Kultur : Der Teufel bittet zum Tango

NINA PETERS

Kurz vor Beginn der Reise durch das theatrale Labyrinth von "Oraculos", das der kolumbianische Regisseur Enrique Vargas im Berliner Spreespeicher errichtet hat, bleibt ein bißchen Zeit. An der Spree sitzend, sinniert man vielleicht noch über eine jeweils selbst gewählte persönliche Frage, zu der die Besucher von einem der Schauspieler ermuntert werden: vor dem nun folgenden einsamen Weg durch 22 Stationen. Dabei aber drängt sich zunächst eine ganz andere, näherliegende Frage auf: Was um alles in der Welt haben die soeben schon aus dem Spreespeicher, einer alten Lagerhalle, vor uns herauskommenden Reisenden erlebt? Sie verlassen das Labyrinth der Aufführung mit ihren Schuhen oder einem Stück Brot in der Hand, Mehlspuren auf den Kleidern, einer Tarotkarte um den Hals, leicht abwesend und eigentümlich wissend lächelnd. Wirken diese Besucher in ihrer sonderbaren Verzauberung nicht so, als hätten sie gerade eine Katharsis, eine innere Verwandlung durch die Anregung der Sinne, erfahren?Jeder Besucher wird anderes berichten. Doch vielleicht sollten die Stationen und Erlebnisse, sinnlich und erotisch wie selten ein Schauspiel,am besten Geheimnis bleiben. Diese Reise durch das Labyrinth von Vargas, der in den 60er Jahren schon bei den Anfängen des New Yorker La-Mama-Theaters dabei war, offenbart einen hochpersönlichen Traum vom Theater. Die drei Grundprinzipien seines Spiels sind Einsamkeit, Dunkelheit, Stille. Variablen der anfangs gestellte Frage. Eine gezogene Tarotkarte (etwa die Liebenden, der Wagen oder auch der Gehängte), deren archetypisches Bild ein möglicher Schlüssel zur Antwort ist. Der Teufel bittet hier zum Tango und der Tod zum Wühlen in Weizenkörnern.Die Neugier treibt an. Die Unsicherheit hemmt, wenn Gänge zu dunkel, ein Spiegelkabinett undurchschaubar sind - bis irgendwoher eine Figur auftaucht. Oder auch nur ein Finger: als Orientierung und Versicherung, daß hier kein Minotaurus waltet, sondern umsichtige, oft unsichtbare Figuren aus dem Tarotspiel. Und als Bestätigung, daß Verlorensein dem Finden vorausgeht.Vargas erklärt in seinem "Theater der Sinne" das Sehen für sekundär. Man geht tastend vorwärts. Leise Musik, Flüstern, Plätschern erfüllen den Raum wie die verschiedenen Gerüche, die als Auslöser wirken für verborgene Erinnerungen. Das hat schon Marcel Proust beschrieben, auf den Vargas sich bezieht. Und wie "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" geht auch im Spreespeicher die Chronologie der Erlebnisse verloren. Nach eineinhalb Stunden Reise, die länger erscheinen, strandet man wieder am Spreeufer. Die Tarotkarte um den Hals und dieses wissende Lächeln im Gesicht.

Stralauer Allee 1-3, bis 4. Juli, EinlaßDienstag bis Sonnabend 17-21 Uhr, Sonntag 15-19 Uhr, Karten nur im Vorverkauf.

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