in einer nächtlichen Aktion niedergebrannt.Zerstört ist das Archiv, zerstört sind sämtliche technischen Einrichtungen. "Koha Jone", gegründet in den Umwälzungen 1991, nicht in Tirana, sondern im nordalbanischen Lezha, war als einzige Zeitung wirklich im ganzen Land verbreitet.Sie wurde stets am heftigsten schikaniert und lancierte stets die giftigsten, oft auch demagogischen Attacken gegen Präsident und Regierung.Zu Beginn der Unruhen im Januar 1997, als das Versagen des albanischen Fernsehens als Nachrichtenmedium eklatant wurde, konnte diese Zeitung ihre Auflage auf fast 60 000 Exemplare verdoppeln.Der Anschlag gegen sie hat auch zu einer internationalen Solidaritätsaktion geführt: die Redaktion hat im englischen "Guardian" eine Sonderseite aus Tirana gestaltet, andere Zeitungen werden dem Beispiel folgen. Tirana war bis Donnerstag abend ruhig gewesen.Die Stimmung allerdings war bereits zum Zerreißen gespannt, weil stündlich neue Nachrichten und Gerüchte vom Zerfall der staatlichen Ordnung in anderen Städten ankamen und weil auch in Tirana seit Mittag kaum noch uniformierte Polizei auf den Straßen zu sehen war.Die 20-Uhr-Nachrichten dauerten an diesem Abend wieder die übliche halbe Stunde, nachdem in den Vortagen, wo es viel zu berichten gegeben hätte, manchmal schon nach zehn Minuten Schluß war.Nicht ein einziges Mal wurde in dieser Zeit die Situation des Landes im Fernsehen in irgendeiner Form diskutiert. Direkt nach den Nachrichten ging es dann plötzlich draußen los - zuerst mit Leuchtmunition, dann mit Gewehrfeuer.In allen Himmelsrichtungen wurde rund um Tirana pausenlos geschossen, die Nacht hindurch und auch den ganzen nächsten Tag. Unsere Flucht war weniger angenehm als die, mit der das deutsche Fernsehen unsere Soldaten in Aktion gezeigt hat.Begonnen hat sie in Tirana am Donnerstag um 15 Uhr, beendet wurde sie, nach einer nervenzehrenden Nacht im geplünderten und besetzten Hafen von Durres, am Freitag abend um 23 Uhr in Brindisi.Die Bilder unterwegs: vor allem Plünderungsszenen von apokalyptischen Dimensionen.Eine hügelige Landschaft mit Rauchsäulen im Hintergrund, im Mittelgrund zerstörte Lagerhallen und davor Hunderte von Menschen, die auf alle mögliche Art beiseite schaffen, was Gebrauchswert haben könnte.Kleine Kinder tragen Sechserpacks Mineralwasser, Frauen schieben Karren voll mit Mehl- und Zuckersäcken, Männer beladen Kleintransporter mit Beute. Was in Albanien in diesen Tagen passiert, ist eine kollektive Selbstzerstörung (aber kein "kollektiver Selbstmord", wie es etwas zu pathetisch der Schriftsteller Ismail Kadaré in einem Interview genannt hat).Es bleibt auch für Kenner des Landes unklar, was oder wer die Bewegung all der einzelnen Zerstörungszellen eigentlich treibt und steuert.Als "Körper ohne Kopf" bezeichnet dieses kollektive Wesen der Journalist Apollon Baçe, der auch als Korrespondent der Deutschen Welle in Albanien arbeitet und als solcher in einer der tragischsten Einzelepisoden vom Albanischen Fernsehen übel denunziert wurde.Als es nämlich zwischen all dem anderen "roten Terror" der "bewaffneten kommunistischen Banditen" meldete, ein Mann habe vor laufender Kamera in Anwesenheit des Korrespondenten der Deutschen Welle als Beweis der Unmenschlichkeit der Rebellen ein Kind erschossen.Die Korrespondenten gehörten zu der Agentur Reuters, und die Geschichte ist furchtbar genug: der Kameramann filmte in einer der für diese Tage typischen Fernsehszenen in die Luft schießende Aufständische.Darunter auch einen alten Mann, der sich eine Waffe in die Hand drücken ließ, das Maschinengewehr jedoch nicht halten konnte und so ein neben ihm stehendes Kind erschoß.Der Mann soll sich danach umgebracht haben. Einer, der diese Vorgänge schon im Januar als Prozeß der Selbstzerstörung vorhergesehen hat, ist der Architekt, Maler und Schriftsteller Maks Velo.In der Hodscha-Zeit wurde Velo als Architekt gelobt, geschmäht, schließlich ins Gefängnis geworfen.Velo hatte für eine Anti-Gewalt-Kampagne der in Albanien sehr aktiven Soros-Stiftung ein Plakat entworfen, das in archaisch-abstrahierender Figuration ein sich selbst zerlegendes Wesen zeigte.Es blieb beim Entwurf.Das staatliche Fernsehen startete stattdessen eine eigene, primitive "Intellektuelle-Gegen-Gewalt"-Kampagne, bei der die "Intellektuellen" volkserzieherisch in die Pflicht genommen wurden: pathetische, leere Appelle von vorgeblich humanistischem Geist, in den Nachrichten plaziert zwischen der scharfen antikommunistischen Rhetorik der Parteifunktionäre und reichlicher Häme über das von Demonstrationen geschüttelte Serbien. Unter diesen Appellen gab es aber auch differenzierte Äußerungen, zum Beispiel von dem Filmregisseur Kujtim Çashku, dessen "Colonel Bunker" in diesem Jahr als erster albanischer Film eine Nominierung für den Oscar erhielt.Cashku findet in seinem Film ein Bild für das grundlegende Dilemma der albanischen Gesellschaft: er benutzt als deren Zeichen den Bunker.Ironischerweise kann den Film in Albanien niemand sehen, weil selbst die Hauptstadt Tirana mit ihren 500 000 Einwohnern über kein einziges Kino verfügt (und dies nicht als Ergebnis der Hodscha-Zeit, sondern als Ergebnis der jüngsten Entwicklung). Die genannte Kampagne des albanischen Fernsehens beweist, wie richtig die radikale Kritik des Schriftstellers Fatos Lubonja an den Intellektuellen seines Landes ist.Lubonja, als ehemals inhaftierter Kritiker des alten Systems wie als Kritiker des neuen Systems zwischen allen Stühlen sitzend und einer der ganz wenigen unkonventionellen und unabhängigen Köpfe, hat eines der letzten Hefte seiner Zeitschrift "Perpjekja" ("Bemühung") den "albanischen Intellektuellen" gewidmet, die seiner Ansicht lediglich als Produkt alten Kaderdenkens existieren: er sieht sie als Sekretäre, die sich selbst in permanenter Selbstüberschätzung betrachten.In der Tat scheint Selbstüberschätzung bei weitgehend fehlender Selbstkritik eines der Hauptdefizite der albanischen intellektuellen Kultur zu sein, wozu als letztes Beispiel noch ein in diesen Tagen vielbeschworener Vergleich dienen soll: viele Albaner sehen in ihrem Land nicht ungern ein "zweites Bosnien" entstehen.Denn die Albaner verstehen sich gerne als von den Serben unterdrückte Bosnier (sprich Kosovaren), und falls die Unruhe im eigenen Land nur eskaliert (Opfer werden in Kauf genommen), dann, so denken sie, wird es auch im Kosovo zu einer antiserbischen Erhebung kommen.Irgendwie spiegelt der unsinnige Bosnien-Vergleich das albanische Gefühl der Ohnmacht - wenn schon die Kosovaren von sich aus nichts gegen die Serben unternehmen, dann zeigen wir eben, wie man es macht, um den Preis der Selbstzerstörung. Ein bitterer Witz, der in Albanien 1992/93 die Runde machte, ging in die gleiche Richtung: Saddam Hussein kreist im Flugzeug um die Welt, um alles in Schutt und Asche zu legen.Als das Flugzeug über Albanien fliegt, sagt Hussein erleichtert: "Hier waren wir schon." Der Autor lebt seit vier Jahren als Deutschlektor des DAAD in Tirana.

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